Hier stehe ich – ich armer Tor, und bin katholisch, wie zuvor

Das Christuskreuz 2017 war im Jubiläumsjahr das zentrale Symbol beim ökumenischen Buß- und Versöhnungsgottesdienst in der Hildesheimer Kirche St. Michaelis und beim Abschlussgottesdienst des Ökumenischen Festes vor dem Bergbaumuseum in Bochum.

Foto: Andreas Herzau/EKD

Das Christuskreuz 2017 war im Jubiläumsjahr das zentrale Symbol beim ökumenischen Buß- und Versöhnungsgottesdienst in der Hildesheimer Kirche St. Michaelis und beim Abschlussgottesdienst des Ökumenischen Festes vor dem Bergbaumuseum in Bochum.

Zwischen Protestanten und Katholiken gibt es Reibungspunkte. Aber auch viele Gemeinsamkeiten. Evangelische und katholische Christen können viel von und miteinander lernen. Ein Plädoyer für die ökumenische Gemeinschaft.

Liebe evangelische Christenmenschen,
muss ich Ihnen und Euch erklären, warum ich gerne zu einer Weltkirche gehöre? Die als "global prayer" bunt wie keine ­andere ist? Und einen Mann in Weiß an der Spitze hat, der im Moment einen ziemlich guten Job macht, als Sprecher nicht nur der Christenheit, sondern der Menschheit? Dass ich die katholische Liturgie liebe und alle sieben Sakramente brauche, von denen ich sechs einmal empfangen zu haben hoffe? So wie dieses Reformationsgedenken gelaufen ist, bedarf es einer umständlichen Erklärung wahrscheinlich nicht. Es war wohl das erste Jubeljahr des Protestantismus, das nicht antikatholisch war. Gott sei Dank.

Liebe katholische Glaubensgeschwister, 
sollten wir nicht die Gelegenheit beim Schopf ergreifen und uns erklären lassen, warum nicht alle einfach katholisch sein wollen? Warum sie lieber evangelisch bleiben? Mit Frauen im Pfarramt, jedenfalls hierzulande, mit Synoden, die den sogenannten Laien Stimmrecht geben, mit einer sagenhaften Liebe zur Heiligen Schrift? Eine solche Frage wird immer wieder nötig sein. Gut, wenn man eine Basis hat, wie wir hier in Bochum in der guten Nachbarschaft unserer beiden Fakultäten für Theologie, der evangelischen wie der katholischen! Mehr davon! 

Liebe Zeitgenossen, 
die christlich oder jüdisch oder muslimisch oder anders religiös oder religiös unmusikalisch oder atheistisch oder agnostisch sind, ja, es ist wahr, dass im Gefolge der Reformation und der Gegenreformation viel Hass und Leid über unser Land und die ganze Welt hereingebrochen sind. Hoffentlich haben Sie, hoffentlich habt Ihr aber in diesem Jahr auch gesehen, dass Religion keineswegs notwendigerweise ein Brandbeschleuniger in Konflikten ist, sondern dass heiße Gottesliebe auch das Eis zwischen Menschen und Kulturen brechen kann. An ihren Früchten werdet Ihr sie erkennen. 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
was gibt der Glaube nicht zu denken: als Position und Perspektive, als Institution und Organisation, in seiner langen Geschichte und seinen diversen Formen, in seinem Drang nach Einheit und Freiheit, nach Wahrheit und Liebe. Das muss historisch, soziologisch, psychologisch erforscht werden – aber ohne Theologie lässt sich das Rückgrat unserer Kultur nicht durchleuchten, und ohne Ihre, ohne Eure Expertise würde die Theologie sich in ihren eigenen Gedankengängen einbuddeln. Das darf nicht sein. Glück auf. 

Und, lieber Thomas Söding,
was machst du denn jetzt, du armer Tor, der du ausgerechnet auch noch Theologie studiert hast? – Vielleicht ein wenig den mythischen Spruch meines Kollegen, des Exegeten Martin Luther, variieren: Hier stehe ich – es geht auch anders. Dixi.
 

Dieser Beitrag stammt aus: Isolde Karle (Hrsg.), "Hier stehe ich, ich kann nicht anders!". Dokumentation des akademischen Festakts zum Reformationsjubiläum 2017 an der Ruhr-Universität in Bochum (Institut für Religion und Gesellschaft), Bochum 2018, 13–14.