TV-Tipp: "Kruso" (ARD)

26.9., ARD, 20.15 Uhr
Auf einem Tisch steht ein altmodischer Fernseher

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

Mit dem beinahe gleichnamigen Schiffbrüchigen aus der Geschichte von Daniel Defoe hat der Titelheld zwar nichts zu tun, aber auch "Kruso" spielt auf einer Insel; und seinen Freitag bekommt der Mann ebenfalls. Im Sommer 1989 findet sich auf Hiddensee allerlei Strandgut des Schicksals ein. Die Ostseeinsel beinahe in Sichtweite von Dänemark war ein Sehnsuchtort für Menschen, die den Sozialismus hinter sich lassen wollten; wenn sie schon das Land nicht verlassen konnten, dann zumindest das Festland.

Hauptfigur der Geschichte ist aber keineswegs Alexander Krusowitsch (Albrecht Schuch), Sohn eines russischen Generals und einer verstorbenen Hochseilartistin, sondern der junge Edgar (Jonathan Berlin), Student aus Halle, dessen Leben nach dem Suizid seiner Freundin völlig aus der Bahn geworfen ist. Kruso kann im letzten Moment verhindern, dass Ed beim Fluchtversuch von den Grenzsoldaten erwischt wird, und sorgt dafür, dass er als Saisonkraft im Ausflugslokal der Insel anheuern kann. Die Angestellten von Gastwirt Krombach (Andreas Leupold) sind zwar eine schräge Truppe, bilden aber eine verschworene Gemeinschaft, der auch Ed bald angehört. Im Radio läuft der Deutschlandfunk, die Berichte über Demonstrationen häufen sich, und nach und nach lichten sich die Reihen der Mitarbeiter. Für Ed ist es der letzte Sommer seiner Kindheit, für die DDR der letzte Sommer überhaupt.


Der Film basiert auf dem 2014 erschienenen gleichnamigen Roman von Lutz Seiler. Thomas Kirchner (Buch) und Thomas Stuber (Buch und Regie) haben sich weitgehend an die Vorlage gehalten. Der Film konzentriert sich auf die Beziehung zwischen den beiden jungen Männern: Der ältere Kruso, einst von seiner Schwester auf Hiddensee zurückgelassen, sieht in Ed nicht nur wegen der gemeinsamen Vorliebe für die die Gedichte von Georg Trakl einen Seelenverwandten. Kruso, der merkwürdige Inselheilige, sorgt als Schutzpatron der Schiffbrüchigen des Schicksals dafür, dass sie vorübergehend Essen, ein Dach über dem Kopf und Gesellschaft für die Nacht bekommen; sie sollen erkennen, dass es nichts Wichtigeres als die Freiheit im Kopf gibt.

Zumindest die personelle Konstellation erinnert an Stubers letzten Kinofilm, "In den Gängen" (2018): In dem tiefenentspannt inszenierten Supermarktdrama nimmt ebenfalls ein älterer Mann einen jüngeren unter seine Fittiche, um ihn zum Teil einer verschworenen Gemeinschaft zu machen. Damit scheinen die Parallelen zu enden, aber  hier wie dort geht um das kleine Glück und die Flucht vor dem Leben. Stuber ist unter den weniger bekannten Regisseuren ohnehin einer der interessantesten, auch sein Boxerporträt "Herbert" (2015, wie "In den Gängen" mit Peter Kurth) ist ein großartiges, bedrückendes, herausragend gut gespieltes Drama. Dass Stuber auch Krimi kann, hat er mit "Verbrannt" bewiesen, einem bedrückenden NDR-"Tatort" über den mysteriösen Tod eines Flüchtlings in Polizeigewahrsam, und anschließend mit dem raffinierten Neo-Noir-Thriller "Ein Mann unter Verdacht". Auch Kirchner steht für herausragende Qualität, und das nicht nur wegen seiner formidablen "Spreewald"-Krimis; zu seinen diversen Auszeichnungen zählt unter anderem der Grimme-Preis für die Adaption von Uwe Tellkamps Roman "Der Turm". Solche Ehren werden ihm und Stuber für "Kruso" vermutlich nicht zuteil werden, dafür ist der Film zu episodisch konzipiert, weshalb der Handlungsfluss immer wieder stockt. Die vielen Nebenfiguren bleiben zudem etwas oberflächlich: Krombach als Mutter der Kompanie, der aggressive Salzlach (Pit Bukowski) als Eds Widersacher, der ihn eines nachts scheinbar grundlos übel verprügelt, Kellner Rimbaud (Peter Schneider), der die Schiffbrüchigen mit hochgeistiger Lektüre ("Nahrung für die Seele") versorgt, oder die hübsche Christina (Amy Benkenstein), die Ed dabei hilft, seinen Schmerz zumindest vorübergehend zu vergessen. Faszinierend ist "Kruso" vor allem als Analogie auf die letzten Tage der DDR, weil es gemäß der Parole "Der Letzte macht das Licht aus" gegen Ende dieses Sommers auch auf Hiddensee immer leerer wird. 

Darstellerisch ist der Film wie alle Werke Stubers ohnehin eindrucksvoll. Gerade Albrecht Schuch stellt erneut seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis und fügt seiner Riege ausgefallener Charaktere nach Uwe Mundlos im Auftakt zur "NSU"-Trilogie ("Mitten in Deutschland: Die Täter"), dem durchgeknallten Investmentbanker in "Bad Banks" und zuletzt dem unter einer enormen Schuld leidenden Dorfpolizisten in dem ZDF-Drama "Der Polizist und das Mädchen" eine weitere hochinteressante Figur hinzu, zumal der Titelheld bis zum Schluss, als ihn die geistige Umnachtung übermannt, ein Rätsel bleibt. Zu kurz kommt allerdings der Grund für den Wahn: Angesichts der Aussicht auf tatsächliche Freiheit ist den Menschen die von Kruso propagierte und vorgelebte Freiheit im Kopf nicht mehr so wichtig. Ähnlich vorzüglich wie Schuch ist Jonathan Berlin, der bereits im Frühjahr in Friedemann Fromms Nachkriegsdrama "Die Freibadclique" imponiert hat. Sehenswert ist auch die Bildgestaltung. Die ersten Bilder sehen aus, als hätte sich Kameramann Nikolai von Graevenitz) von "Die Möwe Jonathan" ("Jonathan Livingston Seagull", 1973) inspirieren lassen. Passen würde es: Der Film ist etwas in Vergessenheit geraten, aber ein echter Freiheitsklassiker.

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