Die Wut ist größer als die Trauer

Kommentar

Illustration: evangelisch.de/Simone Sass

Meine Wut und der Ärger über die Terror-Nachricht aus Barcelona ist größer als mein Schrecken und die Trauer darüber.

In Barcelona fährt ein Typ mit einem Kleinbus Menschen tot. Meine erste Reaktion, als ich gestern nach dem Kino mein Handy wieder einschaltete und die Eilmeldungen aufploppten? Auf diese Nachrichten habe ich keine Lust mehr. Ich will nicht von Vollidioten dazu gebracht werden, spätabends noch zu checken, was meine Redaktion dazu gemacht hat. Ich will auch nicht das nächste Anti-Terror-Gebet vom Papst oder die PR-geschliffene Anteilnahme von Martin Schulz auf Twitter lesen.

Die Twitteruserin hanna_unterwegs hatte ähnliche Gedanken:

Ich teile diese Reaktion - allerdings finde ich sie nicht erschreckend. Mit einem Auto in eine Menschengruppe zu fahren, ist inzwischen das Mittel der Wahl dieser verblendeten Fanatiker. Wir haben uns daran gewöhnt, dass hoch polarisierte Gewalttäter ihrer einzig wahren Überzeugung mit Gewalt Aufmerksamkeit verleihen wollen, weil es einfach zu oft passiert.

Die Anteilnahme und die Gebete für die Opfer und ihre Angehörigen sind auch wichtig, weil das den Menschen Worte gibt, die selbst keine finden bei solchen Angriffen auf unsere Gesellschaft. Aber Wut und Ärger sind bei mir inzwischen größer als der Schrecken und die Trauer. Ich bin wütend auf alle diese Mörder und Menschenhasser, die unsere Welt mit Gewalt verwandeln wollen: in eine enge, unfreie, schwarz-weiße Gesellschaft ohne Grauzonen und ohne Farben.

Um mit einem Auto in eine Menschenmenge zu fahren, ohne zu bremsen, müssen die Schranken der Menschlichkeit schon ziemlich weit abgerissen sein. Da unterscheiden sich die Islamisten aus dem Nahen Osten, radikalisiert von ihren Hasspredigern, nicht von den weißen Nationalisten und Klansmen aus den USA, angestachelt von ihrem Präsidenten: Sie eint der Hass auf das Andere, was es auch immer gerade sein mag.

Dagegen kann man unmittelbar wenig tun, und auch das macht mich wütend. Das Rezept gegen diese Schwachmaten mit Aggressionskomplexen beginnt schon früh im Leben in der Familie: Als Kinder brauchen sie bedingungslose Liebe, als Jugendliche sollen sie so viel reisen wie möglich und als Erwachsene diese Liebe und Neugier an Kinder und Enkel weiterreichen. Als Gesellschaft müssen wir die richtigen Bedingungen dafür schaffen, dass junge Menschen diese Liebe und Horizonterweiterung erleben können - und zwar positiv. Barack Obama hat es mit seinem Tweet nach #Charlottesville, der alle Twitterrekorde gebrochen hat, schon richtig gesagt: Kein Mensch wird mit Hass geboren, den muss man erst lernen.

Den hirnverbrannten Fackelträgern, Bombenbauern und Automördern aber, die diesen Hass schon längst verinnerlicht haben, kann man nur sagen: Die Gesellschaft, die ihr euch vorstellt, will keiner außer euch. Und ihr seid lieblose Witzfiguren, auf die wir keinen Bock mehr haben. Also lasst es einfach, es bringt nämlich nichts. Wir lassen uns nicht wegbomben oder einschüchtern.