TV-Tipp: "Das Mädchen am Strand" (ZDF)

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TV-Tipp: "Das Mädchen am Strand" (ZDF)
6.1., ZDF, 20.15 Uhr
Es ist mehr als nur eine freundliche Geste, dass ARD und ZDF ihre Zweiteiler noch vor der Ausstrahlung der Fortsetzung komplett in der Mediathek anbieten.

Auf diese Weise funktionieren die Filme wie eine Miniserie; vorausgesetzt, die Regie muss nicht zwischendurch auf Zeit spielen, weil die Handlung doch nicht über 180 Minuten trägt. Tatsächlich gibt es in "Das Mädchen am Strand" Momente, die Thomas Berger (Buch und Regie) hätte straffen können; andererseits haben die Schauspieler auf diese Weise viel Raum, um ihre Figuren zu entfalten.

Die Geschichte ist nicht zuletzt dank des umfangreichen Ensembles ohnehin interessant. Zum dritten Mal schickt Berger den Hamburger Hauptkommissar Simon Kessler in die Ostseekleinstadt Nordholm. 2015 hat der von Heino Ferch ausgesprochen mürrisch verkörperte Kriminalist hier gemeinsam mit der einheimischen Kollegin Hella Christensen (Barbara Auer) den Mord an einer Vierzehnjährigen aufgeklärt ("Tod eines Mädchens", Buch: Stefan Holtz und Florian Iwersen). 2019 folgte "Die verschwundene Familie"; diesmal hatte "Kommissarin Lucas"-Schöpfer Berger das Drehbuch selbst geschrieben. In Teil drei wird erneut eine die Leiche eines erschlagenen Mädchens in Strandnähe gefunden. Eine Schulklasse hat am Abend zuvor ihr Abitur gefeiert. Die ausgelassene Partystimmung, dazu viel Alkohol und wohl auch Drogen: Womöglich hat ein Mitschüler nicht verkraftet, dass Jule (Tijan Marei), die offenbar allen Jungs den Kopf verdreht hat, ausgerechnet mit ihm nichts zu tun haben wollte. Eigentlich ist die Kripo Kiel für diesen Fall zuständig, aber kurz zuvor ist in Hamburg eine junge Frau erstochen worden. Deren Verbindung zu Jule hat zur Folge, dass ihre Mutter (Sophie von Kessel) über den Verlust der Tochter hinaus einen weiteren Schock verkraften muss: Das Mädchen hat gemeinsam mit dem Hamburger Opfer eine Wohnung gemietet und als Prostituierte gearbeitet. Kessler vermutet, der Mörder könne in beiden Fällen der gleiche sein.

Wie schon die beiden anderen Zweiteiler lebt auch die dritte Geschichte vom Kleinstadtmilieu: Jeder kennt jeden, alles hängt mit allem zusammen; und Hella Christensen steckt mittendrin. Die Polizistin hat zwar nach dem letzten Fall den Dienst quittiert, aber ihr Sohn Sven (Nick Julius Schuck) gehört zur Abiturklasse. Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn liegt seit Hellas Trennung von ihrem Mann (Rainer Bock) zwar quasi auf Eis, aber sie braucht nicht lange, um rauszufinden, dass Svens Kontakte zu Jule deutlich enger waren, als er ihr gegenüber zugibt. Kesslers Ermittlungen konzentrieren sich jedoch auf den Immobilienmakler Steinkamp (Axel Milberg): Der Mann hat Jule in Hamburg besucht und war offenbar ihr Kunde. In Wirklichkeit ist das Verhältnis zwischen Steinkamp und dem Opfer jedoch viel komplizierter. Weil das zudem für den gesamten Fall gilt, geraten nacheinander erst Jules Mathelehrer (André Szymanski) und schließlich auch einige männliche Mitschüler ins Visier von Kessler und seinen Mitarbeitern (Katharina Schlothauer, Rainer Strecker).

Neben der Krimiebene und dem komplexen, aber nie unübersichtlichen personellen Gefüge liegt ein weiterer Reiz von "Das Mädchen am Strand" in der Verknüpfung mit den beiden anderen Zweiteilern. So wirkt zum Beispiel am Rande Gustav Peter Wöhler mit, der in den ersten Filmen zum Kreis der Verdächtigen gehörte. Anja Kling ist dagegen leider nur als Leerstelle vertreten. In "Tod eines Mädchens" hat sie die Mutter des Opfers gespielt. Seither gab es eine Art Beziehung zwischen Buchhändlerin Silke und Kessler, aber diesmal trifft der Kommissar bei seinen Besuchen nur Silkes Tochter (Lilly Barshy) an. Mit dem Fall haben die Stippvisiten nichts zu tun, aber sie sind wichtig, damit auch Kesslers andere Seite deutlich wird, denn Ferch legt den gegen jede Form von Empathie offenbar immunen Ermittler diesmal womöglich noch schroffer an.

Ähnlich bedeutsam wie die erwachsenen Mitwirkenden, zu denen unter anderem noch Martin Lindow als Christensens neuer Freund, Hermann Beyer als dessen Vater sowie Natalia Wörner als Maklergattin gehören, war die Zusammenstellung der Abiklasse. Eine besondere Rolle nimmt dabei naturgemäß Tijan Marei ein, denn die junge Schauspielerin, zuletzt ganz famos als Titeldarstellerin des ZDF-Weihnachtsmärchens "Schneewittchen und der Zauber der Zwerge", hat nur wenig Gelegenheit, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Sehr präsent ist auch Nick Julius Schuck ("Club der roten Bänder"). Dritte wichtige Figur ist Lisa (Lena Klenke), die Tochter des Maklerpaars; auch sie hat eine spezielle Verbindung zu Jule.

Da sich die Geschichten mittlerweile zur Nordholm-Saga entwickelt haben, war es umso wichtiger, dass sich der dritte Zweiteiler nahtlos ins Gesamtwerk einfügt. Dafür steht nicht zuletzt die Kontinuität hinter der Kamera: Alle kreativen Köpfe sind die gleichen wie bisher. Kameramann Frank Küpper hat erneut dafür gesorgt, dass die Bilder selbst bei Sonnenlicht unbehaglich wirken. Ganz entscheidend ist auch die Arbeit von Thorsten Lau (Szenenbild): Das fiktive Nordholm ist aus 17 unterschiedlichen Orten zusammengesetzt worden, und diese Einzelteile müssen natürlich ein stimmiges Bild ergeben. Den zweiten Teil zeigt das ZDF am Mittwoch.

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