Der US-Justizminister, weinende Kinder und der Römerbrief

Bibelzitieren hilft in der republikanischen Partei karrieremässig
 Jeff Sessions

Foto: Eric Thayer/The New York Times/Redux/laif

US-Justizminister Jeff Sessions aus Alabama verteidigte die umstrittene US-Einwanderungspolitik mit einem Bibelzitat.

Sehr viele weiße Evangelikale wählen republikanisch. US-Justizminister Jeff Sessions aus Alabama, Mitglied einer Methodistengemeinde und gern gesehen bei konservativen Christen, hat sich jedoch nach Ansicht vieler Glaubensbrüder und -schwestern ganz schön vertan mit einem Bibelzitat. Ob ihm das schadet, ist eine andere Frage.

Mit dem Römerbrief des Apostels Paulus wollte der 71-jährige Republikaner Jeff Sessions Mitte Juni 2018 bei einer Rede in Fort Wayne in Indiana die (inzwischen modifizierte) Politik von US-Präsident Donald Trump rechtfertigen, an der Grenze zu Mexiko aufgegriffene "illegale" Familien auseinanderzureißen: Erwachsene in Haftanstalten, Säuglinge, Kinder und Teenager in Heime und Aufnahmestationen. Mehr als 2.000 "illegale Kinder" sind laut Heimatschutzministerium den Eltern weggenommen worden.

In den USA gälten Recht und Gesetz, sagte Sessions in Fort Wayne. Grenzüberschreitung ohne Papiere sei gesetzwidrig. Er verweise auf "das klare und weise Gebot im Römerbrief, Kapitel 13, man müsse Gesetze der Regierung befolgen, weil Gott diese gestiftet hat" ("ordained them for the purpose of order"). Kirchenvertreter protestierten heftig gegen diese Interpretation. Kein "vernünftiger christlicher Theologe" würde behaupten, dass der Römerbrief Familientrennung rechtfertige, erklärte der Generalsekretär der "Amerikanischen Baptistenkirchen", Lee Spitzer.

Hunderte Methodistenpastoren beschweren sich

Selbst Johnnie Moore aus Trumps evangelikalem Beraterkreis befand in der "Washington Post", Sessions habe demonstriert, dass er kein Theologe sei. Mehrere hundert Methodistenpastoren und Laien reichten bei ihrer Kirchenführung eine "offizielle Beschwerde" gegen Sessions ein. Er sei der Kindermisshandlung schuldig und habe gegen die Kirchendoktrin verstoßen, die Gewissensfreiheit betone und Widerstand gegen ungerechte Gesetze. In Medien sieht man seit Wochen erschreckende Szenen. Weinende Kinder und Eltern, offenbar verzweifelte Kinder hinter Maschendrahtzäunen.

Man liest und hört Geschichten von Menschen, die in die USA fliehen, oft wegen Gewalt in ihren Heimatländern. Geschichten wie die von Esmeralda Pérez und ihrem neunjährigen Jefferson aus Honduras. "Die Beamten kamen auf uns zu, und mein Sohn sagte zu mir, 'Mama, ich habe Angst'", beschrieb Pérez ihre Festnahme in der Nähe von El Paso in Texas einem Reporter des Magazins "New Yorker".

Kinder werden von ihren Eltern getrennt

"Ich sagte zu ihm, 'mach dir keine Sorgen, diese Leute werden uns nicht wehtun'". Am Tag danach sei ein Beamter gekommen. "Kommen Sie mit mir und bringen Sie mir Ihr Kind". Pérez wurde in ein Gefängnis gebracht. Man habe ihr nichts gesagt über Jeffersons Verbleib. Wochen später habe sie erfahren, dass der Junge in einem Heim im rund 3.000 Kilometer entfernten Staat Michigan untergebracht sein könnte. Der Non-Profit-Newsdesk für investigativen Journalismus, propublica.org, hat in einer Grenzstation verdeckt aufgenommenes Audio-Material von verzweifelten Kindern, die von ihren Eltern getrennt worden waren, ins Netz gestellt .

