TV-Tipp: "Stralsund: Waffenbrüder" (ZDF)

10.11., ZDF, 20.15 Uhr
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Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

Gemessen an der Dynamik des Vorspanns ist der Auftakt zum 13. Film aus der ZDF-Krimireihe "Stralsund" fast gemütlich. Der Knalleffekt, mit dem die Einführung endet, ist daher besonders wirkungsvoll.

Ein Paar wacht auf, sie hat Lust auf Sex, er nicht. Zur gleichen Zeit an diesem kühlen Herbsttag absolviert eine Laufgruppe ihr Morgentraining im Stadion der Freundschaft. Ein kleiner Junge ist zu spät dran und verpasst den Kleinbus, der ihn in den Kindergarten bringen soll; im selben Moment explodiert das Auto, und der Mann, der eben noch neben seiner schönen Freundin lag, ist tot. Das kann aber nicht sein, denn er wird von Florian Bartholomäi verkörpert, jenem Schauspieler, der rekordverdächtig oft Verdächtige im "Tatort" spielt. Tatsächlich stellt sich heraus, dass Sascha Müller noch lebt, weil er kurzfristig mit einem Kollegen die Schicht getauscht hat, was beim Trainer der Laufgruppe für große Bestürzung sorgt; und jetzt endlich entwirft das Drehbuch (Daniel Schwarz und Thomas Schwebel) ein Szenario, das diesen zunächst eher unscheinbaren Krimi doch noch zu einem sehenswerten Film werden lässt.

Davon ist anfangs jedoch nichts zu spüren, da legt "Waffenbrüder" eher den Eindruck nahe, aus der Reihe sei die Luft raus. Zuvor hatte sie sich über mehrere Episoden hinweg durch ein ausgeprägtes Misstrauen zwischen den Ermittlern ausgezeichnet. Die Machtspielchen innerhalb des Teams und die gegenseitigen Verdächtigungen waren nicht nur reizvoll, sondern auch eine Art Alleinstellungsmerkmal. Mit dem zehnten Film, "Vergeltung" (2016), hat "Stralsund" in dieser Hinsicht den vorläufigen Höhepunkt erreicht. Sämtliche Handlungsbögen, die sich über mehrere Folgen erstreckt hatten, wurden zu Ende geführt. Es folgte ein Neuanfang mit neuer Chefin (Therese Hämer); die Geschichten waren immer noch interessant, aber die Reihe schien endgültig im Krimialltag angekommen. Waren die Revierszenen wegen der über Animositäten weit hinausgehenden Ressentiments bis dahin von großer innerer Spannung geprägt, gehorchten sie in den Folgen "Kein Weg zurück" (2017) und "Das Phantom" (2018) dem üblichen Muster: Die Ermittler erzählen sich und damit auch dem Zuschauer, was ihre Recherchen ergeben haben. Da es bei solchen Dialogszenen kaum Variationsmöglichkeiten gibt, ähneln sich die meisten Krimis in dieser Hinsicht; Kaspar Heidelbach kennt das aus seinen zwei Dutzend "Tatort"-Beiträgen zur Genüge. Zumindest bei Vernehmungen versuchen Regisseure immer wieder mal, das übliche Schema zu sprengen; auch in dieser Hinsicht hatte Heidelbach bei seiner ersten Arbeit für die Reihe offenbar keine Ambitionen. Dass "Waffenbrüder" trotzdem sehenswert ist, hat vor allem mit zwei Schlüsselbegriffen zu tun: Stasi und RAF. Clever gibt das Autorenduo Schwarz & Schwebel, von dem unter anderem die Vorlagen für zwei ausgezeichnete Krimis der ZDF-Reihe "Unter anderen Umständen" stammen ("Das verschwundene Kind", "Auf Liebe und Tod"), das eigentliche Thema dieses Films erst nach und nach preis. Eine erste Spur ist die aus der Ferne gezündete Bombe, die eine unheilige Allianz nahelegt: Der Sprengstoff stammt aus früheren Beständen der Nationalen Volksarmee, der Zünder entspricht einer Bauweise, wie sie einst typisch für Anschläge der RAF war.

Es sind in erster Linie die Rätselhaftigkeit der Geschichte sowie die Vermischung von Fakten und Fiktion, die den Reiz von "Waffenbrüder" ausmachen. Dass RAF-Terroristen mit Hilfe des ostdeutschen Ministeriums für Staatssicherheit in der DDR Zuflucht fanden, ist bekannt. Dass sie mit Wissen und im Auftrag der Stasi weiter gemordet haben, ist ein Gerücht; als Inspiration mag dem Autorenduo unter anderem Christa von Bernuths Roman "Innere Sicherheit" gedient haben (unter dem Titel "Verräter - Tod am Meer" fürs ZDF adaptiert). Zwischendurch verliert sich der Film jedoch zu oft in Nebensträngen, die anscheinend keinen Bezug zur Handlung haben. Den Revierszenen mangelt es zudem an der inneren Spannung der früheren Filme. Es macht nach wie vor Spaß, Katharina Wackernagel und Alexander Held zuzuschauen, zumal Nina Petersen und Karl Hidde ein interessantes Team sind, aber Therese Hämer fehlt nicht nur das Charisma ihres Vorgängers Michael Rotschopf, aber im Grunde ist sie bloß Stichwortgeberin der beiden Hauptdarsteller. Das haben wohl auch die Verantwortlichen gespürt, weshalb sie mit Johannes Zirner neue Impulse setzen: Thomas Jung vom LKA ist Spezialist für besondere Gefahrenlagen sorgt mit seiner impulsiven Art für einen interessanten Kontrast zum Duo Petersen/Hidde. Das Ergebnis hat dem ZDF so gut gefallen, dass Zirners Rolle ausgebaut wird. Nach dem Abschied von Wotan Wilke Möhring (2013) gibt es somit endlich wieder einen echten Kerl an Wackernagels Seite, der hoffentlich ein bisschen Bewegung in die Reihe bringt. Zu den "Stralsund"-Merkmalen zählte früher ein dank der meist vorzüglichen Bildgestaltung gewisser optischer Aufwand. In dieser Hinsicht ist "Waffenbrüder" ein bisschen enttäuschend. Action im weitesten Sinn gibt es im Grunde erst gegen Ende bei einem auch dank Musik (Oliver Kranz) und Kamera (Daniel Koppelkamm) spannend inszenierten SEK-Einsatz; dabei weiß Grimme-Preisträger Heidelbach ("Das Wunder von Lengede") doch eigentlich, wie großes Fernsehen funktioniert.

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