Chancengleichheit in der Bildung

Lernen Mädchen schneller als Jungen?
Titelbild von Martin Luthers Schrift „An die Radherrn aller stedte deutsches lands"

Foto: Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt

Titelbild von Martin Luther Schrift "An die Radherrn aller stedte deutsches lands"

Reformatoren wie Martin Luther setzten sich in der Bildung für eine Chancengleichheit von Jungen und Mädchen ein. Luther schätzte die weibliche Intelligenz sogar höher ein. Oder ist das eine Frage der Quellen-Interpretion?

1524 erscheint in Erfurt ein knapp 30-seitiges Pamphlet Martin Luthers mit dem Titel: "An die Radherrn aller stedte deutsches lands: das sie Christliche schulen auffrichtenn vnd halten sollen."* Die Probleme klingen vertraut: "Aufs erstt erfahren wir jetzt in deutschen Landen […], wie man allenthalben die Schulen zergehen läßt, die hohen Schulen werden schwach." 

Schulen waren Luther "Eselställe" und "Teufelsschulen", in denen Kinder wie er Höllenqualen litten, ihre "Seelen geschunden" wurden und sie oft doch als "dumme Esel", "grobe Klötze" und "unbehauene Blöcke" daraus hervorgingen. "Darum müssen wir dazutun und Mühe und Kost dranwenden, sie [die Kinder] selbst erziehen und machen", sonst blieben "wir Deutschen" "immer Bestien und tolle Tier, wie uns denn die umliegende Länder nennen und wir auch wohl verdienen". 

Wir, das war nun "weltlich Regiment". Alle Kinder sollten Sprachen lernen, Hebräisch, Griechisch und Latein, denn "Sprachen sind die Scheiden, darin die Messer des Geistes stecken". Aber auch "Historia", Mathematik und Musik, also Kerndisziplinen der alten Artes Liberales, gehörten zu Luthers Curriculum.

Auf dem Titelbild der Kampfschrift ist ein Kirchenraum abgebildet: In der oberen Bildhälfte sitzt mit gelehrtem Barett und Talar angetan der Pfarrer und Lehrer in seiner Kanzel und unterrichtet – ein Buch in der Hand – vier als Lateinschüler gewandete aufmerksame Knaben, die ebenfalls Bücher in den Händen halten. Durch einen Lattenzaun getrennt sitzen in der unteren Bildhälfte im Vordergrund, gleich groß dargestellt, vier ebenso bürgerlich gekleidete Mädchen mit hochgesteckten Haaren – die ebenfalls mit Büchern in der Hand – ihrerseits einer Frau mit Haube lauschen, die aus einem Buch etwas vorliest. Auf dem Tisch der Lehrerin, vermutlich die Pfarrersfrau, liegen ein Schreibheft, Tinte und Federkiel.

Reformation fördert Bildung aller Kinder

Denn das Priestertum aller Gläubigen beziehungsweise Getauften schloss selbstverständlich nun die Frauen mit ein. Luther war nicht der Erste und auch nicht der Einzige, aber er war es, der Anfang des 16. Jahrhunderts am lautesten forderte, "allerbeste Schulen, beide, für Knaben und Maidlin, an allen Orten aufzurichten, daß die Welt, auch ihren weltlichen Stand äußerlich zu halten". Es bedürfe "feiner geschickter Männer und Frauen, daß die Männer wohl regiern künnten Land und Leut, die Frauen wohl ziehen und halten künnten Haus, Kinder und Gesinde. [. . .] Darum ist's zu tun, daß man Knäblin und Maidlin dazu recht lehre und aufziehe".

Weil immer noch beklagt wird, die protestantischen wie katholischen Schulordnungen hätten für Mädchen als künftige Haus- und Ehefrauen nur geringe Grundkenntnisse vorgesehen und sie so über Jahrhunderte von gleicher Bildung ausgeschlossen, möchte ich als Historikerin heute einmal – wenn auch nicht ganz ernst gemeint – darauf hinweisen, dass dieses Missverständnis offenbar allein auf eine Fehlinterpretation der Quelle zurückzuführen ist.

Luther: Frauen schaffen das Pensum schneller 

Denn schließlich hatte bereits Doctor Martinus Lutherus die überlegene Intelligenz des weiblichen Geschlechtes erkannt und festgestellt: "Also kann ein Maidlin ja so viel Zeit haben, daß [es] des Tages eine Stunde zur Schule gehe und dennoch seins Geschäfts im Hause wohl warte." – Während man "die Knaben des Tags ein Stund oder zwo lasse zu solcher Schule gehen".

Jungen benötigten also, um aus ihnen nützliche Hausväter und tüchtige Handwerker formen zu können – so offenbar Luthers Selbsterkenntnis – oft die doppelte Zeit, um das Lernpensum der Mädchen zu schaffen. Und darum stehe ich hier heute – und will nicht anders!

 

* Martin Luther, An die Ratsherrn aller Städte deutschen Landes, daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen, 1524, in: Karin Bornkamm/Gerhard Ebeling (Hrsg.), Martin Luther. Aus­gewählte Schriften, Band V, Frankfurt am Main 1982, 40–72.

 

Dieser Beitrag stammt aus: Isolde Karle (Hrsg.), "Hier stehe ich, ich kann nicht anders!". Dokumentation des akademischen Festakts zum Reformationsjubiläum 2017 an der Ruhr-Universität in Bochum (Institut für Religion und Gesellschaft), Bochum 2018, 21–24.