Damit sich Nachbarn wieder häufiger begegnen

Der Verein "Nebenan.de" will dagegen angehen, dass Menschen sich einigeln.

Foto: epd-bild / Rainer Oettel

Der Verein "Nebenan.de" will dagegen angehen, dass Menschen sich einigeln und es wieder ermöglichen, den ersten Schritt zu wagen, um gemeinsame Freundschaften und tolle Sachen miteinander zu erleben.

Hilfe unter Nachbarn ist wichtig. Michael Vollmann, Geschäftsführer von nebenan.de, erzählt im Interview, was zum europäischen Tag der Nachbarn am 25. Mai 2018 möglich ist, wie Menschen sich besser begegnen können und welche Rolle evangelische Gemeinden dabei spielen können.

Was passiert am Nachbarschaftstag?

Michael Vollmann: Am 25. Mai 2018 treffen sich bundesweit Nachbarn und feiern Feste. Diese können von einem kleinen Treffen im Hinterhof bis zu einem größeren Straßenfest oder einem Picknick im Park jede mögliche Form annehmen. Wir wollen, dass sich Nachbarn wieder persönlich kennenlernen, zueinander Vertrauen finden und Gemeinsamkeiten ausmachen, die sie miteinander verbinden.

Und was ist nebenan.de?

Vollmann: Nebenan.de ist eine Online-Plattform, die Nachbarschaften eine sichere, geschlossene Heimat bietet, um privaten Kontakt und Austausch unter echten Anwohnern zu ermöglichen. Sie müssen sich ein soziales Netzwerk vorstellen, das nur für die Anwohner eines Hauses, einer Straße oder eines Blocks funktioniert: Gruppen können erstellt und Veranstaltungen angekündigt werden, man kann Dinge suchen und anbieten und man kann sich eben auch gegenseitig kennenlernen. Vor allem aber kann man sich sicher sein, dass bei uns nur echte Nachbarn mitmachen, die mit ihrem vollen und echten Namen registriert sind. Damit der Nachbarschaftstag ein Fest der Begegnung für alle wird, schicken wir den Veranstaltenden eines Festes ein Materialpacket mit Einladungen, Postern und Postkarten zu, damit sie ihre Nachbarn nicht allein auf digitalem Weg, sondern auch offline informieren können. So gibt es eine Papiertischdecke, auf der Fragen und ein kleines Spielchen abgedruckt sind, um sich kennenzulernen. So kann in Erfahrung gebracht werden, was in der Nachbarschaft bereits gut läuft, was besser laufen könnte und was die Gruppe, die sich gerade trifft, dazu beitragen kann, dass das im eigenen Viertel tatsächlich passiert.

Wie viele machen derzeit mit?

Vollmann: Wir sind inzwischen in über 6.000 Nachbarschaften in ganz Deutschland aktiv. Da vernetzen wir knapp über 800.000 Nachbarn untereinander. Unsere Ballungsgebiete sind die großen Städte. Das klappt gut. Auf dem Land hingegen ist mehr Eigeninitiative von den Nachbarn erforderlich, um nebenan.de überhaupt ins Rollen zu bringen. Daran arbeiten wir, weil wir überzeugt sind, dass auch auf einem kleinen Dorf unsere Idee funktionieren kann.

Warum brauchen wir heutzutage Projekte wie nebenan.de oder auch der Nachbarschaftstag?

Vollmann: Wir wissen aus Studien und aus der Praxisforschung, die wir betreiben, dass soziale Institutionen wie die Großfamilie, aber auch Vereine oder leider auch die Kirchenmitgliedschaft in gewissen Generationen oder Milieus abnimmt und sich deswegen die Menschen immer weniger begegnen. Zudem bilden sich im Internet sogenannte Filterblasen. Das heißt, ich habe zunehmend ausschließlich mit Menschen zu tun, denen ich sehr ähnlich bin und die meine Ansichten teilen. Dadurch verstärkt sich auch meine Weltsicht und meine Meinung immer mehr. Begegnungen mit Menschen anderer Altersstufen, anderer Glaubensrichtungen oder einer anderen sozialen Herkunft werden unserem Eindruck nach hingegen leider immer seltener. Die Nachbarschaft ist ein Platz, der solche Begegnungen ermöglichen soll. Durch die Gentrifizierung werden gewisse Stadtteile zwar zunehmend homogener. Noch aber ist so ein Stadtteil aber vielerorts eine Art Schicksalsgemeinschaft, mit vielen unterschiedlichen Menschen. Aber viele Leute trauen sich nicht mehr so stark wie früher aufeinander zuzugehen.  Wir erleben gerade einen Rückzug ins Private. Viele igeln sich ein. Dagegen wollen wir angehen und es Menschen wieder ermöglichen, aufeinander zuzugehen, den ersten Schritt zu wagen, Vertrauen zu schöpfen, um gemeinsame Freundschaften und tolle Sachen miteinander zu erleben.

Wie erreichen Sie ältere Personen, die besonders auf Nachbarschaftlichkeit angewiesen sind?

