5 Gründe, warum ein Tiergottesdienst die Kirchengemeinde belebt

1. Ökumenischer Tiergottesdienst in Karlsruhe am Samstag, den 21.09.19 vor der Kirche St. Stephan mit evangelischem Pfarrer Dirk Keller und katholischem Pastoralreferent Alexander Ruf

© Sandra Schildwächter

Am Samstag, den 21.09.19 halten der evangelische Pfarrer Dirk Keller und der katholische Pastoralreferent Alexander Ruf den 1. Ökumenischen Tiergottesdienst in Karlsruhe.

5 Gründe, warum ein Tiergottesdienst die Kirchengemeinde belebt
Gottes Segen für Hunde und Katzen, Hasen und Spatzen: Mitten in der Karlsruher City haben evangelische und katholische Christen gemeinsam mit ihren Haustieren den "1. Ökumenischen Segnungsgottesdienst für Mensch und Tier" gefeiert. Schnell stand danach fest: 2020 wird erneut ein Gottesdienst mit Tieren gefeiert - selbstverständlich wieder ökumenisch. Solche Gottesdienste sind für jede Kirchengemeinde ein Gewinn, sagt der evangelische Pfarrer Dirk Keller. Er nennt fünf Argumente.

Die ersten Reaktionen waren gemischt: "Schöne Idee!", lobten die einen. "Was soll der Zirkus?", argwöhnten andere. Mitten im Einkaufstrubel der Karlsruher Innenstadt ist der "1. Ökumenische Segnungsgottesdienst für Mensch und Tier" gefeiert worden. Vor der katholischen Kirche "St. Stephan" versammelten sich rund 150 Frauchen und Herrchen mit ihren Hunden. Zudem wurden zwei Hasen, eine Katze und ein Spatz gesegnet. Immer wieder blieben Passanten stehen, schauten der Zeremonie ein Weilchen zu. Einige schmunzelten, manche blickten sichtlich irritiert. Tierschutzverein und Tierinitiativen informierten an Ständen über ihr Engagement.

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Gottes Segen für Hund, Katze und Spatz

Ingrid Faller mit ihrer Deutschen Dogge "Aiko"

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Ingrid Faller mit ihrer Deutschen Dogge "Aiko"

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"Ich denke, so ein Tiergottesdienst ist vor allem für die Frauchen und Herrchen wichtig", sagt Ingrid Faller. Die engagierte Tierschützerin hat mit ihrer Deutschen Dogge "Aiko" schon einige Tierandachten erlebt. Sie findet es sinnvoll, dass es spirituelle Angebote gibt, die Menschen und Tiere gemeinsam besuchen können. "Ich habe den Eindruck, dass die Tiere die besondere Atmosphäre spüren."

Renate Notter mit ihrem Beagle "Hanna"

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Der Segen Gottes für ihren Beagle "Hanna" bedeutet Renate Notter viel. "Ich habe mich sehr darüber gefreut." Für Renate Notter ist "Hanna" eine Lebensgefährtin, seit zehn Jahren gehen sie gemeinsam durch dick und dünn. "Wir haben so viel zusammen erlebt", sagt Renate Notter. Sie findet es wichtig, dass die evangelische und katholische Kirche mit solchen Gottesdiensten die Tiere und das Bewahren der Natur in den Mittelpunkt stellen.

Petra Scheuerer mit ihren vier Havannesern

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"Der Gottesdienst mit den Tieren hat mir sehr gut gefallen", sagt Petra Scheuerer. "Es tut einfach gut, sich von Gott behütet zu wissen – ob Mensch oder Vierbeiner." Sie findet es schön, wenn sie mit ihrer Rasselbande – den Havannesern "Thabo", "Amari", "Henley" und "Zenaida" – so ungezwungen einen Gottesdienst besuchen kann.

Catherine Benzler mit Hase "Merlin"

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"Ich liebe Tiere und bin sehr gläubig", sagt Caterine Benzler. Als sie von dem Tiergottesdienst erfuhr, wollte sie mit ihren Hasen "Merlin" und "Hazel" unbedingt kommen und sie segnen lassen. "Ich finde solche Gottesdienste auch gut, weil sie dazu anregen, bewusster und achtsamer mit der Natur und den Tieren umzugehen."

Ilona und Peter Stolzenburg mit ihren beiden Schapendoes "Emma" und "Molly"

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"Der Tiergottesdienst war für uns etwas ganz Neues", sagt Peter Stolzenburg. "Schönes Event", meint Ilona Stolzenburg: "Ich finde es toll, dass katholische und evangelische Christen zusammen feiern und ihre Verbundenheit mit den Tieren zeigen." So einen Gottesdienst würden die Stolzenburgs gerne öfters besuchen können: draußen, mitten Leben. Und ihre Schapendoes "Emma" und "Molly" können sie einfach so mitbringen.

