Deutsche Bevölkerung will christlich-islamischen Dialog

christlich-islamischen Dialog weiterführen und verstärken

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In Deutschland will die Bevölkerung den christlich-islamischen Dialog weiterführen und verstärken.

Laut einer repräsentativen Befragung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD wollen 63 Prozent der Bevölkerung den christlich-islamischen Dialog weiterführen und verstärken.

Das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD (SI) hat eine empirische Studie veröffentlicht, wie die deutsche Bevölkerung den Islam im Allgemeinen und die Muslime im Besonderen beurteilt. Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, begrüßt die aktuelle Befragung: "Dass Religionsgemeinschaften sich dafür interessieren, wie der Zusammenhalt in der Gesellschaft stattfindet, finde ich in Ordnung. Wieso soll das die evangelische Seite nicht auch machen? Ich gehe erst mal von einer guten Absicht aus."

Die Ergebnisse der Befragung sind ein Sammelsurium soziologischer Befindlichkeiten. Besonders im Islam meinen die Deutschen viele religiöse Fanatiker vorzufinden. Gleichzeitig sieht rund die Hälfte der Bevölkerung einen gemeinsamen Glaubenskern im Christentum und Islam. Nur ein Drittel will zwar den Islamischen Religionsunterricht. Aber die Zusammenarbeit von Christen und Muslimen in Kitas befürworten drei Viertel. Für ein gemeinsames Gebet von Christen und Muslimen spechen sich 52 Prozent der Befragten aus. Und rund 43 Prozent haben nichts gegen einen muslimischen Bürgermeister einzuwenden. 

Es gibt weder das Christentum noch den Islam

"Christen sollten sich nicht für den Bau einer Moschee einsetzen, finden die Befragten. Wenn es aber darum geht, sich solidarisch zu zeigen, wenn muslimische Einrichtungen angegriffen werden, stimmt die große Mehrheit zu", erklärt Petra-Angelika Ahrens vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD.

Nur ein Viertel fühlt sich gut über den Islam informiert. Im Ergebnis heißt das, für 75 Prozent ist der Islam in Deutschland etwas eher Unbekanntes, das sie im Zweifelsfall auch ablehnen. Gibt es aber etwa am Arbeitsplatz konkreten Kontakt mit Muslimen, schwindet die Ablehnung bei den meisten oft schnell.

Nur stimmt die Systematik der Fragestellung? Ist "Islam" nicht längst zu einer Art Containerbegriff für alles Fremde und Unbekannte geworden, vor denen sich deutsche Bürger in globalisierten Unruhezeiten fürchten? Und wenn man schon nach "dem Islam" als Religion fragt, müsste man da nicht sachgerecht die verschiedenen Strömungen in den Blick nehmen? Schließlich gibt es ja auch nicht "das Christentum", wo man Katholiken, Protestanten, Orthodoxe, Freikirchler, Charismatiker und sämtliche Sondergruppen in einen Topf werfen kann, ohne flach und unseriös zu sein.

"Was immer mitschwingt: Achten Muslime das Grundgesetz?"

"Der subjektive Informationsstand ist nicht überbordend. Informationen über verschiedene Strömungen erwarten zu wollen, das würde einer solchen empirischen Befragung der Bevölkerung nicht gerecht", sagt SI-Mitarbeiterin und Oberkirchenrätin Petra-Angelika Ahrens.

Das heißt, die Menschen wurden zu einer Religion befragt, von der sie allzuoft gar keine Ahnung haben. Der Islam wird abgelehnt, die Muslime aber nicht. Also brauche es da noch wesentlich mehr Aufklärung. Auch Aiman Mazyek liest das Ergebnis der Studie so: "Als Muslim stehe ich auch für den Glauben des Islams. Das ist eine Diskussion um Semantik. Ist der Islam nun ein Teil Deutschlands oder die Muslime? Wir sind ein Teil des Landes. Was immer mitschwingt bei all den Diskussionen ist, ob Muslime das Grundgesetz achten. Das Bekenntnis zum Islam und die Achtung des Grundgesetzes schließen sich nicht aus. Ich kann ein guter Bürger sein und gleichsam ein guter Muslim."

Gleichzeitig zur SI-Studie stellte der Berliner Bischof Markus Dröge für den Rat der EKD ein Positionspapier zum christlich-islamischen Dialog vor. Es ist ein klares Bekenntnis zu einer religiös möglichst bunten Glaubenslandschaft.

"Wir widerstehen allen Bestrebungen, die sich eine kulturell-homogene oder religiös-homogene Gesellschaft ersehnen. Den christlichen Glauben zu vertreten heißt nicht, gleichzeitig andere Religionen zu unterdrücken", sagt Dröge.

Das deutsche Religionsverfassungsrecht sei weltweit eines der besten. Und das garantiere den Schutz der Religion im öffentlichen Bereich wie auch das Recht, keine Religion leben zu müssen. Schon im November 2006 veröffentlichte die EKD die Handreichung "Klarheit und gute Nachbarschaft", die teils zu heftigen Widersprüchen muslimischer Vertreter führte. Das neue Positionspapier rudere da nicht zurück. Es gelte weiterhin die Auffoderung zur Dialog-Bereitschaft, aber eben auch die Erwartung, dass Muslime sich klar gegen alle antidemokratischen Extreme ihrer Religion abgrenzen.

"Ich glaube, dass das Papier 'Klarheit und gute Nachbarschaft' immer noch den Wert hat, auf bestimmte Probleme hinzuweisen. Dass wir von unserem Verständnis der Menschenrechte her kritische Dinge benennen müssen. Es hat damals mehr durch den Ton und die Haltung Widerstand geweckt, als durch das, was an sachlichen Dingen beschrieben ist", erklärt Bischof Dröge zwölf Jahre später.

Aus der DITIB eine deutsche Religionsgemeinschaft machen

Und wie soll der Dialog mit der aus Ankara geführten DITIB aussehen? Immerhin wurden jüngst staatliche Zuschüsse für den türkischen Moscheeverband gestrichen und es gibt Überlegungen, Teile des Verbandes vom Verfassungsschutz überwachen zu lassen.

"Wir haben über Jahrzehnte ein gutes Verhältnis zu den entsprechenden Moscheen aufgebaut. Wenn wir erleben, dass die Leitungen von Einrichtungen ausgetauscht werden, gibt es jetzt einen Vertrauensverlust. Die Beeinflussung dieser DITIB-Vereinigung ist sehr deutlich. Trotzdem versuchen wir eine gewisse Gesprächsebene zu halten", sagt Dröge.

In ähnlicher Sorge ist auch Aiman Mazyek. Der Kontakt  dürfe nicht verloren gehen. "Es ist immerhin die größte muslimische Organisation in Deutschland mit etwa 900 Moscheegemeinden. Wir müssen Anstrengungen unternehmen, wie wir auf dem Boden des Religionsverfassungsrechtes daraus mittel- und langfristig eine deutsche Religionsgemeinschaft machen", sagt Mazyek.

Dazu habe der Zentralrat der Muslime den Vorschlag gemacht, eine Übergangsregelung bei der Imam-Ausbildung zu finden, damit Imame nicht mehr aus der Türkei entsandt, sondern an deutschen Universitäten ausgebildet und hier auch bezahlt werden können. Eine weitere Nationalisierung und Ethnisierung des Islam in Deutschland lehne der Zentralrat der Muslime ab.