Ethikrat-Vorsitzender: Organspende ist eine moralische Entscheidung

Drei Fragen an Peter Dabrock
Peter Dabrock

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Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats.

Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Peter Dabrock, plädiert für mehr Aufklärung in Sachen Organspende: "Mit einer ehrlichen Kommunikation lässt sich die Organspendebereitschaft sicher erhöhen", sagte Dabrock dem Evangelischen Pressedienst (epd). Für ihn persönlich bedeute die Organspende eine Möglichkeit, etwas Gutes zu tun, sagte der Professor für Evangelische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Dabrock war 2015 daran beteiligt, die Stellungnahme des Ethikrats zur Organspende auf den Weg zu bringen.

Herr Professor Dabrock, die Menschen in Deutschland tun sich mit dem Organspenden schwer. Sie selbst haben einen Organspendeausweis. Haben Sie gezögert, bevor Sie ihn ausgefüllt haben?

Dabrock: Die Bereitschaft dazu, Organe zu spenden, ist eine moralische Entscheidung. Für mich ist es eine Möglichkeit, etwas Gutes zu tun. Inzwischen habe ich allerdings den alternativen Organspendeausweis der Evangelischen Frauen in Deutschland. Ich habe hineingeschrieben, dass meine Angehörigen der Organspende zustimmen müssen. Das geht über die sogenannte erweiterte Zustimmungslösung hinaus, die besagt: Die Angehörigen sollen so entscheiden, wie ich wohl entschieden hätte. In meinem Ausweis steht hingegen, dass ich die Organspende gestatte, aber meine Familie muss auch noch einmal ihr Einverständnis geben. Wenn ich also etwa in einer tragischen Situation sterben sollte und meiner Familie wichtig ist, in Ruhe von mir Abschied zu nehmen, dann hat dieses Bedürfnis für mich Vorrang vor einer altruistisch gemeinten Organspende. Ich habe außerdem festgelegt, dass die Entnahme unter Vollnarkose stattfinden soll.

. . . weil mit dem Hirntod vielleicht doch nicht alles vorbei ist und der Eingriff schmerzhaft sein könnte?

Dabrock: Nein. Als sich der Ethikrat mit der Organspende auseinandergesetzt hat, habe ich zwar die Minderheitenposition vertreten, dass der Hirntod nicht mit dem Tod gleichzusetzen ist. Aber wir haben im Ethikrat alle darin übereingestimmt, dass ein hirntoter Mensch keine Schmerzempfindungen mehr hat und nie mehr in eine auch nur basale Form menschlichen Lebens zurückkehren kann. In diesem Sinne war für alle Mitglieder des Ethikrates der Hirntod der entscheidende Einschnitt, der Organtransplantationen legitim sein lässt. Der hirntote Mensch hat keine Schmerzen mehr. Dass ich auf die Vollnarkose bestehe, soll lediglich sicherstellen, dass der Eingriff genauso pietätvoll erfolgt wie bei lebenden Menschen auch.

Wie erklären Sie sich, dass die Bereitschaft zur Organspende in Deutschland so niedrig ist? Hat das auch mit den christlichen Vorstellungen einer leiblichen Auferstehung zu tun?

Dabrock: Einerseits hat der Transplantationsskandal das Vertrauen in diesen Zweig der Medizin sicher nicht gestärkt. Dass Deutschland aber im Vergleich mit Ländern wie beispielsweise Spanien schon vorher signifikant schlechtere Zahlen hatte, zeigt: Daran alleine liegt es nicht. Das Transplantationswesen ist weiterhin reformbedürftig. Religiöse Vorstellungen mögen diffus auch ihre Wirkung zeigen. Als Theologe ist mir die leibliche Auferstehung ein wichtiges Konzept. Im Unterschied zur Unsterblichkeit der Seele besagt es, dass das Leben, so wie es eben war, vor Gott unendlich zählt und entsprechend gewürdigt wird. Paulus aber sagt: Kontinuität wird nicht durch den Menschen geleistet, sondern durch Gott. Daraus können wir schließen, dass wir uns um die Materie des toten Körpers nicht sorgen müssen. Wir sollten uns also darauf konzentrieren, die strukturellen Hindernisse abzubauen. Mit einer ehrlichen Kommunikation lässt sich die Organspendebereitschaft sicher erhöhen.