Zivile Seenotretter starten neuen Einsatz vor libyscher Küste

Aquarius

Foto: dpa/Laurin Schmid/SOS Mediterranee

Zivile Seenotretter starten neuen Einsatz vor libyscher Küste
Mehrere Schiffe stecken noch in europäischen Häfen fest
Nach einem Monat sticht die "Aquarius" wieder in die See - die zivilen Seenotretter werden vor der Küste Libyens im Einsatz sein. Andere Schiffe werden noch in Europa festgehalten.

Nach einer einmonatigen Pause bricht das zivile Seenotrettungsschiff "Aquarius" wieder zu Einsätzen vor der Küste Libyens auf. Das von den Hilfsorganisationen "SOS Mediterranee" und "Ärzte ohne Grenzen" gecharterte Schiff lag den Rettern zufolge zum ersten Mal nach zwei Jahren ununterbrochener Such- und Rettungseinsätze auf See für eine längere Zeitspanne am Hafen von Marseille. Man habe sich "strategisch und technisch dem radikalen Wandel der Bedingungen" anpassen müssen, hieß es.

Im Juni musste das mit Flüchtlingen voll besetzte Schiff rund eine Woche im Mittelmeer ausharren, weil Italien und Malta ihre Häfen für die Retter gesperrt hatten. Am 17. des Monats durfte es schließlich in Valencia anlegen, um die im Meer aufgegriffenen Menschen abzusetzen. Die 35-köpfige "Aquarius"-Crew besteht aus der Mannschaft sowie einem Rettungs- und einem medizinischen Team.   

Bildergalerie

Sea-Watch - Hoffnung auf dem Mittelmeer

Flüchtlinge, die auf einem Gummiboot im Meer treiben

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Flüchtlinge, die auf einem Gummiboot im Meer treiben

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Der freie Fotojournalist Chris Grodotzki fährt mit dem ersten Rettungsboot zu den Flüchtlingen, die, wie in diesem Fall auf einem "Centifloat", einem schwimmenden Rettungsfloß der Sea-Watch, im Meer treiben. Bei der Rettungsaktion ist in der Ferne auch ein Boot der libyschen Küstenwache zu sehen. In Panik sprangen die Menschen vom Boot. Fünf seien bis heute verschwunden.

Erstkontakt

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Mediatoren sind diejenigen, denen die Flüchtlinge zuerst begegnen. Sie geben die Rettungwesten aus und erklären das weitere Vorgehen. In diesem Fall sind es 157 Gerettete mit der Hoffnung auf eine Zukunft.

Migration ist menschlich

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Grodotzki empfindet die aktuelle Berichterstattung zum Thema sehr einseitig. Im öffentlichen Diskurs werde Migration lediglich als Problem wahrgenommen, dabei sei sie so alt wie die Menschheit: "Das Problem ist, dass Europa Grenzen schließt und dadurch Menschen ertrinken."

Gefährliche Reise

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Es gibt nie nur einen einzigen Grund, warum Menschen aus ihrer Heimat fliehen. Derzeit sind es viele aus dem Sudan. Wer sich auf so eine gefährliche Reise begibt, hat meist mehrere Gründe das zu tun: Bürgerkrieg, Diktatoren, Angst vor Folter und Massakern und wirtschaftliche Not.

Zwischen den Booten

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Sobald Flüchtlinge an Bord eines Rettungsschiffes sind, dürfe die libysche Küstenwache (hinten links im Bild) die Flüchtlinge nicht mehr zurückzuholen. Und doch soll es immer wieder zu Zwischenfällen unter Androhung von Waffengewalt gekommen sein.

Der Mensch als Ware

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Die "Sea-Watch 3" fährt unter niederländischer Flagge. Übergriffe der Libyer auf internationalem Gewässern sind als Piraterie anzusehen. Die libysche Küstenwache ist für Grodotzki ein Euphemismus. Er spricht lieber von Milizen. Er erzählt von Flüchtlingen, die in libyschen Internierungslagern waren und von Sklavenmärkten, auf denen Subsahara-Flüchtlinge als billige Arbeitskräfte verkauft würden. Eine verheerende Menschenrechtslage.

Sea Watch 3

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

"Ich glaube daran, dass wir ein offenes Europa der Menschen haben können und ich glaube, dass mehr Menschen sich ein ein solches Europa wünschen, als eines der Seehofers, Orbans oder Kurzes," sagt Grodotzki.

An Bord, in Sicherheit

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Im Normalfall befinden sich 22 Crewmitglieder auf der Sea-Watch 3. Eine Crew auf der Sea-Watch besteht aus Aktivisten aus ganz Europa.

Moonbird

Foto: Chris Grodotzki / jib collective for Sea-Watch/flickr

Der politische Wind wird rauher: Nachdem bereits mehrere Schiffe festgehalten würden, dürfe nun auch das von der EKD unterstützte Rettungsflugzeug "Moonbird" nicht mehr starten. Das Flugzeug war 2017 an der Rettung von 20.000 Menschen beteiligt. Grodotzi flog selbst auch zwei Tage mit: "Wir haben viele Boote gesehen, aber jedesmal auch die libysche Küstenwache, die die Menschen zurückführen will."

