TV-Tipp: "Gegen die Angst" (ZDF)

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TV-Tipp: "Gegen die Angst" (ZDF)
25.3., ZDF, 20.15 Uhr
Das erste und das letzte Bild dieses Thrillers sind identisch, aber das täuscht: Am Ende der Geschichte ist nichts mehr, wie es vorher war. Eine mutige Staatsanwältin hat zwar ihr Ziel erreicht, aber der Preis, den nicht nur sie dafür zahlen muss, übersteigt jedes Maß.

Das alles kann Judith Schrader (Nadja Uhl) noch nicht ahnen, als sie zu Beginn gut gelaunt durch Berlin joggt. Sie kommt heim, füttert ihre Katze, hört eine Liebesbotschaft ihres Freunds und widmet sich voller Zuversicht ihrer neuen Aufgabe, dem Kampf gegen die organisierte Kriminalität. Die Polizei hat es vor allem auf den libanesischen Al-Fadi-Clan abgesehen. Schwachstelle der Verbrecherbande ist Hisham (Burak Yigit), der für Schutzgelderpressungen zuständige jüngere Bruder des Clanchefs Machmoud (Atheer Adel); die Beweislage ist jedoch zu dünn für eine Verhaftung. Als eine Observierung des Mannes aus dem Ruder läuft, kommt es auf einem Fabrikgelände zu einem Schusswechsel zwischen Al-Fadi und dem leitenden Beamten, Jan Wiegand (Andreas Pietschmann), der dabei lebensgefährlich verletzt wird. Wie der Gangster anschließend fliehen konnte, ist Wiegands Kollegen allerdings ein Rätsel.

Clever sorgt der Film zu Beginn dafür, dass das Publikum einen kleinen Informationsvorsprung hat. Sinnbildlich ist eine Szene, in der Wiegands Mitarbeiter über Schrader sprechen – sie soll eine "Wildkatze" sein –, während sie bereits in Hörweite ist. Das ist jedoch nur amüsantes Beiwerk. Inhaltlich weitaus wichtiger sind zwei andere Aspekte: Der heimliche Geliebte der Staatsanwältin ist niemand anders als der zwar verheiratete, aber scheidungswillige Wiegand. Entsprechend viel Überwindung kostet es die Staatsanwältin, angesichts seiner Schusswunden die Fassung zu bewahren; eine berührende Szene am Krankenhausbett ist das einzige Mal, dass sie sich einen Moment der Schwäche erlaubt. Für den Verlauf der Handlung ungleich entscheidender ist jedoch die Erklärung für die Flucht Al-Fadis, der entkommen konnte, obwohl die einzige Ausfahrt vom Fabrikgelände bewacht war, und auch dieses Detail verrät der Film: Der Mann stürmt auf eine unbewaffnete Polizeianwärterin zu, hält verblüfft inne, lächelt sie entschuldigend an, als wolle er um Verzeihung für den nun folgenden tödlichen Schuss bitten – und rennt weiter. Die junge Frau heißt Leyla Sharif (Sabrina Amali), und ihr wird fortan eine Schlüsselrolle zukommen: Sie ist die Cousine des Gangsters.

Autor dieses bemerkenswert dicht erzählten Krimis, in dem es keinen Moment des Leerlaufs gibt, ist Robert Hummel, der bislang in erster Linie für Serien wie "Großstadtrevier", "Der Alte" oder "Soko 5113" tätig war. Bei vielen Aspekten seiner Geschichte konnte er auf eigene Erfahrungen als Schöffe am Berliner Landgericht unter anderem bei Prozessen im Bereich Organisierte Kriminalität zurückgreifen. Seine arabischen Wurzeln waren die perfekte Voraussetzung, um auch die familiäre Verbundenheit auf Seiten des Clans authentisch zu schildern. Für Hummel dreht sich das Drehbuch vor allem um die Frage, "wie der Rechtsstaat mit legalen Mitteln, aber begrenzten Kapazitäten die rücksichtslosen Verbrechen der organisierten Kriminalität bekämpfen" kann.

Regisseur Andreas Herzog hat dafür gesorgt, dass die tiefen emotionalen Bande innerhalb der libanesischen Familie sowie ihre verächtliche Haltung gegenüber der deutschen Rechtsprechung einen fesselnden Kontrast zu den stoischen Mühlen des Gesetzes ergeben. Eine Schlüsselszene in dieser Hinsicht ist das siegessichere Lächeln des Angeklagten und seiner Verteidigerin (Judith Engel); da schürt Herzog mit einfachen Mitteln und voller Berechnung Wut beim Zuschauer. Der frühere Cutter ist vor allem dank seiner Tätigkeit für die ZDF-Reihe "Unter Verdacht" einer der interessantesten deutschen Krimiregisseure. Zu seinen besten Arbeiten gehören der Terrorzweiteiler "Verlorene Sicherheit" (2017) und die beiden "Metzger"-Krimis (ARD); zuletzt hat er mit "Zorn" einen guten Revier-"Tatort" aus Dortmund gedreht. Mit "Gegen die Angst" beweist Herzog erneut, wie gut er sein Handwerk versteht: Der Film ist ein Thriller, aber der Regisseur kann es sich leisten, abgesehen von kurzen Zeitlupen an den richtigen Stellen auf die üblichen Spannungsverstärker zu verzichten; die Handlung ist trotzdem auf hohem Niveau fesselnd.

Voraussetzung dafür ist nicht zuletzt die Fallhöhe: Die idyllischen Szenen mit dem Liebespaar zu Beginn bilden nicht nur einen Kontrast zum knallharten Alltag der Verbrecherjagd, sie sorgen auch dafür, dass Schrader den Täter um jeden Preis zur Strecke bringen will. Der zuständige Beamte von der Mordkommission, Jochen Montag, ahnt zwar, in welcher Beziehung die Staatsanwältin zu dem im Koma liegend Kollegen steht, drückt aber ein Auge zu. Der pragmatische Polizist wird von Dirk Borchardt verkörpert, dem es mit seiner unverwechselbaren Art wieder mal gelingt, aus einer Nebenfigur eine Hauptrolle zu machen. Herzog ist zudem bekannt dafür, seine Schauspieler auch andere Seiten zeigen zu lassen. Das gilt hier vor allem für Burak Yigit, der sonst gern als türkischstämmiger Tollpatsch besetzt wird. Nicht minder interessant ist der Darsteller des Clanchefs. Abgesehen von einem cholerischen Moment, in dem ihm sein kleiner Bruder die schlechte Neuigkeit mitteilt, versieht Atheer Adel den Gangster mit einem gefährlichen Charisma. Eine Begegnung mit der Staatsanwältin, bei der Al-Fadi mit keiner Silbe eine Drohung andeutet, platzt beinahe vor lauter Subtext; mit seiner blendenden Erscheinung wäre der in Deutschland aufgewachsene gebürtige Iraker eine perfekte Besetzung für eine Romanze. Eine Entdeckung ist auch die nicht minder attraktive Sabrina Amali, zumal ihr die Rolle der jungen Polizistin ein breites Spektrum bietet; und das nicht nur, weil Leyla als einzige Zeugin in einem tiefen Loyalitätsdilemma steckt. Im Anschluss zeigt das ZDF die Dokumentation "Die Macht der Clans".

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