TV-Tipp: "Tatort: Angriff auf Wache 08"

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TV-Tipp: "Tatort: Angriff auf Wache 08"
20.10., ARD, 20.15 Uhr
Die Handlung klingt wie eine Hommage an den an den Howard-Hawks-Klassiker "Rio Bravo" (1959), aber tatsächlich orientiert sich "Angriff auf Wache 08” viel stärker an "Assault – Anschlag bei Nacht" (1976) von John Carpenter; dafür sprechen auch die vielen Siebziger-Jahre-Verweise in den Dialogen und die eingespielten Popsongs.

Mit dem Western hat der "Tatort" aus Wiesbaden, der diesmal ein Auswärtsspiel in Offenbach feiert, letztlich nur das Grundmuster gemeinsam: Bei Hawks muss sich ein von John Wayne gespielter Sheriff gegen eine Übermacht verteidigen, die einen Ganoven aus dem Gefängnis befreien will. Die Parallelen des Krimis zum Thriller von Carpenter sind nicht nur wegen der Ähnlichkeit zum Originaltitel ("Assault on Precinct 13") offenkundiger: Hier wie dort erfolgt die Attacke auf ein Polizeirevier quasi aus dem Nichts. Die Angreifer bleiben ebenso anonym wie ihre Motive.

Der Film beginnt mit einem Polizeieinsatz: Ein SEK-Trupp stürmt eine Wohnung, in der einige zwielichtige Typen ins Kartenspiel vertieft sind; ihre Pistolen liegen griffbereit auf dem Tisch. Als ein Hund bellt, eröffnen die Polizisten das Feuer. Das Massaker ist zwar letztlich der Auslöser für den Angriff auf die Wache, erklärt aber nicht, warum sich unterschiedlichste Banden von Islamisten bis Neonazis zusammengeschlossen haben. Andererseits entspricht diese Verwirrung exakt dem Informationsmangel, unter dem auch die Menschen in Wache 08 leiden. Das Revier vor den Toren Offenbachs ist längst stillgelegt und dient als eine Art Polizeimuseum. Hier besucht LKA-Hauptkommissar Murot (Ulrich Tukur) einen Kollegen aus gemeinsamen früheren BKA-Tagen.

Walter Brenner (Peter Kurth mit Schnauzbart und Zigarre) ist quasi Invalide, seit ihn vor gut dreißig Jahren ein RAF-Geschoss erwischt hat, das eigentlich für Murot bestimmt war. Die Kugel ist zu nah am Rückgrat, um entfernt werden zu können, wandert dort hin und her und sorgt dafür, dass der Polizist immer wieder von Schmerzattacken heimgesucht wird. Der Vorruhestandsjob ist genau das Richtige für ihn, zumal er das Museum dank der offenherzig dekolletierten Kollegin Cynthia (Christina Große), die umgehend Gefallen an Murot findet, nicht allein hüten muss.

Kurz nach Murot findet sich zunächst ein JVA-Transport ein, der ganz in der Nähe eine Reifenpanne hatte (seltsamerweise auf einem Feldweg); unter den Gefangenen ist auch Kermann (Thomas Schmauser), der charismatische "Kannibale von Peine", den Murot zur Strecke gebracht hat. Und schließlich taucht auch noch Jenny (Paula Hartmann) auf, ein Teenager, dessen Vater zuvor von Verbrechern völlig grundlos vor einem Eiswagen erschossen worden ist. Diese Szene stammt direkt aus "Assault"; dort stirbt allerdings die Tochter. Weil sich Jenny mit Hilfe der Pistole des ebenfalls toten Eismanns gerächt hat, sind die Gangster nun hinter ihr her; und jetzt bricht rund um die Wache die Hölle los.

Auch das Geballer erinnert an Action-Thriller aus den Siebzigern; gerade Clint Eastwood hat es in Filmen wie "Der Mann, der niemals aufgibt" ganz schön krachen lassen. Für Thomas Stuber ist dieses Genre allerdings mehr als ungewöhnlich. Der Regisseur hat sich bislang vor allem durch stille Kinodramen wie sein Debüt "Herbert" (2015) oder "In den Gängen" (2018) hervorgetan (beide ebenfalls mit Kurth). Die Drehbücher hat Stuber gemeinsam mit dem Schriftsteller Clemens Meyer geschrieben; offenbar wollten die beiden jetzt mal ganz was Anderes machen. "Angriff auf Wache 08" ist jedoch nicht Stubers Sonntagskrimipremiere: Für den NDR hat er bereits "Verbrannt" (2015) gedreht; der "Tatort" mit Wotan Wilke Möhring griff den authentischen Fall eines Flüchtlings auf, der im Polizeigewahrsam qualvoll gestorben ist.

Trotz aller Freude an den filmischen Zitaten, einigen ungewöhnlichen Einfällen – Cynthia sendet einen gemorsten Hilferuf per umfunktioniertem Radio – und manch' liebevoll komponierter Einstellung (Kamera: Nikolai von Graevenitz) ist "Angriff auf Wache 08" bei Weitem kein ähnlich großer Wurf wie beispielsweise "Im Schmerz geboren" (2014); der Shakespeare-Western war ebenfalls ein Tukur-"Tatort" und hat unter anderem den Grimme-Preis bekommen. Der Unterschied zwischen den beiden Filmen liegt in der Haltung: Regisseur Florian Schwarz und sein kongenialer Drehbuchautor Michael Proehl haben das Genre damals ernst genommen; Stuber und Meyer dagegen sorgen immer wieder für Brüche, die vielleicht ironisch gemeint sind, aber eher parodistisch wirken, zumal einige Figuren – allen voran Jörn Hentschel als JVA-Schließer – unnötig überzeichnet sind. Das gilt auch für eine Rolle, die sich Meyer selbst geschrieben hat: Ähnlich wie in "Assault" sorgt ein Radiomoderator für ein gewisses Hintergrundrauschen. Der Mann ist mit seiner exaltierten Sprechweise zwar eine ziemliche Nervensäge, aber seine Songauswahl wird bei älteren Zuschauern für einige Nostalgie sorgen.

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