Das Erbe der Missionare

Fredrick Shoo, Bischof der Norddiözese und Vorsitzender der  des ELCT, nach einem Kindergottesdienst.

Foto: Michael Güthlein

Fredrick Shoo, Bischof der Norddiözese und Vorsitzender der des ELCT, nach einem Kindergottesdienst.

Vor 150 Jahren strömten deutsche Missionare nach Tansania, um die einheimische Bevölkerung für den christlichen Glauben zu gewinnen. Heute hingegen arbeiten die evangelisch-lutherischen Kirchen beider Länder vor allem in Entwicklungsfragen eng zusammen.

Aus einer kleinen weißen Kapelle mit rotem Wellblechdach schallt lautstarker Gesang. Die Sonne brennt auf die rotbraune Erde, im Hintergrund zeichnet sich dunstig der Mount Meru, Tansanias zweithöchster Berg, ab. Nach der Morgenandacht versammeln sich die Gottesdienstbesucher vor der Kirche, um auf einer Auktion Hühner, Zuckerrohr oder Säcke voll Reis zu ersteigern. Einige sitzen in Rollstühlen, andere humpeln an Krücken, haben Prothesen oder sind kleinwüchsig.

Das Usa River Rehabilitation Center (URRC) im Norden Tansanias ist eine Ausbildungsstätte und Schule für geistig und körperlich behinderte Menschen. Aufgebaut hat das Center vor über zwanzig Jahren die Evangelisch-lutherische Kirche von Tansania (ELCT) gemeinsam mit der Rummelsberger Diakonie und Mission Eine Welt aus dem mittelfränkischen Neuendettelsau.

Etwa 150 Schüler können auf dem weitläufigen Gelände, nahe der Stadt Arusha, ein Handwerk lernen: Schneider, Bäcker, Schlosser oder Schreiner. Was in Deutschland als Inklusion gang und gäbe ist, ist in dem ostafrikanischen Land die Ausnahme. Viele Familien verstecken ihre behinderten Kinder, anstatt sie zu fördern oder überhaupt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu lassen. Im URRC bekommen die Schüler eine Chance auf ein eigenständiges Leben. Nach ihrer Ausbildung können sie sich selbst versorgen, was zu mehr Akzeptanz in der Gesellschaft führt.

Im Usa River Rehabilitation Center im Norden Tansanias können behinderte Schüler ein Handwerk lernen.

"Behinderte Menschen werden in der tansanischen Kultur nicht gerecht behandelt und manchmal als Schande für die Familie und nicht als Menschen mit Würde gesehen", sagt Fredrick Shoo, Bischof der Norddiözese und derzeit Vorsitzender der ELCT. Mitte der 1990er Jahre war Shoo für einige Jahre in Deutschland, um zu promovieren. Die Partnerschaft zwischen der evangelischen Kirche in Tansania und Deutschland, vor allem zur bayerischen Landeskirche, ist eng. Ihren Ursprung hat diese Beziehung im 19. Jahrhundert. Damals kamen die ersten Missionare aus Deutschland an den Kilimandscharo, bauten Missionsstationen, Krankenhäuser und Schulen auf, übersetzten die Bibel auf Kisuaheli und verbreiteten den christlichen Glauben. Nachdem Tansania 1961 seine Unabhängigkeit erlangt hatte, gründete sich am 19. Juni 1963 die ELCT. Mittlerweile hat sie circa 6,5 Millionen Mitglieder und ist damit eine der größten lutherischen Kirchen der Welt. Die Missionare haben dafür den Grundstein gelegt.

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Ein Ort zur Entfaltung
Behindertenwerkstatt in Tansania

Aus dem einstmals asymmetrischen Verhältnis ist über die Jahrzehnte eine stabile Partnerschaft geworden. Mission Eine Welt etwa entsendet nicht nur Mitarbeitende nach Tansania, sondern empfängt sie auch. So kommen regelmäßig Pfarrer und Pfarrerinnen aus Tansania nach Deutschland, die dann für einige Jahre in den Gemeinden arbeiten. Ein Segen in Zeiten von zunehmendem Pfarrermangel. Im Gegensatz zur evangelischen Kirche in Deutschland wächst die ELCT. Die Aktivitäten der beiden Kirchen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten verschoben: Es geht nicht mehr primär darum, möglichst viele Menschen vom christlichen Glauben zu überzeugen, sondern ihnen zu helfen, eine anständige Ausbildung zu bekommen, gesund zu sein und sich und ihre Familie versorgen zu können.

