TV-Tipp: "37 Grad: Zwischen Frust und Hoffnung"

Altmodischer Fernsehapparat steht auf Tisch.

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TV-Tipp: "37 Grad: Zwischen Frust und Hoffnung"
25.2., ZDF, 22.15 Uhr
Ausgerechnet jene, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, anderen zu helfen, werden immer wieder zum Ziel von Angriffen. Das gilt nicht nur für Einsatzkräfte auf der Straße, sondern auch für die Mitarbeiter in Jobcentern und Sozialämtern. "37 Grad"-Autorin Jana Lindner hat dreien von ihnen mit ihrer Reportage "Zwischen Frust und Hoffnung" ein filmisches Denkmal gesetzt. Die Anwesenheit eines Filmteams hat selbstverständlich immer Einfluss auf das Verhalten der Personen vor der Kamera, aber die Offenheit und Herzlichkeit gerade der beiden Frauen wirken sehr natürlich und in keinem Moment aufgesetzt. Höchstwahrscheinlich trifft man in Ämtern auch auf Mitarbeiter, die ihre Klienten frei von Empathie betrachten, aber offenbar wollte die Autorin zeigen, wie der Umgang miteinander im Idealfall aussehen sollte.

Lindner hat zwei Frauen und einen Mann über ein halbes Jahr lang immer wieder besucht. Klugerweise konzentriert sich ihre Reportage auf wenige Fälle; so kann sie zeigen, wie die herausfordernde Arbeit der vermeintlichen Hoffnungslosigkeit zum Trotz Früchte trägt. Eine Mitarbeiterin des Sozialamts Magdeburg – sie betreut vierzig bis fünfzig Personen pro Monat, manche über Jahre hinweg – soll Menschen davor bewahren, in die Obdachlosigkeit abzurutschen. Der Film dokumentiert ihre Bemühungen um einen Rentner, dem die Zwangsräumung droht, weil er seit Monaten seine Miete nicht bezahlt hat. Als ihn die Frau daheim aufsucht, trifft sie auf eine völlig verwahrloste, vermüllte und ganz sicher entsprechend stinkende Wohnung; es ist Hochsommer. Freundlich bittet sie ihn darum, das Gespräch doch lieber draußen zu führen, ansonsten bleibt sie entspannt: Sie habe schon viel Schlimmeres erlebt.

Es ist gerade diese Gelassenheit, die sehr für die beiden Frauen vom Amt einnimmt. Bei der Sachbearbeiterin vom größten Berliner Jobcenter, die 500 Personen betreut, kommt ein entscheidender Faktor dazu: Sie war früher selbst Hartz-IV-Empfängerin und weiß, wie es ist, wenn man vom Schicksal aus dem gewohnten Dasein gerissen wird. Sie hat die Abwärtsspirale erlebt, die zur Folge habe, dass man immer träger werde und den Glauben an sich selbst verliere; die perfekte Voraussetzung, um den "Kunden", wie sie ihre Klienten nennt, ohne jeden Dünkel auf Augenhöhe zu begegnen. Auch sie zeichnet sich durch eine sympathische Ausstrahlung aus und scheint in den Gesprächen genau den richtigen Ton zu treffen, zumal sie leutselig versichert, nicht jeder Hartz-IV-Empfänger sei "ein totaler Vollpfosten". Trotzdem spricht sie von "mentaler Knochenarbeit". Jeder Fall ist anders, von den juristischen Details – Arbeitsrecht, Familienrecht, Kindergeldbestimmungen – ganz zu schweigen; ihre gute Laune scheint sie dennoch nie zu verlieren.

Im Vergleich zur Aufgeräumtheit der beiden Frauen, die ein echter Glücksfall für die Autorin waren, hat der Dritte im Bunde beinahe zwangsläufig einen schweren Stand. Allerdings muss er auch ziemlich dicke Bretter bohren: Der Mitarbeiter des Jobcenters in Bochum kümmert sich um Menschen "mit besonderem Betreuungsbedarf". Im Klartext heißt das: Er betreut schwer vermittelbare Langzeitarbeitslose; eine Aufgabe, bei der es gelte, "multiple Vermittlungshemmnisse" zu überwinden, weshalb er sich als Mahner und Tröster sehe. Zwar finden nur fünf Prozent seiner Klienten innerhalb von zwei Jahren eine feste Arbeitsstelle, aber "37 Grad" wäre nicht "37 Grad", wenn nicht auch diese Ebene des Films Hoffnung wecken würde; außerdem betrachtet es der Mann zu Recht bereits als Erfolg, wenn er die negative Entwicklung einer Biografie stoppen kann.

Die Reportage ist nicht zuletzt wegen ihrer Sachlichkeit sehenswert, und das gilt nicht nur für den Kommentar, der es in dieser Reihe gern mal menscheln lässt. Auch die Bildgestaltung ist zurückhaltend. Die Kamera bleibt auf Distanz und belässt den Menschen dadurch ihre Würde. Ein anderer Autor hätte zum Beispiel möglicherweise dafür gesorgt, dass die Kamera in der Wohnung des Rentners Nahaufnahmen von besonders ekligen Ecken macht; Lindner dagegen hat es sorgsam vermieden, den Mann zu diskreditieren. Und so bewundernswert die Offenheit der Frauen und des Mannes vom Amt auch sind: Dass ihre Kunden bereit waren, ebenfalls ihre Gesichter zu zeigen, ist nicht minder respektabel.

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