TV-Tipp: "Das Gesetz sind wir" (ZDF)

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TV-Tipp: "Das Gesetz sind wir" (ZDF)
25.3., ZDF, 20.15 Uhr
Irgendwann fällt dieser eine Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Im Fall von Klaus Burck ist tatsächlich Flüssigkeit im Spiel: Als ihm ein kleiner Pisser ins Gesicht spuckt, platzt dem Bremer Streifenpolizisten der Kragen.

Der Schlag ist ein Reflex, aber er hat fatale Folgen, zunächst für das Nasenbein des Jungen, dann für Burck und seine Kollegin Maja Witt: Das Opfer, das eigentlich ein Täter ist – der Bursche wollte mit seinen Freunden einen Obdachlosen anzünden – entpuppt sich als jüngster Sohn von Clanchef Djamal Issa; und der betrachtet den Schlag selbstredend als Verletzung der Familienehre. Burck und Witt haben nun die Wahl: Kuschen oder Krieg; aber Kuschen ist nicht ihr Ding.

Freunde der Filme von Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt werden bereits beim Namen Klaus Burck aufmerken: So hieß eine von Hinnerk Schönemann verkörperte Figur in dem Thriller "Mörderische Erpressung"; ein mutiger Dorfpolizist, der sich wie im Western-Klassiker "High Noon" gegen eine Übermacht stellt. Dieses Muster taucht in Schmidts Geschichten immer wieder auf, unter anderem in "13 Uhr mittags" (ARD, 2018) mit Jörg Schüttauf als Dorfsheriff, der über sich hinauswachsen muss. Das Drehbuch hat Schmidt unter einem Pseudonym geschrieben: Klaus Burck. Querverweise dieser Art gibt es im Universum des Autors ständig, und das nicht nur wegen der regelmäßig auftauchenden Figur des unerschrockenen Dorfpolizisten, wie ihn Aljoscha Stadelmann in der ARD-Reihe "Harter Brocken" verkörpert. Stadelmann spielt auch den Bremer Burck, Regie führte der Schweizer Markus Imboden, der schon ein Dutzend von Schmidts Drehbüchern verfilmt hat; die beiden sind 2010 für den Insel-Western "Mörder auf Amrum" (ZDF) mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden.

An diese Klasse kommt "Das Gesetz sind wir" allerdings ebenso wenig ran wie an "Harter Brocken". Auch im Vergleich zur vierteiligen Finn-Zehender-Reihe mit Schönemann, die Imboden und Schmidt ebenfalls fürs ZDF (2011 bis 2014) gemacht haben, wirkt der Film insgesamt weicher: Die Figuren sind nicht ganz so hartgesotten, der Humor ist längst nicht so grimmig, die Sprüche sind bei Weitem nicht so böse, die einzige Actionszene gegen Ende ist relativ harmlos; selbst die Schussgeräusche klingen nicht tödlich. Vielleicht rührt daher das ZDF-Etikett "Krimikomödie", das der Geschichte allerdings nicht gerecht wird. Die Handlung hat zwar gelegentlich heiteres Potenzial, zumal Schmidt mit einigen Überraschungen aufwartet, aber Imboden hat zum Glück darauf verzichtet, die entsprechenden Szenen komödiantisch zu inszenieren.

Von den anderen Krimis Schmidts unterscheidet sich "Das Gesetz sind wir" nicht zuletzt durch den auch für einen ZDF-Film ungewöhnlichen Schauplatz Bremen: In einer Stadt funktionieren selbst typische Schmidt-Geschichten zwangsläufig anders als in freier Wildbahn, zumal Burck und seine Kollegin Witt (Julia Koschitz) ihren skrupellosen Gegner (Merab Ninidze) mit List und Verstand bekämpfen. Zunächst gelingt es ihnen, den jungen Ahmed Issa (Rauand Taleb) und seinen gerissenen Anwalt (Marc Hosemann) reinzulegen, indem sie den beiden Drogen unterjubeln; das Geld, das sie bei der Vereitelung eines großangelegten Deals erbeutet haben, verteilen sie großzügig an Bedürftige. Aber der alte Issa hat seine Leute auch bei der Polizei, weshalb der Plan doch noch misslingt. Außerdem schlägt der Clan zurück und trifft die beiden dort, wo es ihnen am meisten weh tut. Burck und Witt ist daher klar: Dieses Problem muss ein für alle mal gelöst werden, sonst werden sie ihres Lebens nie wieder froh. Ihr Clou mag nicht so ausgeklügelt sein wie im gleichnamigen Klassiker mit Robert Redford und Paul Newman, aber wie sie ihren Kopf aus der Schlinge ziehen, ist nicht nur äußerst clever, sondern auch ein großes Vergnügen, zumal ihnen außerdem Issas Maulwürfe ins Netz gehen.

Neben der teilweise ungewöhnlichen Besetzung – die Verräter werden von Bernadette Heerwagen und Michael Wittenborn verkörpert – lebt Schmidts Geschichte vor allem vom verblüffenden Wandel der beiden Hauptfiguren, die keine Lust mehr haben, am Ende "immer die Gearschten" zu sein, wie es Burck formuliert, und schließlich neben einer beachtlichen Raffinesse auch große Freude an der Hochstapelei offenbaren: Um sich im Fuhrpark der Polizei bedienen zu können, geben sich die beiden frech als Verfassungsschützer aus; clever verzögert Schmidt Ziel und Zweck dieser Aktion. Reizvoll ist auch die umgekehrte Rollenverteilung "Guter Bulle, böser Bulle": Burck ist ein sanftmütiger Typ, der Delinquenten ausgesucht höflich behandelt; Witt ist dafür zuständig, die Ganoven im Wortsinne aufs Kreuz zu legen. Stadelmann und Koschitz haben sich schon in zwei Episoden von "Harter Brocken" perfekt ergänzt, dort allerdings als Gegenspieler.

Der Film ist zudem eine Verbeugung vor den uniformierten Polizisten, die im Hauptabendkrimi meist bloß die Laufburschen der Kommissare sind. Der Verteidiger (Özgür Karadeniz) der Gegenseite, der das Komplott gegen den jungen Issa und dessen Anwalt durchschaut hat, bringt es in der Verhandlung auf den Punkt, als er von fehlender Anerkennung und Wertschätzung für die Männer und Frauen spricht: Heute bringen sie die Kleinganoven hinter Gitter, morgen müssen sie frustriert feststellen, dass das Gesocks wieder auf freiem Fuß ist. Demgegenüber stehen herzerwärmende Szenen wie jene, in denen sich Burck liebevoll um seinen dementen Vater kümmert. Der alte Herr wird von Heiner Stadelmann verkörpert, der auch im wahren Leben Aljoschas Vater ist.

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