Kapelle im Usar River Rehabilitation Center.

"Wenn wir als Kirche sagen, wir sind Teil der Mission Gottes, kann es nicht sein, dass wir nur Bibeln drucken lassen", erklärt Shoo. "Wir müssen auch schauen, dass Menschen Wasser haben, dass Waisen und Kranke versorgt sind." Also baut die Kirche weiterhin Schulen, Krankenhäuser und Universitäten auf, unterstützt Familien mit Ziegen und Milchkühen und kümmert sich um Waisen und behinderte Menschen.

Claus Heim von Mission Eine Welt.

Mission Eine Welt und die bayerische Landeskirche helfen dabei mit. Und zwar, indem sie gemeinsam mit den Menschen vor Ort Lösungen für bestehende Probleme entwickeln. "Und wir gucken dann, ob ein ressourcenstärkeres Land wie Deutschland mithelfen kann", erklärt Claus Heim, Fachreferent für Tansania und Kenia bei Mission Eine Welt in Neuendettelsau, wie die Zusammenarbeit klappt. Heim war Leiter des URRC und hat mit seiner Familie mehrere Jahre in Tansania gelebt. In dieser Zeit hat er gelernt, gute Absichten von echtem Bedarf zu unterscheiden.

Das URRC ist eines von vielen Beispielen, wie aus einem Bedarf ein erfolgreiches Projekt entstanden ist. Neben den Ausbildungsstätten und einer Grundschule für behinderte Menschen betreibt das Center auch eine Physiotherapie inklusive Fitnessraum, eine kleine Praxis zur Behandlung von Klumpfüßen und eine Werkstatt, in der Beinprothesen hergestellt werden. Finanziert wird das Center zu weniger als 20 Prozent von der ELCT. Der Rest kommt über Spenden, aber auch die Vermietung von Gästezimmern, ein eigenes Café sowie den Verkauf von Gebäck aus der Bäckerei zustande.

"Die Herausforderung ist hochmoderne Medizin in einem Land zu betreiben, in dem es dafür kaum Ressourcen gibt"

Von der tansanischen Regierung hingegen hat die Kirche für Projekte wie das URRC nur wenig Geld zu erwarten. "Es hat ewig gedauert bis wir eine kleine Zuwendung bekommen haben, um eine Schule für Behinderte zu unterstützen", klagt Bischof Shoo. "In diesem Bereich müsste die Kirche eigentlich ein Augenöffner für die Regierung sein und darum bemühen wir uns auch", führt er aus. "Im Gesundheitswesen gibt es Versuche – nicht ohne Schwierigkeiten, nicht ohne Spannung – mit der Regierung zusammenzuarbeiten und es ist uns einigermaßen gelungen, aber es könnte besser gehen", erzählt Shoo.

Einer dieser Versuche schmiegt sich in an die grünen Hänge des Kilimandscharo, dem sprichwörtlichen Dach Afrikas. Das Kilimandjaro Christian Medical Center (KCMC) ist ein Krankenhaus, das die Kirche in der Stadt Moshi betreibt. Seit über einem Jahr arbeitet Oliver Henke dort als Arzt. Der Onkologe ist mit seiner Frau Antje und seinen drei Kindern über Mission Eine Welt nach Moshi gekommen, weil er die berufliche Herausforderung gesucht habe, "hochmoderne Medizin in einem Land zu betreiben, in dem es dafür kaum Ressourcen gibt."

Die Mauern der neuen Station des Cancer Care Centers stehen schon, wie der Arzt Oliver Henke stolz zeigt.

Die Krebsstation, die er aufbaut ist nur eine von drei derartigen Behandlungszentren in ganz Tansania. Krebs ist im Vergleich zu Malaria und Aids nicht das drängendste gesundheitliche Problem, aufgrund der wenigen Behandlungsmöglichkeiten, verläuft die Krankheit aber meist tödlich. Henke möchte die Menschen besser erreichen, auch mit moderner Chemotherapie. "Über 80 Prozent der Patienten kommen zu spät zu uns, die Sterberate liegt bei bis zu 90 Prozent", sagt Henke. Seine Frau Antje Henke hat eine Aufklärungskampagne auf die Beine gestellt. "Viele Menschen sind zu örtlichen Wunderheilern gegangen oder haben ihre Schmerzen ausgehalten, weil sie nicht wussten, was mit ihrem Körper passiert", sagt sie. Ein wichtiger Schritt sei es, das Krebsinstitut in ländlichen Regionen bekannt zu machen und zu vermitteln, dass Krebs heilbar ist - solange die Patienten früh genug kommen.

