TV-Tipp: "Propaganda - Wie man Lügen verkauft" (Arte)

Alter Fernseher vor gelber Wand

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

TV-Tipp: "Propaganda - Wie man Lügen verkauft" (Arte)
10.9., Arte, 20.15 Uhr
Tarnen, tricksen, täuschen: Im Grunde funktioniert Propaganda ganz einfach; wenn man sie erst mal als solche erkannt hat. Trotzdem fallen die Menschen immer wieder darauf herein, weil es offenbar in ihrer Natur liegt; das ist zumindest die zentrale These dieses äußerst interessanten Dokumentarfilms von Larry Weinstein, den das ZDF maßgeblich finanziert hat.

Der Regisseur schlägt einen gewagten Bogen von frühesten Wandmalereien der Neandertaler bis ins Twitter-Zeitalter: Alles ist Kunst. Der Stil des Films erinnert an die Arbeiten von "Oscar"-Preisträger Michael Moore ("Bowling for Columbine"), auch wenn Weinstein ohne dessen Furor auskommt: Ähnlich wie Moore fügt der Kanadier eine Vielzahl von Spielfilmschnipseln, Dokumentarmaterial, eingeblendeten Zitaten und Interviews mit Künstlern, Historikern, Journalisten, Theologen und Philosophen zu einer temporeich geschnittenen Collage zusammen, deren Details bewusst oft kaum wahrzunehmen sind.

Mitunter ist jedoch nicht nur das Sammelsurium etwas unübersichtlich. Ein roter Faden ist ebenfalls zumindest auf Anhieb nicht zu erkennen, weil Weinstein seinen Film sehr assoziativ und dabei gern auch provokativ strukturiert hat: Gerade noch durfte der irische Künstler Jim Fitzpatrick erzählen, wie er 1967 das weltberühmte Poster des Freiheitskämpfers Che Guevara entworfen hat; anschließend springt der Film in die Zeit des Ersten Weltkriegs und zeigt Beispiele besonders perfider antideutscher Propaganda, um kurz drauf in der Nachkriegs-Ära der stalinistischen Sowjetunion zu landen.

Das wirkt zwar alles etwas wirr, ist aber jederzeit faszinierend, weil Weinstein mit einer Vielzahl kluger Menschen gesprochen hat. Deren Ausführungen, ergänzt durch die meist erhellenden Ausschnitte, sind derart dezidiert, dass es eines Kommentars im Grunde nicht bedurft hätte. Wenn der Film ein Gespräch mit einer George-Orwell-Expertin und Ausschnitte aus dem Film "1984" mit einem Auftritt Trumps verknüpft, spricht das ohnehin für sich. Andererseits bezieht Weinstein auch dort keine Stellung, wo es vielleicht angebracht gewesen wäre. Scheinbar bedenkenlos wirft der Film alles in einen Topf, linke Propaganda ebenso wie rechte, ohne dies allerdings immer zu benennen oder sich von den Äußerungen der entsprechenden Urheber zu distanzieren; nicht immer sind die Aussagen so leicht als offenkundige Lügen zu durchschauen wie die Behauptungen von Donald Trump oder Boris Johnson.

Mitunter ist offenbar auch dem Autor selbst der Überblick abhanden gekommen: Einige Handlungsstränge enden im Nichts. So scheint er sich zum Beispiel ausführlich mit den Plänen des früheren Trump-Beraters Steve Bannon zu befassen. Der ehemalige Leiter der rechtsaußen angesiedelten Website Breitbart News Networks will die europäischen Nationalisten bei ihrem Weg an die Macht unterstützen, aber plötzlich spielt der Publizist keine Rolle mehr. Das ist vor allem aus deutscher Sicht bedauerlich, denn Bannon hat sich auch mit Vertretern der AfD getroffen; natürlich wäre es interessant gewesen, wenn sich Weinstein mit den Strategien der Rechtspopulisten in Deutschland oder Frankreich befasst hätte. Dieser Aspekt hätte gerade angesichts der Finanzierung des Films durch einen deutschen Sender gern vertieft werden können, ohne dass er sein eigentliches Ziel aus den Augen verloren hätte.

Letztlich geht es Weinstein darum zu beweisen, dass Propaganda keine Erfindung der Neuzeit ist und auf ähnliche Ursprünge zurückgeht wie Magie, Religion und Kunst. Jede Form von Propaganda, heißt in den Interviews, mache es sich zunutze, dass der Mensch an etwas glauben und mit etwas Größerem verschmelzen möchte. Mit entwaffnender Offenheit gesteht ein Theologe, dass die Evangelisierung im Grunde ganz ähnlich funktioniere wie Propaganda: Beides fuße darauf, eine Idee einzupflanzen. Dass dieser Satz fällt, nachdem Donald Trump unmittelbar zuvor Einwanderer als Vergewaltiger und Kriminelle bezeichnet hat, verdeutlicht recht gut, wie sprunghaft Weinsteins Erzählweise ist.

Der Film stellt zu Beginn die Frage, wie man sich gegen Propaganda zur Wehr setzen könne; tatsächlich nehmen ja die Einen als bare Münze, was Andere für Satire halten ("Die EU will uns die Teestunde wegnehmen"). Leider bleibt Weinstein die Antwort schuldig, weil er sich darauf beschränkt, die unterschiedlichsten Spielarten vorzuführen. Einige seiner Assoziationen sind zwar in der Tat verblüffend und entlarvend, aber manche scheinen auch nur dem schnellen Effekt zu dienen.

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