"Queer"-Gottesdienst zu 500 Jahren Reformation

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Foto: Kathrin Stahl

"Queer"-Gottesdienst zu 500 Jahren Reformation
Evangelische Kirche lädt ab Donnerstag zu Ausstellung "Max ist Marie" und Feier am 22. Oktober nach Mainz ein

Im 500. Jubiläumsjahr der Reformation lädt die evangelische Kirche gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität zur Fotoausstellung "Max ist Marie oder mein Sohn ist meine Tochter ist mein Kind" und zum Gottesdienst "Reformation für Alle" in die Mainzer Christuskirche ein. Die Ausstellung zeigt noch bis zum 27. Oktober täglich von 9 bis 18 Uhr, freitags 12 bis 18 Uhr, ein Foto- und Textprojekt über und für transidente Menschen. Bewegende Bilder und Texte stellen Menschen auf dem Weg ihrer Geschlechtsanpassung vor. Die Hamburger Künstlerin Kathrin Stahl.

Bildergalerie

"Max ist Marie": Was es bedeutet, Transgender zu sein

Helmi

Foto: Kathrin Stahl

Helmi

Foto: Kathrin Stahl

Helmi wurde 1947 in Flensburg als zweiter Sohn ihrer Eltern geboren. Fünf Jahre später kam ihre Schwester zur Welt. Ihre Schwester, die Helmi schon mit acht oder neun Jahren beneidete, weil sie keinen Penis hatte.
Als Kind hat Helmi nur mit Mädchen gespielt. "Die wollten dann aber irgendwann nicht mehr. Und mit Jungs ging ja sowieso nicht." Fußball? Raufen? Boxen? Jungskram. Nichts für Helmi.

Helmi

Foto: Kathrin Stahl

Gelernt hat sie dann aber doch einen "echten Männerberuf". Nach ihrer Ausbildung zum Gas- und Wasserinstallateur schulte sie irgendwann um auf Schlosser. Später ging sie "an Bord", fuhr viele Jahre zur See und arbeitete als Schmierer. "Jaja, ich hab da so richtig im Maschinenraum gestanden."
Irgendwann in diesen Jahren legte ihr Schiff auf Pago-Pago an. Beim Landgang landete Helmi "aus Versehen in einer Schwulenkneipe. Da habe ich mich sofort wohl gefühlt. Ich konnte zum ersten Mal in meinem Leben so richtig Lebensfreude ausleben. Ich habe getanzt wie verrückt."

Helmi

Foto: Kathrin Stahl

"Zu meiner Schwägerin hatte ich nach dem Tod meines Bruders den Kontakt abgebrochen. Als ich ihr vor kurzem erzählte, dass ich eine Frau bin, konnte die das gar nicht glauben. 'Aber Du bist doch Motorrad gefahren. Ein richtiger Rocker warst Du!', hat sie gesagt." Helmi grinst ihr verschmitztes Lächeln.

Yannick

Foto: Kathrin Stahl

"In Düsseldorf bin ich zur Schule gegangen. Auf eine katholische Mädchenschule." Dass Yannick unter so vielen Mädchen war und sich nicht mit Jungs auseinandersetzen musste, empfindet er heute als großes Glück. "Mädchen sind anders. Die akzeptieren solche Sachen, bei Jungs hätte ich mich ganz anders rechtfertigen müssen."

Yannick

Foto: Kathrin Stahl

An dem Tag, an dem Yannick begann, die gegengeschlechtlichen Hormone zu nehmen, schenkte seine Mutter ihm einen Kugelschreiber, auf dem sein neuer Name eingraviert war. "Ich kann ihn noch nicht aussprechen, aber ich möchte, dass du weißt, dass ich zu dir stehe", sagte sie.

Yannick

Foto: Kathrin Stahl

Es gab einen weiteren großen Moment, in dem Yannick wusste, dass er so angenommen wird, wie er ist: "Meine Eltern feierten ihre Silberhochzeit mit einer großen Fete mit vielen Freunden. Meine Mutter hielt eine Rede, in der sie sagte: 'Das beste, was wir geschafft haben, sind unsere beiden Jungs.' Und ich dachte einfach nur 'Wow!'"

Hanna

Foto: Kathrin Stahl

Hanna wird im Sommer 50. Renate ist 20 Jahre älter als Hanna. Seit 19 Jahren sind sie ein Paar. "Ich glaube, wenn der Altersunterschied nicht so groß wäre, würde es mir wesentlich schwerer fallen das alles zu akzeptieren." Hanna nickt: Ja, dann wäre alles viel schwerer.

Hanna

Foto: Kathrin Stahl

"Ich weiß, ich kann mir ihrer nicht sicher sein", sagt Hanna. "Und ich weiß, dass ich mit ihr einen Sechser im Lotto gewonnen habe."
Renate legt ihre Hand auf Hannas Hände. "Ich mit dir nur 'nen Fünfer", sagt sie und lacht laut.

Hanna

Foto: Kathrin Stahl

Was da in Hanna vorging und heute in ihr vorgeht, kann selbst ihre Frau Renate nicht verstehen. "Auf Verständnis können wir transidenten Menschen nicht hoffen. Wirklich verstehen kann dich nur jemand der selber betroffen ist." Renate nickt: das stimmt. "Verstehen kann ich es wirklich überhaupt nicht. Aber ich kann es akzeptieren. Ich sehe ja, was das mit Hanna macht. Als ich Hanna vor kurzem fragte: bist du jetzt glücklich? Antwortete sie 'Ja!' aus ganzer Seele."

Hanna sieht sich das Foto einige Zeit lang ungläubig an: "Wenn ich mich im Spiegel ansehen, sehe ich immer noch den Mann. Aber hier auf dem Foto: wo ist der?"

Am Sonntag, dem 22. Oktober laden dann die evangelische Christuskirchengemeinde und die dgti um 10 Uhr zum Gottesdienst "Reformation für Alle*" ein, der Menschen unterschiedlichster geschlechtlicher Ausprägung zusammenbringt. Gastpredigerin ist die transsexuelle Pfarrerin Elke Spörkel. In der Feier singt der überregionale queere Chor Queerubim unter der Leitung von Tim Brügmann. Im Anschluss an den Gottesdienst gibt es einen Empfang mit einem Grußwort der hessen-nassauischen Oberkirchenrätin für kirchliche Dienste, Christine Noschka. Das musikalische Rahmenprogramm hierfür gestaltet das Mainzer Vokalensemble no:promise unter der Leitung von Markus Brückner.

Vielfalt der Schöpfung annehmen

Die Schirmherrschaft für das Projekt in Mainz hat der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung übernommen. Nach seinen Worten ist es eine der Lehren der Reformation, eingefahrene Denkmuster immer wieder neu zu überprüfen. Das gelte auch für den Blick auf Menschen mit unterschiedlichster sexueller Orientierung. Basis müsse das Vertrauen in die Liebe Gottes bleiben, der das Leben in seiner Vielfältigkeit geschenkt habe. Aufgabe bleibe es, sich selbst und andere "anzunehmen".

Zum Thema ist bei der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität auch eine Broschüre erschienen, die auch die Perspektive der evangelischen Kirche unter dem Titel "Reformation für Alle*" zeigt. Sie ist hier online abrufbarbegann das Projekt mit einem Fotoshooting ihrer Tochter Marie, die einmal ihr Sohn Max war.

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