Ein Einwandererkind sieht aus der vergitterten Scheibe eines Busses der US-Border Border Patrol, während dieser von Demonstranten vor der Zentralen Bearbeitungsstelle blockiert wird.

Die kirchliche Kritik hat Sessions anscheinend zugesetzt. Der Text der Ansprache mit dem Römerbrief-Zitat steht auf der Webseite des Justizministeriums unter der Überschrift, Sessions befasse sich mit der Kritik von Kirchenführern an der Einwanderungspolitik. Er glaube nicht, dass die Heilige Schrift oder Kirchengeschichte oder der gesunde Menschenverstand eine säkulare Nation verurteilen, weil sie vernünftigere Einwanderungsgesetze habe, sagte Sessions in Fort Wayne und fügt hinzu: "Und wenn wir sie haben, sollten sie vollstreckt werden".

Im 13. Kapitel im Brief des Apostels Paulus an die Römer steht: "Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott". Ein paar Verse weiter heißt es dann: "Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung". In den USA hat die Verwendung des Römerbriefes eine unrühmliche Vergangenheit. So schrieben die Bischöfe der afro-amerikanischen "African Methodist Episcopal"-Kirche, Sessions Kommentar zeige ein "tiefes Missverstehen" der Heiligen Schrift. Zu Beginn der US-Geschichte sei mit  dem Römerbrief Sklaverei gerechtfertigt worden.

Familien sollen im Gefängnis zusammenbleiben

Sessions ist im Südstaat Alabama aufgewachsen, zu einer Zeit, als dort die Jim-Crow-Gesetze unter der höhnisch Überschrift "getrennt, aber gleich" die Rassentrennung zwischen Afroamerikanern und Weißen festschrieb. Er studierte Jura, arbeitete für die Staatsanwaltschaft und wurde 1986 von Präsident Ronald Reagan zum Bundesrichter ernannt. Die politische Sensation damals war perfekt, als der Senat seine Zustimmung verweigerte. Bei der Anhörung waren Fälle zur Sprache gekommen, dass Sessions afro-amerikanische Wähler diskriminiert habe. 1996 wählte Alabama Sessions zum Senator. Zu Beginn sei er im Senat mit seiner harten Linie gegen Einwanderung "dogmatischer Außenseiter" gewesen, hieß es in einem Profil im Wochenmagazin "Time".

Demonstration gegen Trumps Einwanderungspolitik vor der Haftanstalt der Einwanderungs- und Zollbehö†rde.

In der Ära Trump steht er damit im Zentrum der Partei. Umfragen Mitte Juni ergaben, dass zwei Drittel der US-Amerikaner die Familientrennungspolitik ablehnten. Etwas mehr als fünfzig Prozent der Republikaner waren jedoch dafür. Präsident Trump hat wenige Tage nach Sessions' Römerbrief-Kommentar umgebaut. Er unterzeichnete ein Dekret, dass festgenommene "illegale" Migrantenfamilien zusammenbleiben sollten. Er will Gefängnisse für Familien bauen lassen. Sessions erklärte im christlichen Fernsehsender CBN: Amerikaner "mögen die Idee nicht, Familien zu trennen". Und dann etwas überraschend: "Wir hatten das nie wirklich beabsichtigt".

Beschwerde gegen Sessions ist ungewöhnlich

Menschenrechtler kritisierten das neue Dekret. Es ersetze "eine Krise mit der nächsten", sagte der Exekutivdirektor der American Civil Liberties Union, Anthony Romero. Kinder gehörten nicht ins Gefängnis, auch nicht mit ihren Eltern. Unklar bleibt nach Medienberichten zudem, ob die geplante "Familieninhaftierung" von Kindern auf unbestimmte Dauer überhaupt gesetzeskonform ist. Die methodistische Beschwerde gegen Sessions ist ungewöhnlich. So schnell passiert da nichts, Kirchendisziplinarsachen ziehen sich über Jahre hin. Die Evangelisch-methodistische Kirche ist ein großes Zelt: Hillary Clinton ist Mitglied, wie auch George W. Bush und Jeff Sessions.

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