Die 68er und Luther

Ein Plädoyer für Aufbruch und Erneuerung
Zettel mit Brainstorming-Notizen

Foto: Andreas Herzau/EKD

500 Jahre Reformation, 50 Jahre 68er-Bewegung: Was verbindet Martin Luther mit den Protesten der Studierenden im Jahr 1968? Frank Lehmann hatte als Student ein Aha-Erlebnis, das ihm die Reformation näher brachte.

Ach ja, die 68er! Da war was los in der Republik. Aufbruchstimmung, Kampfbereitschaft – leider sogar bis zur Gewalt. Die sogenannten Studentenproteste mit "Teach-ins", Häuserbesetzungen, linken Professoren, von Adorno (Frankfurt) bis Abendroth (Marburg), deren Thesen von Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Selbstverwirklichung wie Donnerhall in einer selbstgefälligen und selbstzufriedenen Gesellschaft wirken sollten.

Doch unsere Väter und Mütter blieben auffallend stumm, viele noch mit der Aufarbeitung des Krieges und auch der eigenen Nazivergangenheit beschäftigt. Notstandsgesetze der Regierung, die das Streikrecht der Gewerkschaften massiv beschneiden sollten? Nato-Doppelbeschluss mit massiv höheren Militärausgaben? Na und? Mir egal, null Interesse. Völker, hört die Signale? Von wegen. Wie verdien' ich mehr, komm' beruflich weiter/höher, und wohin düst die Familie im nächsten Urlaub? Das waren die "Zwänge" der Altvorderen und auch zugegeben der Mehrheit von uns Jugendlichen.

Ich, Student der Wirtschaftswissenschaften. Stolz, als Sohn eines 1942 bei Stalingrad gefallenen Zahnarztes und dann alleinerziehenden Mutter studieren zu dürfen. Abi im dritten Bildungsweg und jetzt andächtig (!) dem BWL-Professor lauschend, der dozierte: Hauptziel eines Unternehmens sei die Gewinnmaximierung. Ah ja. Kein kritisches Hinterfragen. Ist wohl so...

Und dann das Aha-Erlebnis mit den Revoluzzern: Rund 15 stürmten den Hörsaal, schoben "unseren" Prof beiseite, enthüllten ein Transparent mit dem an den Unis bereits umjubelten Spruch: "Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren." Und dazu die Thesen des populären SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) und eines Rudi Dutschke, des Studentenanführers aus Berlin: Wacht endlich auf, wehrt euch aus der Bevormundung, protestiert, demonstriert gegen den "Polizeistaat", bildet euch (endlich) eine eigene Meinung, plappert nicht alles dumpf nach. Es geht um eure und die Zukunft der ganzen Menschheit. Und die sei durch "irrsinnige" Beschlüsse der Politik in Gefahr.

Martin Luther und die 68er stellten vieles infrage

BWL-Student Lehmann schwoll der Kamm: Frechheit, Unverschämtheit, kommt mir bloß nicht mit dem verstaubten Marx. Aber irgendwann machte es auch klick. Manches wurde infrage gestellt. Ein Um- und Aufbruch setzte ein. So muss es auch bei Luther gewesen sein, dachte ich. Genau so. Festgefahrene Machtstrukturen wurden aufgebrochen, die Appelle ans eigene Selbstbewusstsein mobilisierten "das Volk" und alarmierten die Etablierten (Kirche/Staat), die um Macht und Pfründe fürchteten. Die Welt in Aufruhr und Erneuerungsfieber (Reformation).

Brauchen wir heute wieder einen Luther, wurde Salonphilosoph und Bestsellerautor Richard David Precht gefragt. Antwort: "Bitte nicht! Die Reformation war eine aggressive Rückwärtsbewegung. Die Parallele zu heute besteht in der Intoleranz und Flucht zurück." Ach ja, der Herr Precht. Zu allem und nix was sagen, dies aber "schön".

Ja, der Augustinusschüler war in vielem widersprüchlich, hatte auch seine dunklen Seiten: Erbsünde oder Judenhass. Sogar tiefdunkel! Aber: Er war Wegbereiter für innere Freiheit, Bildung und eigene Meinung. Vieles davon ist heute weltweit wieder in Gefahr. Ja, wir brauchen dringend einen Luther zur neuen "Erneuerung". Wie bei den 68ern, heute vor 50 Jahren. Völker, hört und seht die Signale!