Offene Türen im digitalen Pfarrhaus

Die Berliner Pfarrerin Theresa Brückner

© Eike Thies

Die Berliner Pfarrerin Theresa Brückner twittert, facebooked und youtubed.

Offene Türen im digitalen Pfarrhaus
Theresa Brückner ist Pfarrerin und hat einen eigenen Youtube-Kanal. Ausgerüstet mit einer kleinen Handkamera gibt sie in kurzen Videos Einblicke in ihr Berufs- und Privatleben. Ihr Projekt heißt "Theresaliebt".

"Mein kleines Kind hat heute Nacht schlecht geschlafen, da war ich viel wach und bin jetzt ganz schön müde", erzählt die verschlafen ausschauende Theresa Brückner in die Kamera. Ihre spezielle Mini-Kamera ist kleiner und leichter als ein Smartphone. Sie hält sie in einer Hand und kann sich so selbst bequem dabei filmen, während sie zu Fuß zum sonntäglichen Gottesdienst läuft. Theresa ist Pfarrerin in Berlin und erzählt offen und authentisch, dass sie gerade etwas aufgeregt sei, weil sie zu einer Kirche laufe, wo sie noch nie einen Gottesdienst gehalten habe. "Das ist für mich immer etwas Besonderes, ein neuer Ort, wo ich die genauen Abläufe noch nicht kenne."

Ein Zuschauer des YouTube-Videos könnte den Eindruck gewinnen, Theresa schon seit vielen Jahren zu kennen. Frei heraus, herzlich und persönlich redet die 32-Jährige über sich, was sie denkt und was sie fühlt. (YouTube: "Theresaliebt")

"Mit Beginn meiner Pfarrstelle im vergangenen Januar habe ich den YouTube-Kanal gestartet. Es geht um Gottesdienstvorbereitungen, den normalen Gemeindealltag, aber auch um emotionale Momente - wie die Vorbereitung einer Beerdigung", sagt Theresa Brückner.

Theresas Stelle trägt den offiziellen Titel "Pfarrerin im digitalen Raum im Kirchenkreis Tempelhof-Schöneberg" und wurde extra für sie entwickelt: "Mir war es schon immer wichtig, dass der christliche Glaube verständlich kommuniziert wird", sagt sie. Deshalb habe sie schon vor Jahren angefangen auf InstagramTwitter und Facebook privat unter dem Namen 'Theresaliebt' Fotos von ihrem Theologiestudium und ihrer Ausbildung zur Pfarrerin zu posten. Über diese sozialen Medien sei sie mit vielen Menschen in Kontakt und in Gespräche über Kirche und Glauben gekommen. Unter anderem auch mit ihrem jetzigen Arbeitgeber, dem Kirchenkreis Tempelhof-Schöneberg, der die Chance und das Innovative in ihrer Arbeit erkannte.

So wurde Theresa zur "Pfarrerin im digitalen Raum". Die Personalentscheidung lässt sich beispielsweise durch die Sinus-Jugendstudie begründen. Die Autoren schreiben: "Die 14- bis 17-Jährigen leben online", für sie sei die Vorstellung von der Bewältigung des Alltags ohne mobile, internetfähige Geräte nicht nachvollziehbar. "Deswegen brauchen wir #DigitaleKirche!", schreibt dazu @theresaliebt auf Twitter. Sie hat sogar ihre Examensarbeit zu dem Thema geschrieben: "Die #DigitaleKirche nutzt ihre Potenziale nicht ausreichend, beispielsweise auf Instagram", sei ein wichtiger Punkt ihrer Ergebnisse.

Theresa kennt sich aus mit Instagram, YouTube, Facebook, Twitter, zudem kann sie Bilder bearbeiten und Videos schneiden. Diese Kenntnisse hat sie sich alle selbst beigebracht - durch Internetrecherchen und Ausprobieren. "Social Media ist schon seit Jahren mein Hobby", sagt sie. Zum Glück, denn trotz Stelle braucht ihre Arbeit Engagement und viel Geduld. Beispielsweise war es nicht so einfach für Theresa herauszufinden, auf welche Weise sie legal Musik in ihren Videos einspielen kann.

Theresa erwähnt in ihren Videos auch, dass sie Ehefrau und Mutter ist. Sie gibt Einblick in ihr Privatleben, macht dies aber sehr bewusst und mit viel Achtsamkeit. "Ich gebe nur ausgewählte Informationen über mich preis." Ihren zweijährigen Sohn sieht man in den Videos nur von hinten und auf Fotos ist sein Gesicht herzförmig ausgeschnitten. "Mir ist die Privatsphäre meines Kindes wichtig." Theresa möchte auf einen achtsamen Umgang mit persönlichen Daten im Internet aufmerksamen machen und dafür Vorbild sein.

"In meiner Landeskirche gibt es bisher viel positives Feedback für Theresas Projekt", sagt Stefanie Hoffmann, die seit April 2018 Pfarrerin für Kirche im digitalen Raum bei der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) ist. Gerade aktuell diskutierten Christ*innen auf Twitter verstärkt ihren Wunsch nach der Darstellung von pluralen Glaubensvorstellungen bei YouTube, erzählt sie. Die neue Aufmerksamkeit für Video-Pfarrer*innen kommt aus der Diskussion nach einem Video auf dem YouTube-Kanal "Jana glaubt". Bis zu dem Video sei das Thema christliche YouTuber*innen nicht vordringlich beachtet worden. "Doch jetzt ist Aufbruchsstimmung", sagt Hoffmann.

Pluralität ist gefragt: So ist gerade Wolfgang Loest, Social-Media-Pfarrer in der Lippischen Landeskirche und Gemeindepfarrer in Detmold-Ost, mit seinem YouTube-Projekt "Nerdgemeinde" gestartet. Und auch Hofmann selbst hat vor Kurzem ihr erstes Youtube-Video bei "Glaube.Liebe.Hoffmann" ins Netz gestellt. In ihrem Kanal möchte die im Video lebhaft und lustig wirkende Pfarrerin aber nicht aus ihrem Alltag berichten ("das macht Theresa ja schon"), sondern von ihrem Glauben erzählen und Fragen der YouTube-Gemeinde zu christlichen Themen beantworten.

In der Nordkirche gibt es bereits drei YouTuber. "Die sind da Vorreiter", sagt Hoffmann. Und die Theologie-Studentin Annabell Gomes hat fast 27.000 Abonnenten bei ihrem YouTube-Kanal. Dort geht es allerdings nicht nur ums Studium und christliche Themen, sondern beispielsweise auch um ihr Leben mit Magersucht.

Allgemeine Kritik an Pfarrern und Pfarrerinnen mit YouTube-Kanälen gäbe es in struktur-konservativen Kreisen, die ein allzu selbstdarstellerisches Auftreten nicht mit ihrem Bild vom Pfarramt vereinbaren könnten, sagt Hoffmann. Doch sie selbst ist der Meinung, dass das Bild von einem digitalen Pfarrhaus mit offenen, einladenden Türen sehr gut zu den persönlichen Video-Kanälen von Pfarrern und Pfarrerinnen passt.