Der Diakon moderiert eine Verkündigungssendung im Radiosender "Stimme des Evangeliums".

Um Botschaften wie diese an den Mann zu bringen, unterhält die ELCT den Radiosender "Sauti ya Injili", auf Deutsch: Stimme des Evangeliums. Das Studio Moshi befindet sich in einer ruhigen, gut ausgebauten Seitenstraße. Hinter hohen Mauern versteckt sich das verwinkelte Gebäude. In einem engen Aufnahmestudio grinsen Modern Talking von einer Schallplatte aus den 1980er Jahren von der Wand. "Wir können um die acht Millionen Menschen erreichen", sagt Techniker Martin Ahnert, der seit drei Jahrzehnten in Tansania lebt. Wie viele Zuhörer tatsächlich vor dem Radio sitzen, um der Stimme des Evangeliums zu lauschen, ist nicht ganz klar, aber die potentielle Reichweite lässt viele deutsche Sender vermutlich schlucken. Neben der Verkündigung von Glaubensbotschaften, drehen sich die Sendungen vor allem um Gesundheit, Bildung und Landwirtschaft, aber auch Kampagnen gegen die Beschneidung von Mädchen sind Teil des Programms. Mit politischen Themen müssen die Macher des Radioprogramms aber vorsichtig sein, besonders seit John Magufuli 2015 zum Präsidenten gewählt wurde.

Der 58-Jährige mit dem Spitznamen "Bulldozer" will das Land im Eiltempo nach vorne bringen. Dabei räumt er jedoch auch alles aus dem Weg, was seiner Agenda entgegensteht. Die Pressefreiheit wurde unter ihm massiv eingeschränkt, Zeitungen wurden geschlossen, Oppositionspolitiker verhaftet. Ende Dezember veröffentlichte die Regierung ein Statement, das die Kirchen im Land mahnt, sich nicht politisch zu äußern. Bischof Shoo bringt das in ein Dilemma: auf der einen Seite ein gutes Verhältnis zum Staat zu pflegen, auf der anderen den Gläubigen verpflichtet zu sein. "Es ist eine unserer wichtigsten Aufgaben, dass die Kirche in der Öffentlichkeit für Menschenrechte eintritt", sagt er. "Zurzeit werden die Presse- und Meinungsäußerungsfreiheit sehr beschränkt. Das besorgt uns." Einrichtungen wie das URRC, die Stimme des Evangeliums, das KCMC sowie Schulen und Universitäten der Kirche sollen dazu beitragen, die Menschenrechte zu stärken.

"Wir haben hier keine Projekte", betont Claus Heim, "sondern unterstützen die Kirche in Tansania bei ihren Projekten." Erfolgreiche Entwicklungszusammenarbeit bedeutet aber auch, Verantwortung schrittweise abzugeben, sobald Projekte verlässlich funktionieren. Nachdem das URRC jahrzehntelang von deutschen Diakonen geleitet wurde, ist seit zwei Jahren der einheimische Pfarrer Elibariki Kaaya Leiter des URRC.

Der deutsche Diakon Thomas Wollner im Gespräch mit einem behinderten Jungen im URRC.
Unterstützt wird er dabei aber weiterhin von einem deutschen Diakon, derzeit Thomas Wollner.

Für Bischof Shoo ist das der richtige Weg: "Wenn deutsche Missionare tansanischen Pfarrern von Anfang an geholfen haben, eigene Verantwortung zu tragen, dann ist die Kirche gewachsen, auch als die Missionare weggegangen sind." Auch Claus Heim sieht darin die Basis und die Zukunft der gemeinsamen Beziehung. "Der Vorteil von Mission und kirchlicher Entwicklungszusammenarbeit ist, dass wir nicht zeitlich gebunden sind." Die Kirche müsse nicht innerhalb von drei Jahren eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung aufbauen, die sich selbst trägt. "Wir gehen einen Weg gemeinsam bis zum Ende der Zeit und man kann seine Ressourcen teilen auf diesem Weg", sagt Heim. Diese Ressourcen müssen nicht nur materieller Natur sein, betont Bischof Shoo, sondern können auch den spirituellen Austausch betreffen. In Deutschland und Europa geht die Zahl der Kirchenmitglieder zurück. "Aber in Afrika wächst die Kirche", sagt Shoo. "Das sollte uns Hoffnung und Freude geben, denn wer weiß, eines Tages werden unsere Kinder vielleicht als Missionare nach Deutschland oder Europa kommen."