"Für mich ist Richard Wagner ein Urchrist"

Interview mit Sven Friedrich, Direktor des Richard Wagner Museums Haus Wahnfried in Bayreuth
Festspielhaus Bayreuth

Foto: Daniel Karmann/dpa

Blick auf das Festspielhaus in Bayreuth (Bayern).

Traditionell beginnen am 25. Juli die Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth. Der Komponist selbst hatte sich für die kleine Stadt in Oberfranken als Schauplatz seiner Festspiele entschieden. Damals wie heute ist Bayreuth evangelisch geprägt. Ein Gespräch mit Sven Friedrich, Direktor des Richard-Wagner-Museums Haus Wahnfried, über das evangelische Bayreuth, den Protestantismus im Leben Wagners und die Nähe zu Luther in Wagners Werk.

Wagner fühlt sich in Bayreuth, wie in seiner Autobiographie "Mein Leben" vermerkt, durch "die Eigentümlichkeit der freundlichen Stadt" angezogen. Gehört zu dieser "Eigentümlichkeit" auch der protestantische Charakter?

Sven Friedrich: So direkt hat sich Wagner nie geäußert. Vielleicht aber gilt der Zusammenhang mittelbar. Ich bin überzeugt, dass zwischen bestimmten konfessionellen Mentalitäten und sozialen Prägungen ein Wechselverhältnis besteht. Nach der Ära Napoleons war das ursprünglich ja südpreußische Bayreuth im überwiegend katholischen Bayern eine protestantische Diaspora geworden. Religiöse Überzeugungen prägen sich in der Diaspora oft besonders intensiv aus. Für Bayreuth bedeutet die Betonung der protestantischen Konfession  eine Art identitätsstiftenden gesellschaftlichen Konsens, was auch einen bestimmten Begriff von Frömmigkeit einschließt.

Welchen Protestantismus hat Wagner in Bayreuth kennengelernt?

Friedrich: Der oberfränkische Protestantismus hat einen deutlich calvinistischen Einschlag. Die reformierte Kirche mit ihrem Logozentrismus ist hier besonders stark. Das ist einer Ästhetik des 19. Jahrhunderts mit ihren romantischen und also katholischen Erscheinungsformen, die ja gerade Wagner mit seinem Musiktheater wesentlich entwickelt hat, erstaunlicherweise diametral entgegengesetzt.

"Wagner hat alles Institutionelle eher abgelehnt."

Wagner wird im August 1813 in der Leipziger Thomaskirche getauft, der Kirche Bachs. Ein deutlicher Fingerzeig auf seine protestantische Sozialisation. Wie intensiv war die Zugehörigkeit zur evangelisch-lutherischen Kirche für die Persönlichkeit Wagners?

Friedrich: Wagner, keine Frage, war evangelisch, auch wenn er durch seine spätere Frau Cosima und deren Vater Franz Liszt ebenso stark katholisch beeinflusst wurde. Immerhin musste Cosima vor der gemeinsamen Eheschließung zum Protestantismus konvertieren. Er war aber nie besonders fromm, nicht das, was man einen praktizierenden Christen nennt. Er ging auch nicht regelmäßig in die Kirche. Das Kirchliche spielte in seinem Leben eher eine untergeordnete Rolle. Er hatte, um es klar zu sagen, mit der Institution Kirche grundsätzlich Probleme.

Also nicht mit der Theologie, der Religiosität an sich?

Friedrich: Genau, ob Staat, Vereine, Kirche – Wagner hat alles Institutionelle eher abgelehnt. Als Romantiker war er Pantheist. Zudem wurde seine Gottesvorstellung entscheidend von Ludwig Feuerbach geprägt, seine geistige Welt von den Ideen des Vormärz. Für den Menschen Wagner spielte das "innere Christentum" eine wichtige Rolle, ganz im Sinne dessen, was der Evangelist Lukas den Pharisäern sagt: "Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in Euch."

Offensichtlich wird die Distanz Wagners zur Institution Kirche, hier allerdings zum Papst, im Tannhäuser ebenso wie in den Meistersingern von Nürnberg, die ja nicht zufällig in der Reformationszeit spielen. Zu Beginn zeigt die Oper ja einen evangelischen Sonntagsgottesdienst in der Katharinenkirche. Es gibt das Kircheninnere, den Choral der Gemeinde, aber keinen Pfarrer, keine Liturgie. Alles, was die Kirche als Institution ausmacht, fehlt.

