TV-Tipp: "Tatort: Unklare Lage" (ARD)

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Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

TV-Tipp: "Tatort: Unklare Lage" (ARD)
26.1., ARD, 20.15 Uhr
Letztes Jahr hat Pia Strietmann mit der grimmigen Tragikomödie "Endlich Witwer" und einem famosen Joachim Król in der Titelrolle einen der besten Filme des Jahres gedreht. Nun legt die Regisseurin in einem komplett anderen Genre nach und sorgt erneut für einen Höhepunkt.

"Unklare Lage" ist ein Hochspannungs-Thriller. Das Drehbuch von Holger Joos, Autor einer Vielzahl regelmäßig sehenswerter Reihenkrimis, erzählt eine Geschichte, deren Spannung vor allem aus der Ungewissheit resultiert; wie bei "Warten auf Godot", nur unter gänzlich anderem Vorzeichen.

Der Film beginnt mit einem SEK-Einsatz: Bei einer Fahrkartenkontrolle in einem Münchener Bus hat ein junger Mann den Kontrolleur ermordet und ist geflohen. Kurz drauf wird er in einem Rohbau gestellt und erschossen. Sein Rucksack enthält mehrere hundert Schuss Munition; offenbar war er auf dem Weg zu seiner ehemaligen Schule. Verschiedene Hinweise lassen die Polizei befürchten, dass die Sache noch nicht ausgestanden ist: Der Jugendliche hatte ein Funkgerät, es gibt womöglich noch eine weitere Person. Die Vermutung wird durch die Aufnahmen einer Überwachungskamera bestätigt: Die  Bilder zeigen offenbar einen zweiten Mann, ebenfalls mit Rucksack und Kapuzenpullover. Auf dem Computer des Toten findet sich zudem die Anleitung für den Bau einer Nagelbombe, in einem Chat ist die Rede davon, München "in Schutt und Asche" zu legen. Der Krisenstab will nichts riskieren, das Stadtzentrum wird abgesperrt, der öffentliche Nahverkehr eingestellt. Leitmayr und Batic (Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec) müssen die Nadel im Heuhaufen finden, um ein Blutbad zu verhindern.

Der Film ist größtenteils mit Handkamera gedreht worden, was den Bildern dank der nervösen Aufnahmen nicht nur ungeheuer viel Dynamik verleiht. Außerdem gibt es ihnen einen dokumentarischen Anstrich (Bildgestaltung: Florian Emmerich). Für das von Joos entworfene Szenario inklusive Räumung einer Schule gilt das ohnehin, weil er die Ereignisse aus zwei Perspektiven schildert: draußen die Kommissare, drinnen, beim Krisenstab, der junge Kollege Kalli (Ferdinand Hofer). Besonders reizvoll ist die Idee, einige der diversen SEK-Einsätze allein auf akustischer Ebene stattfinden zu lassen, weil den Mitgliedern des Krisenstabs keine Bilder zur Verfügung stehen. Die Tonspur spielt ohnehin eine entscheidende Rolle, und das nicht nur wegen der an die Polizeifilme Dominik Grafs erinnernde ständige Präsenz von Funksprüchen und Nachrichtenausschnitten: Die Musik (Sebastian Pille) hat einen nicht zu unterschätzenden Anteil an der Wirkung der Bilder, weil sie selbst in den etwas ruhigeren Szenen im Hintergrund weiter wummert und in den Momenten, die ohnehin bis zum Bersten mit Spannung aufgeladen sind, zusätzlich an den Nerven zerrt. Mit grimmigem Humor führen Joos und Strietmann zudem das Publikum an der Nase rum, wenn sich ein Bombenexperte einem verdächtigen Gegenstand nähert und die Tonspur für einen irreführenden Knalleffekt sorgt. Enorm fesselnd ist auch eine Parallelmontage, als das SEK die Schule durchkämmt und sich Batic derweil einem Transporter nähert, in dem er die Bombe vermutet. Für weitere Authentizität sorgt die zunehmende Nervosität der Polizisten, deren Aktionismus selbst vor den Kollegen in Zivil nicht halt macht, wie Batic schmerzhaft erfahren muss.

Am imposantesten ist jedoch der einer Kinoproduktion würdige optische Aufwand, den die Regisseurin treiben durfte. Viele Szenen spielen auf U-Bahnhöfen, das Finale findet auf und unter dem Marienplatz statt, immer wieder hat es den Anschein, als würde die gesamte nächtliche Innenstadt von Blaulichtern illuminiert. Trotzdem ist "Unklare Lage" kein handelsüblicher Actionfilm, denn letztlich entspricht die Handlung einem "Was wäre, wenn"-Szenario: Leitmayr und Batic haben keinerlei Beweise für ihre Theorie vom zweiten Mann, selbst wenn der Bruder des Jungen wie auch sein Killerspielfreund ins Visier der Ermittler geraten. Die Leiterin (Corinna Kirchhoff) des Krisenstabs ist daher hin und her gerissen: Vertraut sie der Intuition der beiden erfahrenen Beamten, riskiert sie, die durch den Amoklauf im Olympia-Einkaufzentrum ohnehin sensibilisierte Bevölkerung in Panik zu versetzen. Deshalb hebt sie den Ausnahmezustand schließlich wieder auf. Allein die Kommissare sind nach wie vor überzeugt, dass irgendwo jemand mit einer Bombe unterwegs ist, die schlimmstenfalls Dutzende von Menschenleben kosten kann; ein Wettlauf mit dem Tod. 

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