TV-Tipp: "Das Geheimnis der Freiheit" (ARD)

Alter Fernseher vor einer Wand

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

TV-Tipp: "Das Geheimnis der Freiheit" (ARD)
15.1., ARD, 20.15 Uhr
Solche Filme gibt es im Grunde nur noch mittwochs im "Ersten": Das biografische Drama "Das Geheimnis der Freiheit" mit Edgar Selge als Golo Mann und Sven-Eric Bechtolf als Krupp-Chef Berthold Beitz ist letztlich ein Diskurs über die Frage, wie man mit der Vergangenheit umgeht. Das mutige Projekt wird der ARD jedoch nicht viele Zuschauer bringen.

Der 2013 im Alter von fast hundert Jahren verstorbene Beitz war zwar eine prägende Figur der Zeitgeschichte, aber keine öffentliche Figur. Abgesehen von Selge wirken zudem keine Schauspieler mit, die einem breiten Publikum geläufig sind. Sinnbildlich für den Anspruch des Films ist die Besetzung der Hauptrolle: Bechtolf stand schon verschiedentlich vor der Kamera, ist aber im Wesentlichen Bühnenschauspieler und -regisseur. Die Dialoge klingen zudem mitunter recht literarisch und lebensfern. Gerade zu Beginn wirken einige Szenen etwas steif, zumal die Nebendarsteller nicht ausnahmslos überzeugen. All' das ist jedoch nur der erste Eindruck, denn je mehr der Film zu seinem Thema findet, desto stärker entfaltet Bechtolf sein Charisma. Nun zeigt sich auch die wahre Qualität des Drehbuchs von Sebastian Orlac: Als es Golo Mann dank seiner Hartnäckigkeit gelingt, zum Kern von Berthold Beitz vorzustoßen, stellt sich heraus, dass dessen größte Lebensleistung gleichzeitig auch seine große Tragödie war.

Die eigentliche Handlung beginnt in den Siebzigerjahren mit einem Auftrag: Beitz, Vorsitzender der Krupp-Stiftung und faktisch Lenker des Unternehmens, ist der Meinung, dass der Konzern in ein besseres Licht gerückt werden muss und bittet Mann, eine Biografie über Alfred Krupp von Bohlen und Halbach zu schreiben. Der letzte Inhaber der Krupp AG hat Beitz einst gefördert und zum Generalbevollmächtigten gemacht. Der Historiker Mann hat kurz zuvor mit der Wallenstein-Biografie sein bekanntestes Werk vorgelegt und fragt sich (und Beitz), ob er der Richtige für diese Aufgabe sei, schließlich fühle er sich der Wahrheit verpflichtet; immerhin war Krupp von Bohlen und Halbach ein verurteilter Kriegsverbrecher. Der Krupp-Chef zerstreut die Zweifel, und so treffen sich die beiden regelmäßig zum Gespräch, wobei sich rasch zeigt, dass sich der Schriftsteller viel mehr für Beitz als für die Firmengeschichte interessiert. Tatsächlich entpuppt sich der Konzernlenker als faszinierende Persönlichkeit: Während des Zweiten Weltkriegs hat er als Leiter eines Werks in der Ukraine viele Juden vor der Deportation in ein Vernichtungslager gerettet, indem er sie als unabkömmlich für die Produktion seines kriegswichtigen Betrieb einstufte. Selbst dreißig Jahre nach Kriegsende wird er wegen dieser Taten in gewissen Kreisen immer noch schief angesehen, schließlich waren die Führungspositionen der Bundesrepublik jahrzehntelang von Menschen mit nationalsozialistischer Vergangenheit besetzt. Die Zeitläufte sind ohnehin geschickt integriert; unter anderem begleitet Beitz Helmut Schmidt bei dessen Besuch in Auschwitz. Gespielt wird der Kanzler von Bernhard Schütz, der diese Rolle bereits in dem ausgezeichneten Dokudrama "Lebensfragen" (2013) verkörpert hat.

"Das Geheimnis der Freiheit" fügt sich nahtlos in die Filmografie Dror Zahavis ein; der gebürtige Israeli hat unter anderem das ähnlich sehenswerte biografische Drama "Mein Leben – Marcel Reich-Ranicki" (2009) und mit "Und alle haben geschwiegen" einen bedrückenden Film über die verdrängte Geschichte der deutschen Heimkinder gedreht. Für Orlac dagegen ist der Stoff eher ungewöhnlich, selbst wenn er auch die Vorlage zu "Lebensfragen" geliefert hat. Zuletzt hat die ARD seinen Film "Eine Klasse für sich" gezeigt, eine insgesamt eher harmlose Komödie über einen Gymnasiallehrer, der sein Abitur nachholen muss. Sehr schön, aber ebenfalls ein völlig anderer Film war "Liebe auf Persisch" (2018); in der vergnüglichen romantischen Komödie muss ein Deutscher im Iran seine Vorurteile hinterfragen. Am bekanntesten dürfte der Autor für seine Drehbücher zur stets sehenswerten ZDF-Reihe "Lotta &…" (mit Josefine Preuß) sein.

Mit seiner jüngsten Arbeit ist Orlac ein vielschichtiges Werk gelungen, zumal auch die zweite Hauptfigur zu ihrem Recht kommt. Zentrales Thema des Films ist jedoch ein Zwiespalt, der Beitz keine Ruhe lässt: Er wird regelmäßig von Gespenstern der Vergangenheit heimgesucht, und das durchaus buchstäblich. Ein simpler Kniff genügt Zahavi, um die entsprechende Spannung zu steigern: Zu Beginn zeigt er die Erscheinung nur schemenhaft, aber nach und nach nimmt sie immer schärfere Konturen an, bis Beitz schließlich erkennt, um wen es sich handelt. Nun lässt sich auch nachvollziehen, warum es so viele Jahre gedauert hat, bis er endlich bereit war, den in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem vergebenen Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern" anzunehmen. Obwohl die Vergangenheit also eine ganz erhebliche Rolle spielt, kommt der Film bis auf wenige und daher umso prägnantere Ausnahmen ohne Rückblenden aus.

Trotzdem ist es vor allem der Kontrast zwischen den beiden Protagonisten, der den Reiz des Dramas ausmacht: hier Beitz, ein Pragmatiker, der sich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet hat ("Selfmademan" hieß das damals) und sich nicht scheut, Geschäfte mit dem Schah von Persien zu machen; dort der feingeistige Grübler Mann, der zeitlebens im Schatten seines Vaters Thomas gestanden hat und auch deshalb ein "Vagabund im eigenen Leben" ist, wie Selge die Figur beschreibt.

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