TV-Tipp: "Diplomatie" (ARD)

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TV-Tipp: "Diplomatie" (ARD)
3.9., ARD, 0.10 Uhr: "Diplomatie"
Die Anweisung ist als "Trümmerfeldbefehl" in die Geschichte des Zweiten Weltkriegs eingegangen: Als absehbar war, dass die Alliierten Paris befreien würden, ordnete Adolf Hitler am 23. August 1944 an, die Stadt dürfe "nicht oder nur als Trümmerfeld in die Hand des Feindes fallen." Er hatte Dietrich von Choltitz erst zwei Wochen zuvor zum Stadtkommandanten ernannt.

Der General hatte sich bis dahin sowohl bei der Zerstörung Rotterdams wie auch bei der Ermordung russischer Juden als loyaler Soldat bewährt, doch diesen Befehl verweigerte er. Volker Schlöndorff ist überzeugt: Wäre Paris damals ausradiert worden, die spätere deutsch-französische Freundschaft wäre kaum vorstellbar gewesen.

Kein Wunder, dass dieser Stoff den "Oscar"-Preisträger ("Die Blechtrommel") gereizt hat, schließlich hat Schlöndorff lange Zeit in Frankreich gelebt; dort lernte er als Assistent von großen Regisseuren wie Louis Malle und Jean-Pierre Melville sein Metier. Mit dem Zweiten Weltkrieg hat er sich ohnehin immer wieder beschäftigt (etwa in "Der Unhold", 1996, oder "Der neunte Tag", 2004). Der Pariser August 1944 war vor knapp vierzig Jahren schon einmal Gegenstand eines Spielfilms, doch die französisch-amerikanische Koproduktion "Brennt Paris?" von René Clément (1966) erzählt die Ereignisse aus Sicht der Alliierten; von Choltitz, damals von Gert Fröbe verkörpert, ist dort nur eine Randfigur. In "Diplomatie" aber stehen der General und sein innerer Konflikt im Zentrum der Geschichte. Sein Gewissen wird gewissermaßen von einem schwedischen Diplomaten verkörpert, und so entwickelt sich dank großartiger Dialoge ein Wortgefecht, das Schlöndorff mal wie einen Boxkampf, mal wie ein Schachspiel inszeniert.

Das Drehbuch basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von Cyril Gély. Der Film kann diese Herkunft nicht verleugnen und will das offenbar auch gar nicht. Die Handlung trägt sich in einer Nacht und über weite Strecken auch in nur einem Raum zu: Im Morgengrauen des 25. August hat von Choltitz bereits alles in die Wege leiten lassen, um die Seine-Brücken, die Bahnhöfe sowie die weltberühmten Sehenswürdigkeiten in die Luft zu jagen; Paris wäre innerhalb weniger Minuten nur noch Schutt und Asche. Da erscheint in seinem Büro im Hotel Meurice wie durch Zauberei Konsul Raoul Nordling, der den General beschwört, Paris nicht zu zerstören.

Die Geschichte ist frei erfunden; nach allem, was man weiß, hat von Choltitz seine Entscheidung ganz allein getroffen. Doch sie hätte sich durchaus auf diese Weise zutragen können, denn der Deutsche und der Schwede hatten bereits einen Waffenstillstand und die Entlassung von Kriegsgefangenen ausgehandelt. Die potenzielle Authentizität wird angesichts der Leistungen der beiden Hauptdarsteller jedoch ohnehin zweitrangig: Der damals 68jährige André Dussollier (der Film ist 2014 entstanden), einer der größten Stars des französischen Kinos, und der in Paris geborene Däne Niels Arestrup (65) stacheln sich gegenseitig zu herausragenden Leistungen an. Dass beide ihre Rollen bereits auf der Bühne verkörpert haben, hätte sich bei den Dreharbeiten womöglich sogar eher als Nachteil erweisen können, denn den Dialogen darf natürlich nicht der Hauch von Routine anzumerken sein. Aber dieses Risiko war überschaubar: Die Kammerspielverfilmung von Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" (1985) ist auch dank der beiden Hauptdarsteller Dustin Hoffman und John Malkovich bis heute eines der größten Werke Schlöndorffs. "Diplomatie" knüpft daran nahtlos an. 

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