Wie war der Kirchentag 2017? Unsere Höhepunkte

Der Flashmob "Längster Kirchentagsschal der Welt" am 26. Mai beim Kirchentag in Berlin.

Foto: epd/Friedrich Stark

Der Flashmob "Längster Kirchentagsschal der Welt" am 26. Mai beim Kirchentag in Berlin.

Wie war der Kirchentag 2017? Unsere Höhepunkte
Wir waren mit fast allen Menschen aus der Redaktion beim Kirchentag 2017 in Berlin. Wie fällt unser Fazit aus? Sieben Stimmen aus der Redaktion.

Unvergesslich

Lilith Becker, Redakteurin bei evangelisch.de

Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich nach Wittenberg gefahren bin. Zuerst wollte ich nicht: Das ist viel zu umständlich, dachte ich. Und jetzt? Der Taizé-Abend, die Nacht auf der kalten, feuchten Wiese, dann der Morgen, der um halb fünf mit einem klaren Himmel, wunderschöner Morgenröte und sphärischen Klängen begann. Ich bin verzaubert. Mein Gänsehauterlebnis: um halb elf, zum Einsingen für den Festgottesdienst, stand ich hinter der Bühne zwischen 6.500 Bläsern. Obwohl die Sonne schon brannte, liefen mir wohlige kühle Schauer über den Körper. Unvergesslich.

Die Alternativenfabrik

Frank Muchlinsky, Pastor bei evangelisch.de

"Berlin ist eine säkulare Stadt." "Mit der AfD kann man nicht reden." "Gleichgeschlechtliche Paare dürfen nicht heiraten." "Die Kirche predigt nur noch Wohlfühlglauben." "Der Feminismus ist überholt." "Jugendliche interessieren sich nicht für Politik." Wer sich auch nur über einen dieser Sätze ärgert, war gut aufgehoben auf dem Kirchentag in Berlin. Hier konnte man erleben, dass der evangelisch-christliche Glauben lebendig ist und hartnäckig. Wem die angeblichen Fakten, die die Welt präsentiert, nicht passen, der muss eben zeigen, dass es anders geht. Wer will, dass Berlin inspiriert wird, muss eben dem Geist Raum geben. Wer AfD Wähler überzeugen will, muss eben mit ihnen zu reden versuchen. Wer sagt, dass gleichgeschlechtliche Paare heiraten sollten, muss es eben öffentlich tun. Der Kirchentag hat all das getan. Damit wird nicht "alles besser", aber es wird möglich. Die angeblichen Fakten werden zu einer Möglichkeit unter anderen, besseren. So mag es weitergehen.

Brüche

Claudius Grigat, Redakteur bei evangelisch.de

Natürlich waren sie (fast) alle da, die Politikerinnen und Politiker, auf den großen Massenveranstaltungen des Kirchentags. Was hatte man denn auch anderes erwartet? Schließlich war der Kirchentag diesmal zu ihnen gekommen, nach Berlin, nicht umgekehrt. Wenn die Kritik nun lautet, dass es einmal mehr um moralische Gesellschaftsgestaltung und Konsensfindungsgespräche ging, dann ist das wohl am ehesten eine massenmedial vermittelte Sicht, eine Außensicht. Ja, das war auch.

Aber ich habe einen anderen Kirchentag erlebt, einen, der sich tatsächlich an seinem Motto ausgerichtet hat: Du siehst mich! Denn das, was sich auf vielen kleineren und größeren Veranstaltungen, in Workshops, Gottesdiensten und Aktionen durchgezogen hat, war das Schauen auf die Wunden, die Brüche – in der Gesellschaft, aber auch in jedem Einzelnen. Das war die Erkenntnis: In jedem von uns gibt es Brüche. Und es ist gut, sie zu SEHEN. Oder, wie es der letztes Jahr verstorbene Leonard Cohen in seinem Song "Anthem" formulierte: "There's a crack in everything. That's how the light gets in."

Menschlich und konstruktiv

Lena Christin Ohm, Redakteurin bei evangelisch.de

Der Kirchentag hatte für mich zwei Höhepunkte: Den Auftritt von Ex-US-Präsident Barack Obama und die tiefgehenden, inhaltlichen Auseinandersetzungen. Ich trenne das bewusst, weil die Diskussion von Obama und Merkel für mich zwar eine aufregende Inszenierung war, die ich bestimmt nicht so schnell vergessen werde und von der ich vielen Menschen erzählt habe, die mich aber im Hinblick auf die diskutierten Inhalte nicht überrascht und auch inhaltlich nicht weitergebracht hat – dafür wurde zu viel bereits Bekanntes wiederholt.

Inhaltlich gefesselt und gedanklich inspiriert haben mich dagegen die Veranstaltungen zur Situation im Nahen Osten: sowohl zum Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern als auch zum Krieg in Syrien wurden einzigartige Einblicke gewährt – zum Beispiel vom Sondergesandten der UN für Syrien. Die Diskussionen waren nicht Aufmerksamkeit heischend, nicht verurteilend oder vom hohen Ross herunter moralisierend, sondern menschlich und konstruktiv. Der Kirchentag war hochpolitisch, aber die Veranstaltungen, die ich besucht habe, waren nicht so parteipolitisch wie erwartet.

