Hatte Jesus einen Bart?

Bart

© Ruslanshug/istockphoto

Jesus hat viele Gesichter: mal mit, mal ohne Bart.

Hatte Jesus einen Bart?
Seltsam: Obwohl die Evangelien nichts über das Aussehen Jesu überliefern, erscheint er in allen gängigen Darstellungen wiedererkennbar als europäisch wirkender, bärtiger und langhaariger Mann. Kann Jesus tatsächlich so ausgesehen haben? Und wie kommt es zu dieser Einheitlichkeit der Darstellungen?

Den ersten Christen ging es allein um die Botschaft von und über Jesus. Die Frage, wie er ausgesehen haben könnte, spielte dabei gar keine Rolle. Auch als vom dritten Jahrhundert an Abbildungen aufkamen, dienten sie zunächst hauptsächlich dazu, etwas über Jesus zu erzählen. Der jeweilige Künstler stellte Jesus einfach so dar, wie er ihn sich vorstellte. Ab dem vierten Jahrhundert jedoch kamen plötzlich die Darstellungen des bärtigen, langhaarigen Jesus auf, die bis heute unser Jesusbild prägen. Noch verwunderlicher scheint die Einheitlichkeit dieser Darstellungen, wenn man sich bewusst macht, dass sich die Künstler weder an Überlieferungen orientieren konnten noch einfach das gängige Schönheitsideal ihrer eigenen Zeit übernahmen. Woran also orientierten sie sich?

Das Turiner Grabtuch, ein Tuch, auf dem der Gesichtsabdruck eines bärtigen, langhaarigen Mannes zu erkennen ist, könnte den entscheidenden Hinweis geben. Unabhängig von der bis heute andauernden Diskussion um die Echtheit dieser Reliquie, die Jesus zeigen soll: Die frühen Darstellungen Jesu ähneln in verblüffender Weise dem Gesichtsabdruck auf dem Turiner Tuch, das zu damaliger Zeit im Besitz Kaiser Konstantins gewesen sein soll. Es scheint also wahrscheinlich, dass unser heutiges Jesusbild auf dieses Tuch zurückzuführen ist. Ob der Mann, dessen Gesicht dort verewigt ist, tatsächlich Jesus sein könnte, lässt sich allerdings wohl nie klären.

Wissen können wir heute nur, dass Jesus zwischen dreißig und vierzig Jahre alt wurde und für seine Zeit kein junger Mann mehr war. Da Judas ihn küssen musste, um ihn zu verraten, scheint Jesus sich in Gestalt und Aussehen wohl nicht auffällig von seinen Zeitgenossen unterschieden zu haben. Mumienporträts aus Ägypten und römische Münzen, auf denen Juden abgebildet sind, zeigen bärtige Südländer. Aber ob Jesus sich an die alttestamentliche Vorschrift "Ihr sollt euer Haar am Haupt nicht rundherum abschneiden noch euren Bart stutzen" (3 Mose 19,27) hielt, wissen wir nicht. In unserer an Bildern orientierten Zeit erscheint es offensichtlich sehr faszinierend, nach dem wahren Aussehen Jesu zu forschen – was  gelegentlich zu seltsamsten Auswüchsen führt. So präsentierte der Sender BBC vor einigen Jahren ein angeblich wissenschaftlich rekonstruiertes Bild, das Jesus als einen urwüchsigen Typen mit breiter Nase und wirrer Kurzhaarfrisur zeigt.

Vielleicht sollten wir uns lieber an das alte Gebot halten: "Du sollst dir kein Bildnis machen" (2 Mose 20,4). Schließlich kommt es auf Jesu Aussehen wirklich nicht an, sondern auf seine Botschaft.

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Mit ironischem Augenzwinkern räumt der Theologe Uwe Birnstein mit Vorurteilen auf, die es über das Christentum gibt. Dabei seziert er Irrtümer, die es über die Bibel, Kirchengeschichte, Konfession und dem christlichen Leben gibt.

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14.08.2019