"Die größte Kraft des Lebens ist der Dank"

Dankbarkeit und Achtsamkeit

Foto: nattrass/istockphoto/Getty Images

"Die Kunst des Älterwerdens lässt sich lernen", sagt Theologe Hans Gerhard Behringer.

"Die größte Kraft des Lebens ist der Dank"
Dankbarkeit, Loslassen und die Akzeptanz der eigenen Schattenseiten - diese Fähigkeiten sind nach Ansicht des Psychologen und Theologen Hans Gerhard Behringer die besten Begleiter für die späteren Jahre.
Deutschland spricht 2019

"Die Kunst des Älterwerdens lässt sich lernen", sagt der in Davos lebende Lebenshilfe-Autor. Er empfiehlt, sich möglichst früh eine Lebenshaltung der Gelassenheit und Achtsamkeit anzueignen. Dies seien gute Begleiter auf dem Weg in die zweite Lebenshälfte und darüber hinaus.

Da sei zunächst der Aspekt der Dankbarkeit und Zufriedenheit. "Wenn ich meinen Fokus auf das Gelungene und auf das Schöne lege, das einem im Tagesablauf widerfährt, kann das wie ein Selbsttherapieprogramm sein", sagt der Psychologische Psychotherapeut. Man könne sich zum Beispiel jeden Abend hinsetzen und schauen, ob man zwei oder drei Punkte oder Dinge an dem Tag finde, die einem Freude gemacht haben. Dies könne man auch in einer Art Tagebuch festhalten: "Dankbarkeit ist die Medizin des Älterwerdens." Daher sollte man sich täglich fragen: "Habe ich meine Medizin schon eingenommen?"

Der nächste Punkt sei das große Thema Loslassen und Abschiednehmen, sagte Coach Behringer ("Wie das Leben weise macht - Eine Spiritualität des Älterwerdens", Patmos-Verlag 2018). Dabei gehe es um Dinge, von denen man sich verabschieden müsse. "Das ist in jedem Leben etwas anderes", ob spezielle Reisen, Leistungen oder sportliche Betätigungen. Dies sei oft schmerzlich. Man könne aber dankbar darüber sein, was man bisher alles habe erleben dürfen.

Wichtig sei auch das Vertrauen in "gute Mächte und Kräfte". Diese guten Mächte könnten ganz irdisch sein, oder auch "ganz himmlisch und alles dazwischen", so der Autor. Es gebe zum Beispiel die guten Kräfte des Miteinanders, der Freude und des Sozialkontaktes. "So viele Menschen schleppen Groll mit sich herum", gibt er zu bedenken. Oder Verletzungen. Es gehe einem besser, "wenn man lernt, das loszulassen, zu vergeben oder fallenzulassen". Behringer: "Es tut mir besser, wenn ich rausgehe aus der Verbitterung oder aus dem Nachtragen."

Wer zudem auf seine Träume achte, dem werde vieles in seinem Leben klarer, unterstreicht der evangelische Theologe. Träume hätten große Macht und seien "Ratgeber der Nacht".

Behringer baut auch auf die "Kraft des guten Wünschens": In den alten Sprachen heiße "Segnen" einfach gutes Wünschen. Dies sei ein Heilmittel für die Seele: "Dass ich Menschen, sogar auch solchen, mit denen ich es schwer habe, Gutes wünsche". Man könne sich Leute im Bahnhof anschauen und überlegen: "Was täte diesen Menschen jetzt gut, vielleicht Selbstvertrauen, neuer Lebensmut oder Zuversicht?"

Mit am bedeutendsten sei jedoch die Liebe zu allem, was ist. Dies fange "bei mir selber an, geht über zu meinem weiteren Umfeld, meinem Land, meinem Erdteil, zur Natur, zu den Pflanzen und Tieren, ja, zur ganzen Schöpfung und zum Kosmos". Ein Geheimnis des Glücklichwerdens sei es, negative Gedanken durch liebevolle Zuwendung zu ersetzen.

Durch ein falsch verstandenes Christentum habe man immer nur den ersten Teil der bekannten Formel "Du sollst Deinen Nächsten lieben - wie dich selbst" gelernt. Wichtig sei dabei jedoch vor allem der Zusatz: "Wie dich selbst!" Wenn man sich selbst nicht anerkenne und wertschätze, dann "bleibt für den anderen auch nichts mehr übrig".

Schließlich sollte man mit seinen "inneren Widersprüchlichkeiten und Gegensätzlichkeiten" Frieden schließen. Dies sei entscheidend für ein gelingendes Älterwerden, bilanziert Behringer. Wichtig sei die Selbsterkenntnis: "Ich bin auch in Widersprüchen und Gegensätzen ganz, denn wir können nicht in allen Bereichen perfekt und wunderbar sein".

Hans Gerhard Behringer: Wie das Leben weise macht - Eine Spiritualität des Älterwerdens, Patmos, 2018, 144 Seiten, 17 Euro.