TV-Tipp: "Tatort: Waldlust" (ARD)

4.3., ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipps

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Als die ARD vor fast genau einem Jahr den Ludwigshafener SWR-Krimi "Babbeldasch" ausstrahlte, war dies in gleich zweifacher Hinsicht ungewöhnlich: Regisseur Axel Ranisch, der sich selbst lieber als "Spielleiter" bezeichnet, hat seine Mitwirkenden nicht nur im gewöhnungsbedürftigen Pfälzer Dialekt reden lassen; viele Szenen waren zudem improvisiert. Das ist so etwas wie Ranischs Markenzeichen; der den Zuschauern vor allem als dicker Kommissar aus der eingestellten ARD-Krimireihe "Zorn" bekannte Regisseur ist für seine Improvisationsarbeiten ("Ich fühl mich Disco") vielfach ausgezeichnet worden. Nun folgt sein zweiter Streich für den SWR. Im Vergleich zum völlig verunglückten Mundartkrimi ist "Waldlust" zwar um zwei Klassen besser, aber immer noch kein rundum geglückter Film; es ist nun mal nicht jeder Schauspieler auch ein Improvisationskünstler.

Die Geschichte (Drehbuch: Sönke Andresen) ist allerdings interessant und erinnert mit ihrer Einheit von Zeit und Raum an Krimis von Agatha Christie: Das Team rund um Lena Odenthal hat für ein Winterwochenende in einem abgelegenen Schwarzwaldgasthof einen Coach gebucht; der Psychotherapeut soll dem Quartett (Ulrike Folkerts, Lisa Bitter, Peter Espeloer, Annalena Schmidt) helfen, besser miteinander zu kommunizieren. Der chronologisch gedrehte Film beginnt allerdings mit einer Rahmenhandlung, in die die weiteren Ereignisse eingebettet sind: Johanna Stern (Bitter) vernimmt einen reichlich vierschrötig wirkenden Mann (Ranischs Stammspieler Heiko Pinkowski), der viele Jahre wegen der Vergewaltigung und Ermordung seiner Schwägerin im Gefängnis war. Seinen Bruder hat er womöglich auch umgebracht, aber das konnte ihm nicht nachgewiesen werden. Ausgerechnet dieser Bert Lorenz, der die Taten jedoch bestreitet, ist der Besitzer des Hotels, in dem das Seminar stattfindet. Vom ersten Moment spüren die Ankömmlinge, dass das einst bis zu dem schrecklichen Ereignissen gern als Filmkulisse genutzte Haus ein düsteres Geheimnis hütet. Tatsächlich mehren sich die irritierenden Vorkommnisse: Zuerst findet Trainer Fröhlich (Peter Trabner) einen menschlichen Knochen im Ragout, dann entdeckt Kriminaltechniker Becker (Espeloer) im Keller eine Blechkiste mit einem Liebesbrief, der eine innige Zuneigung beschwört, selbst wenn er mit der Zeile "Es graut, mein Graf" beginnt, und schließlich ereignet sich ein erster Todesfall; jetzt glaubt selbst Odenthal nicht mehr, dass sich Seminarleiter Fröhlich einen Scherz erlaubt und ein Krimidinner für das Kripo-Team arrangiert hat. Mittlerweile ist das einsam gelegene Hotel aufgrund widriger Witterungsbedingungen von der Außenwelt abgeschnitten; das Telefon funktioniert auch nicht mehr.

Beste Voraussetzungen also für einen Krimi, der sich zudem nach Kräften bei anderen Genres wie dem Thriller oder dem klassischen Horrorfilm bedienen könnte. Wenn Odenthal und Stern im Haus herumschnüffeln, kommt es zu einigen kleinen Schreckmomenten, und neben einer Friedhofsszene mit wallendem Nebel gibt es zwischendurch immer wieder subjektive Einstellungen einer Person, die ums Haus schleicht und dabei wie Darth Vader keucht. Auf der Tonspur tut sich ohnehin eine Menge: Das Sounddesign sorgt dafür, dass das alte Gemäuer beständig Geräusche von sich gibt. Die Geschichte der unerwiderten Gefühle, die sich einst in Mord und Totschlag entluden, ist allerdings deutlich origineller als diese Versatzstücke. Die Konstruktion mit der Rahmenhandlung hat zudem den Vorteil, dass Ranisch den Zuschauern auf diese Weise regelmäßig einen kleinen Informationsvorsprung gegenüber den Ermittlerinnen gewährt.

Einige Szenen dienen allerdings weder der Wahrheitsfindung noch erfüllen sie andere erkennbare Zwecke, allen voran die Ausdruckstänze einer uralten Schauspielerin (Ruth Bickelhaupt), die vor Jahrzehnten in den im Hotel entstandenen Filmen mitgewirkt hat. Sehenswert ist "Waldlust" immer dann, wenn Ranisch den "Tatort" als Krimi inszeniert, aber die Qualität nimmt geradezu schlagartig ab, wenn das Ensemble scheinbar ohne Führung vor sich hinspielt und eine auch gestandene Schauspielerin wie Ulrike Folkerts ohne Textvorgabe nicht recht zu wissen scheint, was sie sagen soll. Das hört sich dann zwar an wie im richtigen Leben, aber Spaß macht es nicht. Weil sich die Kamera (Stefan Sommer) bei solchen Gelegenheiten gern wir ein weiterer Mitspieler zwischen den Mitwirkenden tummelt, entfalten diese Szenen immerhin eine gewisse Dynamik. Wie gut sich dagegen ein eingespieltes Ensemble anhören kann, belegt die Musik: Die Kompositionen von Martina Eisenreich klingen nach großer Oper (wenn auch ohne Gesang) und sind mit der Deutschen Staatsphilharmonie eingespielt worden; im Grunde hätten sie einen besseren Film verdient.

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