Beten im Auto

Ökumenischer Autogottesdienst auf der Rheinpromenade in Wesel

© epd-bild/Udo Gottschalk

Ökumenischer Autogottesdienst auf der Rheinpromenade in Wesel mit dem katholischen Kreisdechanten Stefan Sühling und dem evangelischen Superintendenten Thomas Brödenfeld und etwa 130 Autos.

Beten im Auto
Gemeinden laden in Corona-Zeit zu Autogottesdiensten
Hupen für Fürbitten, Ansprachen und Musik strömen über das Radio ins Auto: In der Corona-Krise feiern die Kirchen alternative Gottesdienste. Ein Autokino nutzen die Gemeinden in Wesel für einen ökumenischen Gottesdienst.

Zahlreiche Autos parken schon auf den Rheinwiesen in Wesel. Die Menschen stehen vor ihren Fahrzeugen und unterhalten sich mit Abstand, die Sonne scheint. In den vorigen Tagen fand hier ein Autokino statt, am Sonntag steht der Ort ganz im Zeichen der Kirche: Die evangelische und katholische Gemeinde in Wesel feiern einen ökumenischen Gottesdienst. Wegen der Corona-Pandemie suchen die Kirchen nach alternativen Formaten, eines ist der Autogottesdienst. Die Besucher feiern aus ihren Wagen mit, die Pfarrer stehen auf einer Bühne unter freiem Himmel. Ihre Worte überträgt eine UKW-Frequenz in die Autos.

Ins niederrheinische Wesel sind junge Familien sind gekommen, ebenso wie Senioren. Auf dem Platz steht eine Bühne mit Mikrofonen für die Pfarrer und Musiker. Durch einen Spalt im Autofenster bekommen alle Besucher ein Heft und eine Kerze gereicht. Als der Gottesdienst beginnt, ist der Parkplatz gefüllt. "Um zu klären, ob sie mich verstehen, würde ich Sie bitten, einmal auf die Hupe zu drücken", sagt Stefan Sühling, katholischer Kreisdechant in Wesel. Prompt ertönen die Autohupen. "Dann sind wir also auf Sendung." Der Autogottesdienst startet mit einem Lied, das aus dem Autoradio erklingt.

Eine Bildübertragung gibt es nicht, da die Leinwand des Autokinos nicht für Tageslicht geeignet ist. Das tut dem Erlebnis aber keinen Abbruch, findet Thomas Brödenfeld, leitender Theologe im evangelischen Kirchenkreis. "Auch wenn wir nur als sehr kleine Männchen zu erkennen sind, haben die Gottesdienstbesucher doch das Gefühl, dass sie mittendrin dabei sein können", sagt der Superintendent vor dem Gottesdienst. Der Autogottesdienst biete eine Möglichkeit, die Distanz technisch zu überbrücken. "Über Ultrakurzwelle vermittelte Gemeinschaft", nennt der katholische Pfarrer Sühling das.

Brödenfeld erklärt, die Stadt Wesel habe die Kirchen gefragt, ob sie einen ökumenischen "Drive-un-Gottesdienst" im Autokino veranstalten wollten. Da Gottesdienste in den Kirchen in den letzten Wochen nicht möglich waren, habe man das Angebot dankbar angenommen. Die Organisation übernahm das Stadtmarketing Wesel, damit sich die Pfarrer ganz auf den Gottesdienst selbst konzentrieren konnten.

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Der ist nämlich in manchen Punkten anders als der klassische Sonntagsgottesdienst: So schallt, als die Fürbitten vorgetragen werden, als Antwortruf ein Hupkonzert über die Rheinwiesen. Natürlich fehle der persönliche, direkte Kontakt zu den Menschen, meint Brödenfeld. Doch er findet: Die neuen Formate können "auch eine Chance sein, kirchliches und gottesdienstliches Leben für die Zukunft anders zu justieren und weiterzuführen". Trotzdem sind vorerst keine weiteren Autogottesdienste in Wesel geplant. Sollte sich aber noch einmal die Möglichkeit bieten, werde man sicher darüber sprechen, meint Brödenfeld.

Wie viele der 668 evangelischen Gemeinden in der rheinischen Kirche neben den Protestanten in Wesel Autogottesdienste feiern, könne man nicht sagen, sagt Wolfgang Beiderwieden, Pressesprecher der Evangelischen Kirche im Rheinland. Insgesamt seien Autogottesdienste aber eher die Ausnahme. Auch er sieht Chancen in dem neuen Format: "Autogottesdienste sind eines der fantasievollen Angebote, mit denen Presbyterien in Zeiten der Corona-Pandemie dennoch Gottesdienst feiern." Anders als bei gestreamten Gottesdiensten seien alle Teilnehmenden "leibhaftig anwesend, noch dazu mit dem gebührenden Abstand", sagt er.

Rund 90 Christen haben am Sonntag in Göttingen in ihren Autos einen ökumenischen Gottesdienst gefeiert.

Auch auf dem Gelände des Flughafens Paderborn/Lippstadt kamen am Sonntag Christen für einen ökumenischen Autogottesdienst zusammen. Weitere Autogottesdienste sind geplant, auch wenn in NRW ab Mai wieder die Kirchen für Präsenzgottesdienste öffnen können: Zum Tag der Arbeit am Freitag etwa laden die evangelische und katholische Kirche in Dortmund zu einem Gottesdienst über Arbeit in der Corona-Krise, Überlastung und Existenzängste.

Zum Abschluss des Gottesdienstes in Wesel ertönen noch einmal die Hupen, bevor die Autos den Platz verlassen. Zum Abschied winken die Pfarrer den Besuchern in ihren Fahrzeugen zu, einige winken aus ihren Fenstern zurück und recken den Daumen nach oben. Als alle Autos den Platz verlassen haben, zieht Pfarrer Brödenfeld ein positives Fazit: "Es war eine absolut gelungene Sache, auch wir Pfarrer haben uns sehr wohlgefühlt", sagt er. Er sei überrascht, wie viele gekommen seien. "Daran merkt man auch, dass die Menschen eine große Sehnsucht nach Gottesdiensten und Gemeinschaft haben", sagt er. Diese Sehnsucht habe man mit dem Autogottesdienst erfüllen können.