Ist Wagner Zeit seines Lebens ein Christenmensch im Sinne Luthers?

Friedrich: Das kann man so sagen. Am nachdrücklichsten lässt sich dies wieder an den Meistersingern festmachen. Im Zentrum finden wir den selbsttätigen künstlerischen Menschen, der sich von Regeln, Lenkung, Institutionen und - man könnte auch sagen - Konfessionen befreit. Überhaupt diese ständigen Anspielungen auf Luther.

So zitiert der "Wach auf"-Chor im dritten Aufzug ein Gedicht des historischen Hans Sachs mit dem Titel "Die wittenberg'sche Nachtigall, die man jetzt höret überall". Damit ist natürlich niemand anders gemeint als Luther, auf den das Gedicht ein Lobgesang ist, der von Wagner aus dem Munde des Nürnberger Bürger-Kollektivs zum Hymnus auf eine selbstregierte, freie bürgerliche Gesellschaft wird.

Lässt sich die Biografie Wagners als ein Prozess verstehen, der nicht nur wegführt von der Institution der Kirche, weg auch von christlichen Traditionen, aber hin zu religiösem Spiritualismus unter dem Einfluss Feuerbachs, Schopenhauers und anderer Philosophen?

Friedrich: Ich sehe ihn eher als Vertreter eines freien Christentums. Seine zentrale Intention des Gesamtkunstwerks erschöpft sich ja nicht in der Vereinigung der Kunstarten und der ästhetischen Gemeinschaft von Schaffenden und Schauenden. Wagner geht es letztlich um die Aufhebung von Staat, Gesellschaft, Ökonomie, Religion, der Kirchen und der konfessionellen Schranken in der Kunst. In der Kunst sieht er die Chance, den Menschen aus seiner Knechtschaft, aus seiner "Entfremdung" (Karl Marx) zu befreien.

"Wagner lässt sich nicht für eine Religion in Anspruch nehmen."

Insbesondere ‚Tristan und Isolde' sowie ‚Parsifal' belegen Wagners Hinwendung zum Buddhismus. Ist diese Hinwendung gleichbedeutend mit einer Abwendung vom Christentum, vom Protestantismus? 

Friedrich: Nein, es bedeutet keine Abwendung. Auch für ihn gibt es die Idee der Gemeinde, freilich nicht der Kirchengemeinde, sondern der ästhetischen Gemeinschaft. Die Eucharistie hat für ihn ebenso zentrale Bedeutung, wenn wir beispielsweise an Parsifal denken. Auch die christliche Mitleidsethik, Passion, Agape und Caritas, wie sie im Parsifal Gestalt gewonnen haben, ist fast ein Mantra Wagners und wird gleichsam pantheistisch-buddhistisch aufgeladen.

Die Figur Jesus Christus hat für ihn stets immense Wichtigkeit. Ich erinnere daran, dass die sogenannten Deutschchristen um die Jahrhundertwende, wie zum Beispiel der Flensburger Pastor Andersen, Parsifal zum Bestandteil der evangelischen Liturgie machen wollten. Das ist natürlich ein krasses Missverständnis. Wagner lässt sich nicht für eine Religion in Anspruch nehmen. Für mich ist er ein Urchrist, aber eben kein institutionell gebundener Christ. 

Also doch in seinen ethischen Botschaften dauerhaft etwa der Bergpredigt verbunden?

Friedrich: Wagner ist ein Gnostiker. Die Idee der ästhetischen Selbsterlösung des Menschen und darin – als Gottes Ebenbild – auch Gottes selbst, der sich von seiner missratenen Schöpfung abgewandt hat und selber der Erlösung durch den und im Menschen bedarf, ist eine zentrale Idee der Gnosis. Dieses Ecce homo vollzieht sich im Parsifal, wo der reine Tor mit Amfortas auch sich selbst und zugleich einen konfessionellen Gott erlöst: Erlösung dem Erlöser.

Lohnt es als evangelischer Christ, sich an Wagner zu reiben?

Friedrich: Auf jeden Fall. Die Auseinandersetzung bringt uns auf breiter gesellschaftlicher Ebene weiter. Nehmen wir nur die aktuelle Debatte um Migration und Integration. Zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg ist der Zusammenhang von Religion, Konfession und Identität ein politisch-gesellschaftliches Thema von hoher Brisanz. Wir fragen uns zum Beispiel, ob der Dschihad so etwas ist wie eine späte Rache des Islam für die Kreuzzüge. Wenn das kein topaktuelles Thema ist!