Armut bedroht 19 Prozent der Bevölkerung

Armit in Deutschland

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Als armutsgefährdet stuften die Statistiker 13,1 Millionen Menschen ein, was einem Anteil von 16,1 Prozent der Bevölkerung in Deutschland entspricht.

Armut bedroht 19 Prozent der Bevölkerung
Rund 15,5 Millionen Menschen in Deutschland waren im vergangenen Jahr von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Das waren 19 Prozent der Bevölkerung, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch in Wiesbaden mitteilte.

Damit ging der Anteil dieser Bevölkerungsgruppe leicht zurück: Im Jahr 2016 waren es noch 16 Millionen Menschen oder 19,7 Prozent der Bevölkerung. Die Linkspartei forderte im Kampf gegen Armut höhere Löhne und eine Mindestsicherung statt des Hartz-IV-Systems. Mehrere Sozialverbände plädierten für einen höheren Mindestlohn.

Drei Lebenssituationen definieren Armut

Eine Person gilt nach Angaben der Statistiker als von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, wenn mindestens eine der folgenden drei Lebenssituationen zutrifft: Ihr Einkommen liegt unter der Armutsgefährdungsgrenze, ihr Haushalt ist von erheblicher materieller Entbehrung betroffen oder sie lebt in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung. Als armutsgefährdet stuften die Statistiker 13,1 Millionen Menschen ein, was einem Anteil von 16,1 Prozent der Bevölkerung in Deutschland entspricht. Eine Person gilt laut EU-Definition als armutsgefährdet, wenn sie über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt. In der Europäischen Union lag der Anteil der von Armut gefährdeten Menschen 2017 bei durchschnittlich 22,5 Prozent.

3,4 Prozent waren den Angaben zufolge von erheblicher materieller Entbehrung betroffen. Das bedeutet, dass ihre Lebensbedingungen aufgrund von fehlenden finanziellen Mitteln eingeschränkt waren. Sie waren zum Beispiel nicht in der Lage, ihre Rechnungen für Miete, Hypotheken oder Versorgungsleistungen zu bezahlen, ihre Wohnungen angemessen zu beheizen oder eine einwöchige Urlaubsreise zu finanzieren.

Armut bekämpfen mit Bildung

Die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Katja Mast, sagte, ihre Partei habe "viele Vorhaben zur Armutsbekämpfung im Koalitionsvertrag durchgesetzt". Dennoch müssten die Reformen weitergehen, etwa mit dem Gesetz zum sozialen Arbeitsmarkt. "2019 steht die Grundrente und der Einbezug von Selbstständigen in die Rente auf der Agenda", erklärte Mast. "Damit drängen wir massiv Altersarmut zurück. Armut bekämpfen wir am besten, indem wir für gute Bildung und gute Arbeit sorgen."

Sabine Zimmermann, die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linkspartei im Bundestag, wies darauf hin, dass "ein Fünftel der Menschen in Deutschland finanziell abgehängt bleibt". Das lasse sich nicht mit Symbolpolitik ändern. "Gegen Armut helfen nur deutliche Lohnsteigerungen im unteren Lohnbereich und armutsfeste Sozialleistungen", sagte die Expertin. Leiharbeit, Werkverträge und Minijobs wolle ihre Partei abschaffen. "Der Mindestlohn muss auf zwölf Euro pro Stunde steigen", sagte Zimmermann. "Statt Hartz IV braucht es eine sanktionsfreie Mindestsicherung von derzeit 1.050 Euro im Monat."

Eindämmung der Leiharbeit

Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, erklärte, der stark wachsende Wohlstand komme offensichtlich nicht bei allen an. "Statt der armutspolitisch weitestgehend irrelevanten Erhöhung des Mindestlohnes auf gerade einmal 9,19 Euro wäre eine Anhebung auf 12,63 Euro erforderlich", sagte Schneider. Auch er sprach sich für eine Eindämmung der Leiharbeit und eine Abschaffung der sachgrundlosen Befristung von Jobs aus.



Wolfram Friedersdorff, Präsident der Volkssolidarität, sagte: "Der aktuelle Mindestlohn schützt nicht vor Altersarmut." Der in den vergangenen Jahren stark gewachsene Niedriglohnsektor und die Zunahme prekärer Beschäftigungsformen hätten zusammen mit dem abgesunkenen Rentenniveau Schuld daran, dass immer mehr Menschen im Alter auf Sozialleistungen angewiesen seien. Friedersdorff warb ebenfalls "für eine deutliche Erhöhung des Mindestlohns, die über Cent-Beträge hinausgeht, um dem Anstieg von Altersarmut entgegenzuwirken".