Wahrheit suchen

Reformation und interreligiöser Dialog

Foto: Westend61/Giorgio Fochesato/Plainpicture

Welche Aufgabe hat interreligiöser Dialog eigentlich? Damit der Dialog der Religionen zu präzisen Ergebnissen führt, kann ein Blick auf die Diskussionskultur der Reformation hilfreich sein. Sie inspiriert zu einer Ethik der Wahrheitssuche.

Anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 ist viel über Luthers Schriften zu den Juden und einiges auch zu seiner Haltung dem Islam gegenüber gesagt und geschrieben worden. Ich möchte einen anderen Aspekt reformatorischer Theologie betonen, der für unsere heutigen interreligiösen Gespräche und Begegnungen von entscheidender Bedeutung ist: die ehrliche Suche nach Wahrheit.

Schon die 95 Thesen Luthers wurden "aus Liebe zur Wahrheit und im Bestreben, sie ans Licht zu bringen", zur Disputation vorgeschlagen. Es ging darum, eine damals zentrale und für das Leben der Menschen bedeutende Frage ("Was leisten Ablassbriefe?") durch Abwägen der Argumente zu diskutieren. Natürlich war dies eine innerchristliche Debatte, aber es fallen einige Punkte auf, die auch für den modernen interreligiösen Dialog von hohem Interesse sind. 

Zunächst ist bezeichnend, dass die Wittenberger Reformatoren die alte Disputationspraxis in ihrer Universität wieder neu einführten: Um die Interpretation des Glaubens muss gerungen werden, und was zählt, ist das Argument. Religionen sollten kein Interesse haben an der Verschleierung von Gründen, an Doppeldeutigkeit oder Immunisierungsstrategien ("Wollt ihr für Gott Partei nehmen?" Hiob 13,8). Natürlich führen sie ihre Lehren in der Regel auf heilige Texte zurück, denen ein besonderer Status zukommt.

Aber mindestens die Art der Berufung auf diese Texte sowie ihre Auslegung sollten klar offengelegt und diskutiert werden. Dies ist auch für den modernen interreligiösen Dialog von großem Wert: Indem die Auslegungen der jeweiligen Grundtexte beschrieben und diskutiert werden, wächst das gegenseitige Verständnis für Gemeinsamkeiten, aber auch für anzuerkennende und zu respektierende Unterschiede. Der interreligiöse Dialog hat nicht zum Ziel, dass alle einer Meinung sind; es wird vielmehr versucht, die jeweiligen Positionen argumentativ herauszuarbeiten und mögliche Übereinstimmungen, Annäherungen oder auch bleibende Unterschiede zu benennen.

In der Reformation ging es zudem um spezifisch religiöse Themen: um die Frage nach Gott, nach dem Sinn des Lebens, nach Schuld und Vergebung. Deshalb wenden sich die Reformatoren auch gegen die Instrumentalisierung religiöser Themen für religionsfremde Zwecke. Leitend ist die Frage: Was ist unsere eigentliche Aufgabe? Diese Frage sollte heute auch im Rahmen des interreligiösen Dialoges behandelt werden. Ein solches Gespräch könnte zur gemeinsamen Besinnung auf religiöse Kernthemen und zu deren öffentlichen Darlegung anleiten. Es würde dann zum Beispiel deutlich, dass die öffentliche Rolle der Religionen nicht – wie häufig zu beobachten – auf die Kommentierung sozialer Fragen beschränkt bleibt, sondern eine verantwortliche Darlegung religiöser Lebensentwürfe im modernen säkularen Staat einschließt.

Religionen können voneinander lernen

Die Reformation begann, indem um konkrete Einzelfragen gestritten wurde: um das Bußwesen und um den Ablasshandel. Oft beginnen Klärungs- und Verständnisprozesse in solchem Ringen um ganz spezielle Probleme, von denen zunächst niemand gedacht hätte, dass sie zu viel umfassenderen Überlegungen und Umwälzungen Anlass geben würden.

In vergleichbarer Weise hat sich in der heutigen interreligiösen Forschung das Modell der "komparativen Theologie" bewährt: Religionen lernen voneinander, indem sie gemeinsam konkrete Einzelfragen diskutieren wie etwa: Was bedeutet Vergebung? Oder: Gibt es einen Zusammenhang von Religion und Gewalt? Es ist denkbar und zu hoffen, dass solche genau umrissenen Themen und ihre gemeinsame Bearbeitung Auswirkungen haben auf das Verständnis des anderen und auf das gemeinsame Leben in einem säkularen Staat.

Die Reformation könnte uns so, auch im Blick auf den interreligiösen Dialog, zu einer Ethik der Wahrheitssuche inspirieren: zur offenen Darlegung und Diskussion der jeweiligen Argumente, zum Mut, religiöse Kernthemen öffentlich zu behandeln (selbst wenn sie nicht opportun erscheinen), und schließlich – auch wenn dies bei den Reformatoren nicht immer gewährleistet war – zum Respekt vor den Argumenten des anderen. Die Behandlung konkreter Einzelfragen, die interreligiös diskutiert werden, würde zudem ermöglichen, dass der Dialog der Religionen zu präzisen Ergebnissen führt.