Gerettete in Rettungsdecken

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Für den Fotojournalisten ist der Fotoapparat kein Medium, um Distanz zu seinem Sujet zu halten. Als Aktivist ist es ihm ein persönliches Anliegen etwas zu verändern. Mit seinen Fotos hofft er auf den Diskurs einwirken zu können. Das Wissen darum, Leben zu retten, hilft gegen die Hilflosigkeit, die man bisweilen als Retter verspürt.

Hoffnung oder Angst?

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Sobald sie an Bord kommen, überwiegt die Hoffnung. Nicht selten kommt es spontanen Gefühlsausbrüchen. Tränen, Tanz und Saltos auf Deck, christliche und muslimische Gottesdienste – all das hat der Fotojournalist schon erlebt.

Machtgefälle auf See

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Wenn Grodotzki fotografiert, dann tut er das immer mit dem Einverständnis der Menschen. "Manchmal ist es nur ein Kopfnicken. Sie wissen wenig bis nichts darüber, wie über sie in europäischen Medien berichtet wird."

Ziel erreicht?

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Sind die NGOs mitverantwortlich für das Sterben auf See? "Es gab kein Schlepperbusiness, bis Europa in den 70er Jahren keine Arbeitsvisa mehr erteilt hat und somit Menschen die Möglichkeit genommen wurde, legal ein- und auszureisen. Verbote schaffen Mafiastrukturen und eine Nachfrage erzeugt ein Angebot. Wenn die Fluggesellschaften nicht ihren Job machen dürfen, dann erledigen das die Schlepper," sagt Grodotziki.

Nur fast auf festem Boden

Foto: Chris Grodotzki/Sea-Watch.org

Die Flüchtenden kennen den Diskurs, der in Europa über sie geführt wird, nicht. Meistens wissen sie auch nichts über die langwierigen Asylverfahren, die in Europa auf sie warten.

Nach Angaben der Geschäftsführerin von "SOS Mediterranee Deutschland", Verena Papke, sollte das Schiff am Mittwochabend wieder in See stechen. "Zur Rettung von Menschen gibt es keine Alternative", sagte sie am Mittwoch in Berlin. Allein im Juni seien im Mittelmeer 700 Menschen ertrunken, weil zivile Rettungsschiffe davon abgehalten worden seien, Flüchtlinge in internationalen Gewässern vor der libyschen Küste zu retten. Diese humanitäre Tragödie und das Versagen der EU spiele sich "vor unseren Augen ab".

"SOS Mediterranee Deutschland" und "Ärzte ohne Grenzen" kritisierten auch die Übertragung der Koordinierung der Rettungseinsätze von Italien an die libysche Küstenwache. Trotz der Anerkennung durch die Internationale Seeschifffahrtsorganisation IMO sei für die zivilen Retter die libysche Seenotleitstelle keine kompetente Behörde, sagte Papke. Die Stelle sei nicht 24 Stunden erreichbar und viele dort sprächen kein Englisch.

Die Crew des deutschen Rettungsschiffs "Sea-Watch 3" kann derweil ebenfalls darauf hoffen, bald in See zu stechen: Die niederländische Regierung hat die korrekte Registrierung bestätigt, wie die Organisation "Sea-Watch" mitteilte. Demnach heißt es in einem Bericht der niederländischen Regierung an die Behörden in Malta, dass "alle Voraussetzungen für eine Registrierung als Sportboot im Flaggenregister der Niederlande erfüllt sind". Die Behörden auf Malta hätten ein Auslaufen des Rettungsschiffs bislang mit der Begründung abgelehnt, Erläuterungen aus den Niederlanden zu benötigen.

Das von der Hilfsorganisation zur Seenotrettung von Flüchtlingen betriebene Schiff wird seit dem 2. Juli in Malta festgehalten. Grund sind nach Angaben der Organisation die parallel eingeleiteten Ermittlungen gegen den Kapitän des deutschen Rettungsschiffes "Lifeline", Claus-Peter Reisch, in der maltesischen Hauptstadt Valletta. "Sea-Watch" kritisierte das Vorgehen der dortigen Behörden als "kollektive Bestrafung". "Lifeline"-Kapitän Reisch steht seit dem 2. Juli in Malta vor Gericht. Der 57-Jährige soll das Rettungsschiff fehlerhaft registriert haben. Ihm droht bei einer Verurteilung eine Haftstrafe bis zu einem Jahr.

Die "Lifeline" hatte Anfang Juli erst nach mehreren Tagen die Erlaubnis zum Einlaufen in einen maltesischen Hafen erhalten. Dort wurde sie beschlagnahmt.

  

Das Rettungsschiff "Iuventa" des deutschen Vereins "Jugend rettet" liegt bereits seit einem Jahr im sizilianischen Hafen Trapani an der Kette. "Während wir nicht auslaufen dürfen, ertrinken Menschen", sagte Jonas Buja von "Jugend rettet" dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Das ist menschenverachtend." Der nautische Offizier und evangelische Kirchenvorsteher aus Ostfriesland hat fünf Missionen der "Iuventa" im Mittelmeer begleitet. Den wechselnden ehrenamtlichen Besatzungen des ehemaligen Fischtrawlers wird vorgeworfen, mit libyschen Schleusern zusammenzuarbeiten.

Die italienischen Behörden beriefen sich auf ein altes Anti-Mafia-Gesetz, mit dem der Waffenschmuggel auf dem Mittelmeer unterbunden werden sollte, erklärte Buja. Darum hätten sie das Schiff am 2. August vergangenen Jahres präventiv beschlagnahmen können - "auch ohne Beweise".

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