Historiker Segev: "Israel ist eine dramatische Erfolgsgeschichte"

Historiker Tom Segev

Foto: epd-bild/Dan Porges

Segev wagt sich an eine De-Heroisierung des bekannten israelischen Staatsmannes David Ben Gurion.

70 Jahre wird der israelische Staat in diesem Jahr. Am 14. Mai 1948 verkündete der erste Ministerpräsident David Ben-Gurion die Staatsgründung. Der israelische Historiker und Journalist Tom Segev wagt sich in seinem kürzlich erschienen Buch "David Ben Gurion - Ein Staat um jeden Preis" an eine Entheroisierung des israelischen Staatsmannes. "Ich habe das Bestreben, den Menschen zu zeigen und nicht die aus Stein gemeißelte Figur, die auf einem Sockel steht", sagte Segev dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Herr Segev, viele Bücher beschreiben den "Mythos David Ben-Gurion". Worum ging es Ihnen bei der Beschreibung des ersten Ministerpräsidenten Israels? 

Tom Segev: Ben-Gurion war eigentlich erst eine sehr umstrittene Figur - er hat niemals mehr als ein Drittel der Wählerstimmen bekommen. Erst mit den Jahren ist der Mythos um seine Person entstanden. Ich habe das Bestreben, den Menschen zu zeigen und nicht die aus Stein gemeißelte Figur, die auf einem Sockel steht. Ben-Gurion konnte sehr emotional sein, er konnte seine Gefühle beschreiben, er hatte sehr viele persönliche Krisen. Er war himmelhoch-jauchzend, zu Tode betrübt. Sowohl die Depressionen, die er hatte, hat er sehr ehrlich und detailliert beschrieben, wie auch die plötzlichen Euphorien. Er hatte eine journalistische Beobachtungsgabe, die in vielen einzelnen Szenen in seinem Tagebuch zum Ausdruck kommt. Das ist sehr faszinierend.

Was würde Ben-Gurion zu 70 Jahre Israel sagen?

Segev: Israel ist schon die Verwirklichung des Traumes, den Ben-Gurion hatte. Das Land ist zweifellos eine dramatische Erfolgsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Den meisten Israelis geht es besser als den meisten Menschen auf der Welt. Doch heute haben wir eine Situation, die Ben-Gurion immer vermeiden wollte: Dass Israel Gebiete beherrscht, die so eng von Arabern bevölkert sind. Er hat ja gezielt 1948 beim Unabhängigkeitskrieg die Altstadt von Jerusalem und die Westbank nicht erobern lassen und war auch dagegen, dass die Gebiete 1967 erobert werden. Es ging ihm immer um die jüdische Mehrheit. Das bedeutete, Verzicht auf einen Teil des Landes. Ich glaube, die Besatzungspolitik der letzten 50 Jahre steht eigentlich im Gegensatz zu dem, was er für Israel wollte.

Die israelische Geschichte ist geprägt durch den israelisch-palästinensischen Konflikt. Konnte Ben-Gurion das voraussehen? 

Segev: Ich denke, dass Ben-Gurion Recht hatte, als er schon 1919 - also vor fast 100 Jahren - festgestellt hat, dass es einen Frieden zwischen Zionisten und Palästinensern eigentlich nicht geben kann. Das ist ein Konflikt zweier Nationen, die miteinander um ihre Identität kämpfen. Beide definieren ihre Identität durch das Land und deshalb war Ben-Gurion der Urheber der Formel, die man heute so oft hört: Dass es ein Konflikt ist, den man managen kann, aber nicht lösen. Heute wird er von israelischer Seite sehr schlecht gemanagt. Die Besatzungspolitik ist sehr hart, doch die meisten Israelis interessieren sich nicht mehr dafür: Sie glauben nicht mehr wirklich an den Frieden. Zudem ist der palästinensische Terrorismus unter Kontrolle. In absehbarer Zeit wird sich an dem Konflikt nichts ändern.