TV-Tipp: "Harter Brocken: Der Geheimcode" (ARD)

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TV-Tipp: "Harter Brocken: Der Geheimcode" (ARD)
19.12., ARD, 20.15 Uhr
Der Mann entspricht nur bedingt dem Bild des klassischen Helden. Frank Koops hat Übergewicht, mag sein beschauliches Leben im gemütlichen Harzflecken St. Andreasberg und ist kein besonders schneller Denker; sagt er jedenfalls. Aber er hat ein großes Herz und zögert keine Sekunde, wenn es gilt, Unrecht zu verhindern und Unschuldige zu beschützen. In seinem neuen Fall bekommt es der von Aljoscha Stadelmann bemerkenswert tiefenentspannt verkörperte Dorfpolizist mit einem Killer zu tun, der bei seiner Jagd nach einer Wunderformel über Leichen geht.

Die von der ARD-Tochter Degeto in Auftrag gegebene Krimireihe "Harter Brocken" ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie außerordentlich gut Filme funktionieren können, wenn Autoren ihre Figuren wirklich lieben. Mit ähnlicher Hingabe hat der mehrfache Grimme-Preisträger Holger Karsten Schmidt ("Mörder auf Amrum", "Mord in Eberswalde", "Das weiße Kaninchen") bereits die ZDF-Krimis mit Hinnerk Schönemann als Privatdetektiv Finn Zehender erzählt (2011 bis 2014, unter anderem "Mörderisches Wespennest" und "Tod einer Brieftaube"). Koops ist schon allein dank Stadelmann ein völlig anderer Typ und außerdem Teil eines Trios, denn die Filme wären nur noch halb so schön, wenn sie auf die skurrilen Wortwechsel zwischen dem Polizisten und seinem besten Freund, dem Postboten Heiner (Moritz Führmann), verzichten müssten. Der wiederum ist in Mette (Anna Fischer) verliebt, Koops' Kollegin aus dem Nachbarort. Ohne die beiden wäre der Kommissar auch diesmal wieder aufgeschmissen, zumal sich der von Holger Handtke weitgehend wortlos, aber mit klirrender Kälte versehene Killer als skrupelloser Gegner entpuppt.

Die Geschichte beginnt mit einem Unfall: Ein Auto kommt von der Straße ab, der Fahrer stirbt, kann Koops aber noch ein Kuvert in die Hand drücken. Der Umschlag enthält die Fotografien zweier Frauen und einen Brief mit dem ersten Teil eines Geheimcodes sowie der Bitte, sich an einem bestimmten Zeitpunkt auf einer Stauseemauer einzufinden. Kurz drauf taucht eine Personenschützerin (Franziska Weisz) auf, die der Tote zu Lebzeiten engagiert hatte. Als Koops und die Frau beschossen werden, weiß der Polizist, dass er einer großen Sache auf der Spur ist. Eine der beiden Frauen auf den Fotos entpuppt sich als renommierte Philosophin (Sibylle Canonica), deren Spezialgebiet der erkenntnistheoretische Relativismus ist. "Klingt … interessant", stellt Koops fest und fragt sich, was das mit dem Fachgebiet des Opfers zu tun hat, einem Biochemiker und Abteilungsleiter eines großen Pharmakonzerns. Schließlich stellt sich raus, dass die beiden ebenso wie eine weitere Frau Post von einem verstorbenen Molekularbiologen bekommen haben; der Mann steckte in einem Dilemma und hoffte, dass die drei Personen mit ihren völlig unterschiedlichen Hintergründen das Problem lösen könnten. 

Es ist gerade die Kombination gänzlich unterschiedlicher Tonfälle, die den großen Reiz des Films darstellt und "Harter Brocken" zu einer Ausnahmereihe im deutschen Fernsehen werden lässt: hier der trockene Humor des Polizisten, dort die komische Verzweiflung seines Freundes, der Mette aufrichtig liebt, aber um die gemeinsamen "wilden Abende" in der allerdings ziemlich schläfrigen Stammkneipe fürchtet; und über allem der Schatten des Killers, der die Beteiligten regelmäßig ins Visier seines Zielfernrohrs nimmt, weshalb die Handlung immer wieder schlagartig umschlägt. Dank Schmidts Qualitäten als Autor und der Umsetzung durch Regisseur Markus Sehr wirken die Kontraste wie zwei Seiten derselben Medaille, zumal sich manch' grimmiger Humor als selbsterfüllende Prophezeiung entpuppt: Zu Beginn klagt Heiner über einen Tanzkurs, den Mette mit ihm besuchen möchte. Koops wäre bereit, dem Freund mit einem Beinschuss eine Ausrede zu verschaffen, was der Film gegen Ende auf verblüffende Weise wieder aufgreift. Gar nicht komisch sind dagegen die Duelle mit dem Mörder, da geht es schließlich um Leben und Tod.

Für den Regisseur stellt der Film eine kleine Rehabilitierung dar. Sehrs Karriere hat mit der sehenswerten skurrilen Kinokomödie "Eine Insel namens Udo" (2011, mit Kurt Krömer) begonnen. Später folgte, ebenfalls fürs Kino, "Die Kleinen und die Bösen" (2015), ein Film, der unentschlossen zwischen Sozialkomödie, Drama, Romanze und Krimi schwankte. Dazwischen und danach lagen vier Episoden der ZDF-Krimirehe "Friesland", die allesamt kraftlos wirkten und keinerlei Biss entwickelten. Deutlich besser waren seine beiden Filme mit Fritzi Haberlandt als redselige Kommissarin in den beiden "Mord geht immer"-Episoden; ähnlich wie "Friesland" auch eine Krimireihe für alle, denen der "Tatort" zu spannend ist. Mit seiner ersten Regie für "Harter Brocken" bewegt sich Sehr also auf ungewohntem Terrain, denn bei allem Humor ist "Der Geheimcode" durchaus spannend, und das nicht erst zum Finale, als sich alle Beteiligten auf der Staumauer einfinden. 

Etwas ältere Zuschauer werden sich außerdem über die Musik freuen. Der Auftakt mit dem Siebzigerjahre-Klassiker "More than a Feeling" von Boston ist genau die richtige Einstimmung, denn dank der rockigen Klänge von Tobias Wagner und Steven Schwalbe geht es in diesem Stil weiter. Später, als sich der Film endgültig zum Thriller gewandelt hat, wird die Musik elektronisch; das passt ebenso perfekt wie die elegische Streicherpassage gegen Ende.

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