Birgit Sihn hat ihren Spatz im Vogelkäfig mitgebracht

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Spatz "Felix" hat Glück gehabt: Vor neun Jahren rettete Birgit Sihn den verletzten Vogel davor, überfahren zu werden. Seitdem leben die beiden zusammen, unterhalten sich zwitschernd miteinander. "Ich finde es wichtig, dass Tiere als Gottes Geschöpfe in der Kirche auch vorkommen", sagt Birgit Sihn.

Roswitha Foye mit ihren Hundedamen "Wilma" und "Frau Keks"

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"Als ich von dem Tiergottesdienst hörte, habe ich gleich gesagt: Ich komm!", sagt Roswitha Foye. Ob Schmuckstücke oder Motorräder – so viele Dinge werden gesegnet. Da steht der Segen den Tieren schon lange zu, findet Roswitha Foye. Zwischen ihr und den beiden Hundedamen "Wilma" und "Frau Keks" hat sich eine sehr enge Beziehung entwickelt, erzählt sie: "Haustiere gehören zum Leben – wie Gott auch."

Heike Schachtschabel hält ihre Hunde-Freundin "Bambi" auf dem Arm

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Ganz spontan hat Heike Schachtschabel mit ihrer Hündin "Bambi" am Gottesdienst teilgenommen. "Ich bin nicht getauft", sagt sie. "Aber es gibt immer wieder Situationen, in denen ich bete – und ich glaube auch, dass mir das hilft." Für Heike Schachtschabel ist "Bambi" eine enge Freundin. "Ich wünsche mir, dass sie lange gesund bleibt – darum ist mir der Segen auch wichtig."

Nach dem Tiergottesdienst waren sich der evangelische Pfarrer Dirk Keller und der katholische Pastoralreferent Alexander Ruf einig: 2020 werden wir wieder gemeinsam Haustiere segnen. "So ein Tiergottesdienst tut jeder Kirchengemeinde gut", sagt Dirk Keller. Dem Pfarrer der evangelischen Stadtkirche Karlsruhe fallen spontan fünf Gründe ein:

1. Stichwort: Missionarische Gemeinde

Die Menschen kommen sonntags nicht mehr so selbstverständlich wie früher in die Kirche. "Mit Aktionen wie dem ökumenischen Tiergottesdienst gehen wir dorthin, wo Menschen unterwegs sind", sagt Keller. "Wir wollten mit der Aktion gezielt Tierfreunde ansprechen. Aber auch neugierigen Passanten die Möglichkeit bieten, spontan dabei zu sein." Dafür liegt die katholische Kirche "St. Stephan" ideal: Mitten in der City, wo samstags Einkaufsbummler aus dem Karlsruher Umland vorbeischlendern. "Mir geht es weniger darum, Menschen für die Kirche zu gewinnen", betont Pfarrer Keller. "Ich möchte sie vor allem neugierig auf den Glauben machen."

Der evangelische Pfarrer Dirk Keller und der katholische Pastoralreferent Alexander Ruf segnen Haustiere vor der Kirche St. Stephan, unter anderem Hunde, eine Katze, Kaninchen und einen Spatz.

2. Ökumene wird gestärkt

Den Tiergottesdienst hat die evangelische Stadtkirche gemeinsam mit ihrer katholischen Nachbargemeinde St. Stephan vorbereitet. Die Ökumene ist Dirk Keller wichtig. "Unsere Welt braucht heute den gemeinsamen christlichen Auftritt", ist er überzeugt. Der Pfarrer stellt immer wieder fest: Die Menschen fragen weniger, was katholisch oder evangelisch, sondern was christlich ist. "Mit solchen Gottesdiensten können wir den Menschen unsere christlichen Gemeinsamkeiten vor Augen führen", sagt Keller. Die Ökumene befruchtet beide Kirchengemeinde und ist zugleich eine geistliche Horizonterweiterung. "Zum Beispiel bringen die Katholiken eine schöne Tradition von Tiersegnungen mit", sagt Keller. Bei dem Gottesdienst verwendete der evangelische Pfarrer erstmals ein Aspergill – ein liturgisches Gerät, das in der katholischen Kirche zum Segnen mit Weihwasser verwendet wird. Das Segenszeichen durch das Besprengeln mit Weihwasser zu spüren, war besonders für die Evangelischen eine neue Erfahrung, die gut ankam.

