TV-Tipp: „Der Club der singenden Metzger“

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Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

TV-Tipp: „Der Club der singenden Metzger“
27.12., ARD, 20.15 Uhr

Geschichten über deutsche Auswanderer in Amerika spielen meist Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts. Das ist ganz praktisch, weil Regisseure die Verfilmungen dann ein bisschen nach Western aussehen lassen können. Insofern fällt "Der Club der singenden Metzger" völlig aus dem Rahmen: Die Handlung ereignet sich in North Dakota, also im Norden an der Grenze zu Kanada, und statt zu Pferde sind die Menschen auf dem Fahrrad oder mit dem Automobil unterwegs. Es wirkt zwar auch ein Ureinwohner mit, aber der Mann so ungefähr das Gegenteil des Klischee-Indianers.

Held dieses mit knapp drei Stunden keine Minute zu langen Epos' ist ein Metzgersohn aus dem Schwäbischen. Der Film beginnt 1918 im Schützengraben: Fidelis Waldvogel (Jonas Nay) verspricht seinem sterbenden Freund Johannes, sich um dessen Verlobte (Leonie Benesch) zu kümmern; als der Krieg vorbei ist, heiratet er sie. Weil Fidelis daheim keine Zukunft sieht, will er ins gelobte Land Amerika auswandern; die Aussteuer der alten Jungfer Lore (Therese Hämer) ermöglicht ihm die Schiffspassage. Die schwangere Eva soll nachkommen, wenn er sich eine Existenz aufgebaut hat. Nach seiner Ankunft verschlägt ihn das Schicksal nach Argus, wo er sich dank eines alten Familienrezepts umgehend einen ausgezeichneten Ruf als "German Master Butcher" verschafft. Die Idylle ist fast perfekt, als auch Eva eintrifft; selbst Tante Lore, die Eva kurzerhand begleitet hat, stört zunächst nicht weiter. Der sangesfreudige Metzger hat sogar Mitwirkende für einen Chor gefunden; aber dann verlässt ihn das Glück auf tragische Weise.

Die Erzählung von Fidelis ist jedoch nur die halbe Geschichte. Die andere Hälfte gehört Delphine (Aylin Tezel), einer jungen Hamburger Artistin. Auch sie träumt davon, die Enge ihres Lebens und ihren Vater Robert (Sylvester Groth), der sein Selbstmitleid regelmäßig in Alkohol ertränkt, hinter sich zu lassen. Eines Tages klaut sie Geld aus der Kasse des Varietés, und weil sie ein gutes Herz hat, nimmt sie den Alten schließlich doch mit nach Amerika. Auch sie landet am Ende in Argus. Dort lebt Cyprian (Vladimir Korneev), für den sich Delphine als perfekte Partnerin entpuppt, wenn auch nur unter der Zirkuskuppel; der Mann aus dem Stamm der Lakota ist schwul. Die beiden gehen eine Scheinehe ein, aber ihr Glück hält nur so lange, bis Robert in einem Versteck die Whisky-Vorräte des früheren Schnapsschmugglers Cyprian entdeckt. Nun wandelt sich auch dieser Handlungsstrang zur Tragödie; doch dann vereinigen sich die beiden Geschichten, und so entsteht auf wundersame Weise ein neues Glück.

"Der Club der singenden Metzger" basiert auf dem gleichnamigen Roman der Amerikanerin Louise Erdrich (auf Deutsch bei Suhrkamp), die darin zumindest teilweise die Geschichte ihrer eigenen Familie erzählt. Die Adaption besorgten immerhin Doris Dörrie und Ruth Stadler; die beiden haben gemeinsam auch die Vorlagen für Dörries Grimme-preisgekrönte Serie "Klimawechsel" geschrieben. Normalerweise pflegt die Regisseurin ihre Drehbücher selbst zu verfilmen, aber das besorgte diesmal Uli Edel ("Der Baader Meinhof Komplex"), der für Produzent Oliver Berben bereits den ähnlich aufwändigen Mehrteiler "Das Adlon. Eine Familiensaga" (2013) realisiert hat. Sein Film beeindruckt neben dem umfangreichen und gut geführten Ensemble nicht zuletzt durch eine stellenweise beinahe schmerzlich schöne Bildgestaltung. Hannes Hubach gehört ohnehin zu den renommiertesten deutschen Kameramännern und sorgt regelmäßig dafür, dass die Filme aus der ZDF-Reihe "Kommissarin Heller" auch optisch aus dem Krimialltag herausragen.

Groß in jeder Hinsicht ist auch die Landschaft, in der Edel gedreht hat, aber anders als seine Helden musste er dafür nicht den Atlantik überqueren: Der Film ist in Kroatien gedreht worden, just dort also, wo einst Karl-May-Klassiker wie "Der Schatz im Silbersee" oder die "Winnetou"-Trilogie entstanden sind. "Der Club der singenden Metzger" erinnert stellenweise ebenfalls an Karl May, der auch mal namentlich erwähnt wird: Halb Amerika scheint von deutschen oder zumindest deutschsprachigen Auswanderern besiedelt zu sein. Dass die Männer regelmäßig in Gesang ausbrechen, ist Teil der Geschichte und war daher kaum zu vermeiden, wird die Freunde deutschen Volksliedguts erfreuen und lässt sich außerdem verkraften. Die Töne sind zudem ähnlich gut getroffen wie der Dialekt der Mitwirkenden; mit Ausnahme der in Stuttgart aufgewachsenen Therese Hämer sind die vermeintlichen Schwaben gar keine. Ausgerechnet Hämer schießt jedoch gerade im zweiten Teil, als sich Lore zur keifenden Frömmlerin mit irrem Blick wandelt, etwas übers Ziel hinaus.

Umso eindrucksvoller sind die Leistungen von Jonas Nay, Aylin Tezel und Leonie Benesch, wobei Tezel zudem durch ihre akrobatischen Künste in der Manege imponiert. Auch Nay gebührt ein Bonus: Er hat gemeinsam mit David Grabowski eine dank Western- und Bluesgrass-Elementen abwechslungsreiche Filmmusik komponiert. Abgerundet wird die ausgezeichnete Leistung aller Gewerke durch die stimmige Arbeit von Kostüm (Monika Jacobs) und Szenenbild (Jerome Latour). Die Kommentare, mit denen Fidelis und Delphine von Zeit zu Zeit die Handlung erläutern, sind dagegen zumeist überflüssig, und der schurkische Sheriff (Martin Leutgeb) ist zur unfreiwilligen Karikatur geraten. Vermutlich könnten viele Zuschauer zudem auf den Epilog verzichten, dessen Bitternis auch durch den versöhnlichen Schluss nicht abgemildert wird. 

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