TV-Tipp: Tatort "Her mit der Marie!" (14.10., ARD, 20.15 Uhr)

TV-Tipp: Tatort "Her mit der Marie!" (14.10., ARD, 20.15 Uhr)
Manch' ein Zuschauer wird sich schon nach dem ersten Bild von diesem "Tatort" aus Österreich verabschieden: Auf einer Landstraße liegt ein toter Fuchs; ein Sportcoupé rauscht heran und fährt das Tier gewissermaßen noch mal tot.

Kurz drauf gibt es einen weiteren Leichnam: Eine maskierte Gestalt hat dem Auto und seinen beiden Insassen aufgelauert. Die Männer waren als Geldkuriere im Auftrag des „Dokta“ unterwegs, einem Wiener Verbrecherkönig, zu dessen Geburtstagsfeiern auch die Honoratioren der Stadt erscheinen. Nun ist das Geld weg und einer der beiden Männer nicht nur erschossen, sondern auch verbrannt. Der andere, ein halbstarker junger Bursche namens Pico (Christopher Schärf), genießt zwar das Vertrauen des Dokta (Erwin Steinhauer), aber Kontrolle ist erfahrungsgemäß besser, weshalb ihm der Gangsterboss bei der Suche nach der „Marie“ seinen Mann fürs Grobe (Johannes Krisch in seiner üblichen Schurkenrolle) zur Seite stellt. Derweil suchen Moritz Eisner und Bibi Fellner (Harald Krassnitzer, Adele Neuhauser) ebenfalls, und zwar nach dem Mörder des zweiten Mannes, dessen verkohlte Leiche sie in einem Waldstück in der Nähe des Tatorts gefunden haben.

Die Krimis aus Wien sind in gewisser Weise eine Wundertüte, zwar nicht hinsichtlich ihrer Qualität, denn ist die fast ausnahmslos herausragend, aber doch in Bezug auf Stil und Erzählweise; ein gewisser Schmäh ist immer dabei, aber mitunter können die Filme auch ziemlich spannend sein. „Her mit der Marie!“ ist ein Zwischending. Der Titel steht für Komödie, die Dialoge ebenfalls, und im Grunde ist die Geschichte vom verbrecherischen Königspärchen tragikomisch, aber es gibt eben auch Szenen, die alles andere als lustig sind. In Österreich ist eine Melange dieser Art sehr beliebt, beim deutschen Publikum eher weniger; hierzulande ist man eher für klare Verhältnisse. Hinzu kommt, dass die Darsteller selbst in der fürs deutsche Fernsehen entschärften Version noch einen ziemlich handfesten Dialekt sprechen.

Sehenswert ist der ORF-“Tatort“ trotzdem, schon allein wegen des mit viel Hingabe geführten Dauerstreits zwischen Eisner und Fellner. „Her mit der Marie!“ ist seit 2011 der zwanzigste Fall für das Duo, das längst den Status eines alten Ehepaars erreicht hat: Sie lieben sich, sie zanken sich, aber sie können nicht ohne einander. Zankapfel ist diesmal Inkasso-Heinzi. Bislang war der von Simon Schwarz als liebenswerter Trottel verkörperte Kleinkriminelle eine Art Running Gag, oft genug bloß indirekt präsent, weil Fellner ihm ihren protzigen Pontiac Firebird zu verdanken hatte. Nun ist der Ganove ehrlich geworden, sagt er jedenfalls, und Fellner glaubt ihm; Eisner jedoch nicht. Deshalb durchsucht er illegal Heinzis Wohnung, findet prompt die Tatwaffe und zieht so gerade noch den Kopf der Majorin aus der Schlinge, bevor sie wegen Strafvereitelung und Mithilfe Ärger bekommt. Fellner verhilft ihrem alten Freund trotzdem zur Flucht, und so nimmt die bis dahin schwarzhumorige Geschichte eine Wendung von shakespeare’scher Tragik.

In diesem Kontrast liegt einerseits ein großer Reiz; andererseits sind solche Geschichten erfahrungsgemäß nicht jedermanns Geschmack. Autoren des Films sind Stefan Hafner und Thomas Weingartner, von denen unter anderem die Drehbücher zu zwei im Sommerprogramm des ZDF ausgestrahlten ORF-“Landkrimis“ („Drachenjungfrau“, „Wenn Du wüsstest, wie schön es hier ist“) stammen. Bei Babara Eder ist ihre Vorlage in guten Händen; die Regisseurin hat schon mit dem ORF-Krimi „Virus“ ein wunderbares Beispiel für die österreichische Schmähkultur abgeliefert. Auch wenn das Zuhören große Konzentration erfordert, zumal Pico-Darsteller Christopher Schärf auch noch zu einem gewissen Nuscheln neigt: Die Dialoge sind gern von jener Schärfe, die das österreichische Fernsehen dem deutschen Krimi voraus hat. Opfer vor allem von Eisners Attacken ist in erster Linie der eifrige Chefinspektor Schimpf (Thomas Stipsits). Im Grunde grenzt es an Mobbing, was der Oberstleutnant mit dem zu einer gewissen Weitschweifigkeit neigenden jüngeren Kollegen treibt; aber witzig ist es trotzdem. Eine von vielen wunderbaren Drehbuchideen ist das Leberkäsdilemma, dessen Lösung ein schönes Bild für die platonische Beziehung zwischen Fellner und ihrem von Schimpf auch mal „Espresso-Heinzi“ genannten Freund ist. Umso betrüblicher ist der Schluss, dessen Melancholie durch den Hit „Irgendwann bleib i dann dort ...“ der Steiermark-Band S.T.S. noch vertieft wird. Die ziemlich rockige Musik von Stefan Bernheimer hat gleichfalls einen nicht unerheblichen Anteil an der Qualität des zwischendurch auch mal recht flotten ORF-Krimis.