TV-Tipp: "Höhenstraße"

Altmodischer Fernseher steht auf Tisch.

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Deutschland spricht 2019
TV-Tipp: "Höhenstraße"
12.6., ZDF, 20.15 Uhr
Auch im "Tatort" verschlägt es die Ermittler gelegentlich mal in die Provinz, aber der "Landkrimi" des ORF ist von ganz anderem Kaliber; und das nicht nur, weil die Hauptfiguren regelmäßig wechseln. In der zehnten Episode "Höhenstraße", in Österreich bereits 2016 ausgestrahlt, tauchen Polizisten bloß am Rande auf. Der Film ist zudem eher Farce als Krimi, denn die Dialoge und Situationen sind derart absurd, dass sich die Ereignisse kaum ernst nehmen lassen. Das wiederum wäre ein Fehler, vor allem für die Betroffenen, denn es werden diverse Verbrechen begangen, und eine Leiche gibt es ebenfalls, wenn auch eher aus Versehen.

Die Handlung beginnt mit einer Einführung, die für das passende Vorzeichen sorgt: Zwei Polizisten überraschen ein Pärchen bei einer Autonummer. "Seit wann ist Pudern strafbar?", wundert sich der Student, als sich die beiden nackt neben das Auto stellen müssen, zahlt aber trotzdem anstandslos 50 Euro Bußgeld; mehr hat er nicht dabei. Die Beamten sind offenbar angetrunken und trotz Uniform und entsprechendem Fahrzeug ohnehin keine echten Polizisten. Immerhin waren sie mal welche, wie sich später rausstellt, aber irgendwann musste Roli (Nicholas Ofczarek) den Dienst quittieren, und weil sie als Partner unzertrennlich waren, hat auch Ferdi (Raimund Wallisch) die Polizei verlassen. Jetzt treiben sie ihr Unwesen auf der Wiener Höhenstraße, wo sie als Nächstes ein Auto anhalten, das von einem Afrikaner gefahren wird. Wegen der Trunkenheit entwickelt die Aktion eine unvorhergesehene Eigendynamik, und aus der vergleichsweise harmlosen Wegelagerei wird eine Entführung mit komplizierten Folgen: Der Afrikaner Uku (Olivier Mukuta), der weder deutsch noch englisch spricht, ist das Paten-"Kind" des alten Ehepaars Schmatz und als Ersatzmann für dessen Tochter vorgesehen, denn Sigrid ist der gleichfalls aus Afrika stammende Gatte davongelaufen. Uku ist in Begleitung seines zukünftigen Schwagers Robert (David Oberkogler) unterwegs. In der Hoffnung auf ein Lösegeld gibt sich Roli als Kripo-Major aus, doch bei den Eltern ist anscheinend nichts zu holen; bis der Vater (Klaus Rott) gesteht, das er vor Jahren eine Million Euro im Lotto gewonnen hat, von der jedoch nicht mal seine Frau (Inge Maux) etwas weiß.

Autor und Regisseur David Schalko hat zuletzt eine zwar reizvolle, aber nicht rundum gelungene Neuverfilmung des Klassikers "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" (ORF/TV Now) gedreht. Sein Landkrimi ist natürlich ein völlig anders Sujet, aber spätestens beim eigenwilligen Humor lassen sich Parallelen erkennen. Viele deutsche Zuschauer werden dem typischen Schmäh allerdings nicht immer folgen können. Gerade die nicht mehr ganz nüchtern vorgetragenen Dialoge zwischen Roli und Ferdi sind kaum nachzuvollziehen. Das macht aber nichts, weil Ofczarek und Wallisch ihre darstellerische Wirkung trotzdem entfalten; gerade Ofczarek ist ähnlich brillant wie in Lars Beckers Trilogie über ein moralisch verkommenes Hamburger Kommissarsduo ("Unter Feinden", "Zum Sterben zu früh", "Reich oder tot", 2013 bis 2018) oder als völlig kaputter Ermittler in der Sky-Serie "Der Pass". In "Höhenstraße" darf der Wiener gleich zwei Rollen verkörpern, denn als Kripo-Beamter verwandelt sich Roli in eine gänzlich andere Figur. Trotzdem schöpft Sigrid (Franziska Hackl) Verdacht, und so entwickelt sich zwischen dem falschen Major und der Tochter ein Katz-und-Maus-Spiel, das dem Film schließlich ein verblüffendes Ende beschert. Rolis Komplize lernt auf Umwegen ebenfalls eine Frau kennen, und nun wird der Krimi vorübergehend zur übermütigen Komödie: Gerlinde (Doris Schretzmayer) wird ganz wuschig, als Ferdi quasi im Duett mit Ludwig Hirsch "Gel', du magst mi" singt. Auch sonst spielt die Musik dramaturgisch eine große Rolle, und das nicht nur wegen der sehr markant und in voller Länge eingesetzten Lieder "Weiße Pferde" von Georg Danzer und "Morning Has Broken" von Cat Stevens (passenderweise zum erst nach acht Minuten gezeigten Vorspann vor Sonnenaufgang), sondern auch wegen der mal rockigen, meist jedoch jazzigen Filmmusik (Kyrre Kvam).

Optisch setzt Schalko dagegen anders als bei der Serie "M" mit ihren sorgfältig gestalteten Bildern keine auffälligen Akzente, aber sein Drehbuch ist dafür umso einfallsreicher. Viele Ideen, die zunächst zwar originell, für die Geschichte aber nicht weiter wichtig wirken, spielen später noch eine wesentliche Rolle, um der Handlung unvorhergesehen Wendungen zu geben. Vater Schmatz zum Beispiel pflegt stets zuzuschlagen, wenn es irgendwas "im Angebot" gibt. Deshalb wartet im Kleiderschank ein halbes Dutzend identischer Hemden auf Uku, und deshalb gibt es auch gleich mehrere Exemplare jenes Aktenkoffers, in dem am Schluss das Lösegeld übergeben werden soll. Zu den kleinen Geschenken, die Schalko dem Publikum beiläufig macht, gehört außerdem ein unerwarteter Gastauftritt des ORF-"Tatort"-Duos Eisner und Fellner (Harald Krassnitzer, Adele Neuhauser). Am schönsten sind trotzdem die Dialoge, die dank des Dialekts oft noch bizarrer klingen, als sie ohnehin schon sind. Gerade Mutter Schmatz offenbart immer wieder eine Art gutgemeinten Rassismus, wenn sie unter anderem versichert: "Der Uku ist kein Neger. Der ist a ganz a feiner Kerl."

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