Vollmann: Unsere Nutzerinnen und Nutzer sind im Vergleich zu anderen sozialen Netzwerken älter. Eine Herausforderung für uns bleibt, wirklich alte Menschen zu erreichen. Sie sind meistens in der breiten Masse nicht so technikaffin. Dafür haben wir unsere offline-Begegnungsformate, wie den "Tag der Nachbarn". Wir hoffen, dass wir unterstützende Menschen bestärken können, die dann mit den Älteren in Kontakt treten. Die ältere Dame im Haus muss nicht zwangsläufig bei nebenan.de angemeldet sein. Nebenan.de kann aber die anderen Nachbarn im Haus miteinander vernetzen und so die Abstimmung, wie man der alten Dame im Alltag helfen könnte, erleichtern. Für den Tag der Nachbarn gibt es Printmaterialien wie Handzettel, Einladungen oder Türhänger. Letztendlich kann so bei der älteren Dame eine schriftliche Einladung im Briefkasten landen und sie zum kleinen Kaffeeplausch im Hof einladen.

In vielen evangelischen Gemeinden wird Nachbarschaft glücklicherweise in verstärktem Maße gelebt. Können sie ein Vorbild das Nachbarschaftsfest sein?

Vollmann: Auf jeden Fall! Das Letzte, das wir wollen, ist etwas ersetzen, was es vor Ort schon gibt. Wir verstehen uns auch nicht als Konkurrent. Im Gegenteil, wir verstehen uns vielmehr als Instrument für solche lebendigen Gemeinschaften und wollen von ihnen lernen, wie wir Nachbarschaften, die nicht gut funktionieren, zum Laufen bringen können. Das kann auch in Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirche sein. Wir haben bereits eine Partnerschaft mit der Diakonie und wir überlegen weiter, wie wir auch mit anderen Institutionen zusammenarbeiten können. So gibt es im Düsseldorfer Bahnhofsviertel das diakonische "Quartiersprojekt Stadtmitte". Die Diakonie Düsseldorf will gezielt ältere Menschen wieder mehr in die Nachbarschaft bringen. Im Bahnhofsviertel, das kann man sich vorstellen, ist die Nachbarschaft nicht so aktiv. Jetzt aber gibt es im Düsseldorfer Bahnhofsviertel von der Schnippelparty bis zum Kleidertausch vieles. nebenan.de wird dabei genutzt, um auch jüngere Leute zu diesen Veranstaltungen zu bringen. Die Diakonie in Düsseldorf ermöglicht, was wir gar nicht in dieser Tiefe vor Ort leisten könnten. Wir können aber ein nützliches digitales Instrument für solche Initiativen sein.

"Wir ermöglichen neue erste Begegnungen"

Warum sollte das Nachbarschaftsfest für evangelische Gemeinden interessant sein?

Vollmann: Es ist ein Angebot. Wir sind uns durchaus bewusst, dass funktionierende Gemeinden schon viele Anlässe im Jahr haben, um miteinander zu feiern und sich kennenzulernen zu können. Wir laden ein, den Anlass des Europäischen Tags der Nachbarn zu nutzen, um auch religionsfernere Menschen anzusprechen, die vielleicht nichts mit Ostern anfangen können und sich auf diesem neutralen Grund trotzdem eingeladen fühlen. Letztendlich ist jeder von uns ein Nachbar. Ich glaube, wir können durch die Onlineansprache eine zusätzliche Möglichkeit sein, neue erste Begegnungen zu schaffen, die gemeinschaftliches Engagement vor Ort stärken.

Und wie können sich evangelische Gemeinden konkret beteiligen?

Vollmann: Unter www.tagdernachbarn.de können sie jetzt ein Fest anmelden. Wir schicken ihnen dann unser Kommunikationspaket zu, das jeder nach seinen Bedürfnissen anpassen kann. Zum europäischen Tag der Nachbarn können sie selbst ein Fest feiern oder ihre Nachbarn und Kirchenmitglieder ermutigen, ein Fest auszurichten oder auf bestehende Feierlichkeiten aufmerksam machen. Sie können auch Einrichtungen wie Kitas oder Altenheime oder andere soziale Einrichtungen ermuntern, ob sie nicht auch ein Fest ausrichten wollen. Bald sollen neben privaten Personen auch gemeinnützige oder kommunale Organisation nebenand.de nutzen können. Einrichtungen können dann ihre Nachbarn anschreiben und zu ihren Veranstaltungen einladen und Neuigkeiten verkünden. Wir sind dann auch so etwas wie ein digitales schwarzes Brett für die Institutionen.

Was ist ihr Wunsch für die Zukunft?

Vollmann: Wir wünschen uns, dass nicht nur in unserem Land, sondern in ganz Europa und auf der ganzen Welt, Menschen nicht nur ihre Familie und ihr direktes persönliches Umfeld mit Freunden und Verwandten im Fokus haben, sondern weiter Blicken und sich fragen: wer wohnt eigentlich neben mir, den ich noch nicht kenne? Was teile ich mit diesen Menschen und wie können wir eigentlich eine lokale Gemeinschaft gründen, in der wir uns alle zu Hause und wohl fühlen? Und: Was ist mein eigener kleiner bescheidener Beitrag zu dieser Gemeinschaft?

Dieser Artikel erschien erstmals am 23. März 2018 auf evangelisch.de.

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