Die Botschaft der Gnade in unserer Leistungsgesellschaft

Was würde in Sachsen fehlen, wenn der Reformationstag kein Feiertag wäre?
Spuren auf dem Asphalt

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Peter Meis, Oberlandeskirchenrat in Sachsen, lobt den Reformationstag als Feiertag: "Denn da wird etwas gefeiert, was wir zum Leben und Sterben brauchen."

Was würde in Sachsen fehlen, wenn der Reformationstag kein Feiertag wäre? Nichts? "Protest, Euer Ehren: Natürlich würde vielen Sachsen Wichtiges, vor allem Schönes fehlen! Der abwechslungsreiche Einkaufsausflug in die benachbarten Bundesländer. Oder nach Tschechien, der kurze Sprint nach Wroclaw (Breslau) oder Praha (Prag). Die lustvolle Unterbrechung des stupiden Arbeitsalltages. Vor allem, wenn sie mit einem Brückentag verbunden ist. Dann lassen sich die letzten freundlichen Herbsttage sogar im Riesengebirge verbringen. Kurz: Der kommende trübe November wäre noch öder, als er so schon ist..."

Gut also, dass wir ihn noch haben, diesen institutionalisierten Streik. Der Grund freilich dieser Arbeitsniederlegung ist verblasst. 1667 hatte der Kurfürst Johann Georg II. von Sachsen den 31. Oktober als "Gedenktag der Reformation" festgelegt. "Irgendwas mit Luther" würde mancher Sachse in Günther Jauchs Quizsendung vermuten. Gnade vor Recht, diese lichte Entdeckung scheint versunken im Staub der Geschichte.

Braucht es dafür einen Feiertag? Die Frage ist berechtigt. Nicht nur, weil die Wohltat einer zusätzlichen Unterbrechung unserem Biorhythmus gegönnt sei. Entscheidender ist unser Langzeitgedächtnis. Womöglich der Widerstand gegen die kollektive Demenz, ohne die eigene Vergangenheit leben zu müssen. Denn da wird etwas gefeiert, was wir zum Leben und Sterben brauchen. Was wäre, wenn wir weniger Angst haben müssten! Wenn das Be- und Verurteilen durch menschliche Instanzen oder die Kollegen einen zweiten Platz erhielte? Auch wenn den meisten Zeitgenossen nicht mehr bewusst ist, welche Befreiung die Entdeckung der Reformation ist – wie sehr wir in unserer Leistungsgesellschaft auf Gnade angewiesen sind, erfahren wir nahezu täglich.

Spuren zeigen, dass da mehr ist, als ich sehen kann

Der Reformationstag ist dafür ein Platzhalter. Eine Spur, deren Verursacher weitergegangen sind. Spuren zeigen ja immer an, dass etwas fehlt. Aber gerade so ist das Fehlende auch seltsam gegenwärtig. Spuren zeigen, dass da mehr ist, als ich sehen kann. Abwesendes, mehr noch Abwesende sind uns ja oft näher als die, mit denen ich gerade zu tun habe. Was beschäftigen uns Menschen, die gar nicht da sind! Im Guten wie im Bösen!

So gesehen ist der Reformationstag eine Spur, die die Abwesenheit Gottes geheimnisvoll an­wesend macht. Gotteserinnerung in der Gestalt eines Feiertages, allein das Geläut der Glocken weckt Erinnerungen, die ihre eigenen Wege gehen. Auch wenn die große Mehrheit an diesem Tag keinen Gottesdienst besucht: Dass er stellvertretend für alle anderen gefeiert wird, mag vielen Grund genug sein, daran festhalten. Es könnte ja sein, dass ich mich eines Tages selber aufmache, dieser Spur zu folgen.

Interessanter als die Mutmaßungen eines Theologen, dem es selbstredend nicht schwerfällt, gute Gründe für die Beibehaltung des Reformationstages anzuführen, wäre die Meinung der Sachsen selber. Ihnen aufs Maul zu schauen, ist als solcher schon ein reformatorischer Impuls. Und vielleicht der Anfang, den Kern der Sache von vielen Schalen zu befreien.