Gerade im zugigen Eck sind wir heilig

Markus Bechtold, Redakteur bei evangelisch.de

"Entschuldigen Sie, ist das der Sonderzug nach Pankow?", singt die Frau vor mir und dreht sich zu mir um. In diesem Moment scheinen wir die einzigen Kirchentagsbesucher an jener U-Bahnstation zu sein. Ich erkenne sie an ihrem orangefarbigen Schal. Ich stimme mit ein und gemeinsam singen wir kraftvoll weiter: "Ist das der Sonderzug nach Pankow? Ich muss mal eben dahin". Berlin ist weitläufig und der Kirchentag 2017 in dieser Stadt nicht überall sichtbar. Aber eben das macht ihn hier so kostbar. Sobald sich Kirchentagsbesucher einander erkennen, kippt die Stimmung. Sie kippt um in heiter, achtsam bis fröhlich. Die großen Gesten der Kirchentagsveranstaltungen sind nötig und schön, mir aber nicht allzu wichtig.

Mich reizen persönliche Begegnungen. Da ist der Mann, der mir am Alexanderplatz erzählt, dass er, seitdem er trockener Alkoholiker ist, wieder mit Haltung durchs Leben gehen kann. Dort steht der Kirchenchor einer winzigen Gemeinde in einem zugigen Eck in Kreuzberg; der, so scheint es, so gar nicht müde werden will vom Singen: "Du bist heilig, du bringst Heil". Und genau diese Stimmung ist für mich während des Kirchentags wahrnehmbar: nicht allein im Gottesdienst, beim Abendmahl, auf den Festplätzen oder in den Messehallen, sondern auch in den abgelegenen, verlasseneren Straßen von Berlin. Dort, wo Kirchentagsbesucher und Berliner erschrocken voneinander unverhofft aufeinander getroffen sind, und sich trotz anfänglicher Befremdung schließlich fröhlich und offenherzig zulächelten, war für mich der Kirchentag 2017 spürbar. Ganz im Sinne von: "Du siehst mich".

Live aus Berlin

Stefanie Spitzer, Distributionsredakteurin bei evangelisch.de

Dieser Kirchentag wird mir aus mehreren Gründen immer im Gedächtnis bleiben. Zum Ersten haben wir dieses Jahr ein neues Berichtformat ausprobiert. Dazu wurde ich von unseren Facebooknutzern von einer Veranstaltung zur nächsten per Abstimmung geschickt, um von dort live zu berichten. Die Veranstaltungen waren von mir zwar schon "vorgefiltert" worden, aber dennoch war es spannend zu sehen, wohin es mich als nächstes verschlagen sollte. Eine Herausforderung war dabei – neben dem dem überlasteten LTE-Mobilfunknetz – die Distanz zwischen den Veranstaltungsorten. Da wurde es manchmal echt knapp von der Innenstadt zur Messe zu kommen oder umgekehrt. Diese Weitläufigkeit bemerkte mach auch in der Stimmung in der Stadt. Auf dem Messegelände wimmelte es nur so von orangeeingefärbten Kirchentagsbesuchern, in der Innenstadt musste man außerhalb vieler Veranstaltungsorte eher suchen – da fielen dann besonders die gelb-schwarzen Fußballfans am Wochenende mehr auf.

Was ich auch nie vergessen werde, war die Trauung eines Paares, das auf dem Kirchentag geheiratet hat. Ich persönlich bin kein Fan von "Event-Hochzeiten" und war deshalb etwas kritisch eingestellt. Doch der Gottesdienst war so schön gestaltet und rührend, dass anstatt Event- absolute Feststimmung aufkam – mit einer vollen Kirche und einer endlos scheinenden Schlange an Gratulanten. Kein Kirchentag ist wie der andere und auch dieser hielt für mich viele neue Erfahrungen bereit – nicht nur, weil ich davor noch nie live vor einer Kamera gestanden habe. Ich bin gespannt auf Dortmund 2019!

Vieles für jede*n, wenig für alle

Hanno Terbuyken, Portalleiter von evangelisch.de

Diesen Kirchentag in Berin habe ich vor allem am evangelisch.de-Stand zugebracht, um unsere Vaterunser-Challenge zu begleiten und von dort die Berichterstattung zu koordinieren. Das hat mir noch einmal sehr deutlich gemacht, wie unterschiedlich der Kirchentag für jede und jeden ist, die da sind. Denn auf der einen Seite haben mir die Menschen von ihrem Kirchentag erzählt, die am Stand vorbeigekommen sind. Auf der anderen Seite konnte ich die Kirchentags-Berichterstattung der evangelisch.de-Kolleginnen und Kollegen und des epd lesen und die verschiedenen Einblicke in den Kirchentag ganz vieler Menschen über Facebook, Twitter und Instagram verfolgen.

"Den Kirchentag" gibt es also eigentlich nicht. Gerade nicht in einer Stadt so riesig wie Berlin, wo sich der Kirchentag auch noch sehr entzerrt, und gerade dann nicht, wenn parallel noch sechs "Kirchentage auf dem Weg" auf Besucher hoffen. In die säkulare Öffentlichkeit wirken natürlich die Großveranstaltungen besonders (die Gottesdienste, Obama und Merkel am Brandenburger Tor). In der kirchlichen Öffentlichkeit werden vor allem die Bibelarbeiten von Promis und die Diskussion um die AfD beachtet und diskutiert.

Aber der Kirchentag hat so viele Schwerpunkte und so viel punktuelle Tiefe, dass das Gesamtbild bunt und individuell bleibt. Das kann man beklagen, weil so ein Kirchentag keinen Riesenanstoß in eine gemeinsame gesellschaftliche Richtung ist. Aber die Hunderttausend, die da waren, nehmen trotzdem für sich und allen, denen sie von ihren Kirchentagen erzählen, richtig was mit. Jeder und jede für sich als ein eigener Teil der ganzen großen evangelischen Kirche.