3. Kirche gewinnt neue Partner vor Ort

Bei dem Themen-Gottesdienst arbeiten die Kirchengemeinden mit Initiativen und Organisationen zusammen, die an demselben Thema dran sind. "Im Vorfeld des Tiergottesdienstes haben wir geschaut, wer in der Stadt sich alles um Tiere kümmert", sagt Keller. Ob Tierschutzverein, Zoogeschäfte, Initiativen für Tiere: Mit ihren Ständen umrahmten sie den Tiergottesdienst und informierten über ihr Engagement für Tiere. "Es hat gut getan, diese Aktion gemeinsam mit Menschen zu entwickeln, die bislang eher wenig Berührungspunkte mit den Kirchen hatten", sagt Keller. "So kommt jeder aus seiner eigenen Blase heraus." Aus Erfahrungen mit anderen Themen-Gottesdiensten weiß Keller, dass sich langsam, aber sicher ein Netzwerk entwickelt, das weitere gemeinsame Aktionen erleichtert. Schnittmengen mit kirchenferneren Lebenswelten entstehen. "Es ist wichtig, dass Kirche sichtbar ist und als Partner auftritt", sagt Keller. 

Karlsruher Initiativen und Organisationen aus dem Tierschutzbereich sind auf dem Kirchenvorplatz vertreten.

4. Tier-Thema bringt Gemeinde in Glaubensfragen weiter

Pfarrer Keller kündigte den Tiergottesdienst zunächst auf Facebook an. "Erste Reaktionen kamen schnell und waren gespalten", berichtet er. Viele lobten die Idee. Einige waren skeptisch. Der Tiergottesdienst hat Diskussionen in der Gemeinde angeregt: Haben Tiere ein Bewusstsein? Macht es Sinn, einen Hund zu segnen? Wo in der Bibel werden Tiere gesegnet? "Das Thema hat nicht wenigen Mitgliedern unserer Gemeinde einen Impuls gegeben", stellt Keller fest. "Sie beschäftigen sich aus einem neuen Blickwinkel heraus mit ihrem Glauben." Ob Kinder, Eltern, Singles oder Senioren - Tiere spielen im Alltag vieler Mitglieder der Gemeinde eine wichtige Rolle. Der Tiergottesdienst regt Gespräche über das Verhältnis von Mensch und Tier im Alltag an, berichtet Keller. Tiere sind Lebensbegleiter, aber auch Nahrungsmittel: Fragen der artgerechten Haltung werden angesprochen. Aber auch selbstkritisches Hinterfragen des eigenen Konsum-Verhaltens. "Mit dem Tiergottesdienst ist in der Gemeinde auch inhaltlich etwas neu in Bewegung gekommen – das ist innerhalb der Kirche wichtig." Das Thema schärft das Bewusstsein dafür, was für ein Segen Tiere für Menschen sind, sagt Keller: "Es sensibilisiert für einen achtsameren und verantwortungsbesussteren Umgang mit Tieren." In Karlsruhe hat der Tiergottesdienst auch ganz praktische Folgen. Engagierte der "Offenen Kirche" diskutierten nach dem Tiergottesdienst das Für und Wider, Hunde ins Gotteshaus zu lassen oder nicht. Ergebnis: An der Leine dürfen Hunde von nun an mit in die Kirche.   

Viele Passanten bleiben vor der die Kirche St. Stephan stehen und beobachten den Segnungsgottesdienstes für Mensch und Tier.

5. Engagement in der Gemeinde wird gefördert

Oft sind es die "üblichen Verdächtigen", die sich in Kirchengemeinden engagieren. Bei außergewöhnlichen Angeboten wie dem Tiergottesdienst bringen sich eher auch Menschen ein, denen das Thema am Herzen liegt. Die Idee zur ökumenischen Segnung von Haustieren mitten in der Innenstadt hatte Andreas Gold. Er ist Mitglied der Gemeinde und Initiator der Karlsruher Bürgerinitiative "Erhaltet die Hundebeutel". Bei der ökumenischen Tiersegnung brachten sich Ehrenamtliche ein, die erstmals beim Vorbereiten eines Gottesdienstes geholfen haben. In Gesprächen vor und nach dem Tiergottesdienst hat der Pfarrer Menschen kennengelernt, die offen sind für solche Aktionen, auf die er bei anderer Gelegenheit zugehen kann. Keller stellt immer wieder fest: "Gottesdienste zu speziellen Themen wecken Neugier und fördern das Engagement in der Gemeinde."

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