Zwischen Hilflosigkeit und Frustration

Konferenz der evangelischen Nahostkirchen in Beirut

Foto: Katja Buck

Konferenz der evangelischen Nahostkirchen in Beirut. Von links nach rechts: Pfarrer Amanuel Ghareeb, Pastor der Nationalen Evangelischen Kirche von Kuweit; Pfarrer Nadim Nassar, Direktor der Awareness-Foundation in England; Pfarrer Firas Farah, presbyterianische Gemeinde von Qamishli in Syrien; Pfarrerin Sabine Dressler, Referentin für Reformierte Ökumene beim Reformierten Bund; Pfarrer Martin Pühn, Nahostbeauftragter im Kirchenamt der EKD.

Zwischen Hilflosigkeit und Frustration
Die Beziehung zwischen den Kirchen im Nahen Osten und im Westen ist belastet. Das hat unlängst eine Konferenz der evangelischen Nahostkirchen in Beirut gezeigt. Wenn Krieg und Terrorismus den Alltag der einen bestimmen, und die anderen eine historische Flüchtlingskrise sowie politische Erdbeben zu verkraften haben, werden Missverständnisse offenbar zur Belastungsprobe.

Der emotionale Aufschrei kommt am zweiten Tag der Konferenz. "Ich will endlich Taten sehen und nicht nur Analysen hören", sagt Haroutune Selimian, der in der Armenisch-Evangelischen Bethel-Kirche in Aleppo Pfarrer ist. Seine Gemeinde hat in den letzten Jahren zwei Drittel ihrer Mitglieder verloren, durch Bomben und Emigration. Das Thema der vorausgegangenen Podiumsdiskussion war eigentlich das Brückenbauen zwischen dem Nahen Osten und dem Westen gewesen. Und Martin Pühn, im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zuständig für den Nahen Osten, hatte gerade ausgeführt, dass in der deutschen Bevölkerung das Wissen über die Situation der Christen im Nahen Osten mit den Flüchtlingsströmen zugenommen habe und sich die Kirchen im Raum der EKD vermehrt mit der Frage der christlichen Präsenz im Orient auseinandersetzten. Doch Selimian kann darüber nur den Kopf schütteln. "Wir leben in einem Krieg. Die Menschen schreien nach Hilfe. Sie suchen nach einer Richtung. Was wir brauchen, ist nicht nur materielle Hilfe. Wir brauchen Christen, die sich uns wirklich verbunden fühlen." Schnell fügt der Pfarrer aus Aleppo noch hinzu, dass dies aber nicht heiße, dass Europa einfach nur seine Türen öffnen solle für die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten. "Dann blutet unsere Region nur noch mehr aus", sagt er und setzt sich wieder.  

In wenigen Sätzen hatte Selimian zusammengefasst, was nahöstliche Christen ihren westlichen Partnern seit Ausbruch der Arabellion vor bald sechs Jahren immer wieder vorwerfen: dass sie sich einerseits der existenzbedrohenden Situation der Kirchen im Nahen Osten nicht bewusst seien und zu wenig dagegen täten, und dass andererseits die Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen in Europa und besonders in Deutschland den sowieso schon starken Migrationstrend unter Christen im Nahen Osten befeuere und ausgerechnet diejenigen abziehe, die eigentlich dringend für Friedens- und Versöhnungsarbeit gebraucht werden.

Tagungen zum Ost-West-Dialog, wie die jüngste der Gemeinschaft der Evangelischen Kirchen im Nahen Osten (Fellowship of The Middle East Evangelical Churches, FMEEC) hat es schon viele gegeben. Und in der Regel werden die Chancen und Probleme desselben sachlich analysiert und diplomatisch klug präsentiert. Die scharfen Worte, mit denen nahöstliche Christen ihre westlichen Partner jetzt öffentlich kritisieren, sind aber neu. Sie sind Ausdruck ihrer Enttäuschung und Frustration über das in ihren Augen zögerliche Handeln der Kirchen im Westen. "Politiker und Kirchen im Westen reden immer nur davon, wie besorgt sie seien über das, was im Nahen Osten geschieht. Wir können aber nicht erkennen, dass sie wirklich tätig werden", sagt auch Munib Younan, der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land, sowie Präsident des Lutherischen Weltbundes. "Wir erwarten von unseren Partnern weltweit, dass sie als Brüder und Schwestern an unserer Seite stehen", sagt Younan.

Was aber heißt das genau? Darüber haben sich die Verantwortlichen in der kirchlichen Nahostarbeit in Deutschland schon oft den Kopf zerbrochen. Auch Uwe Gräbe, Nahostverbindungsreferent in der Evangelischen Mission in Solidarität (EMS), ist ratlos und verweist auf den sogenannten Urgent Appeal (Dringender Aufruf), in dem die evangelischen Kirchen in Syrien und im Libanon vor gut zwei Jahren den Notstand ausgerufen und ihre Partner in der ganzen Welt um Hilfe gebeten hatten. "Wir haben immer wieder nachgefragt, was genau wir denn tun sollen, ob wir mehr Flüchtlinge aufnehmen sollen, uns für eine Militärintervention einsetzen sollen, ob es eine Schutzzone für Christen braucht oder wie wir denn sonst helfen können. Wir haben aber keine klaren Antworten bekommen", sagt er.

Allein diese Feststellung bringt viele Kirchenvertreter im Nahen Osten mittlerweile in Rage. Wer ihnen von Deutschland aus vorwerfe, dass sie nicht in der Lage seien, mit einer Stimme zu sprechen, messe mit zweierlei Maß. Auch in deutschen Kirchen herrsche nicht immer Einmütigkeit. Und zudem seien sie in ihrer Existenz bedroht. Man solle doch bitte nicht die Schuld bei den Opfern dieser Situation suchen.

Mehr zu Naher Osten
Freiwilliges Soziales Jahr in Israel  2021 wieder möglich
Kaum sonst wo treffen unterschiedliche Religionen so aufeinander wie in Israel. Bomben und Raketenangriffe haben zuletzt wieder gezeigt, wie brüchig der Frieden im Nahen Osten ist. Deutsche Freiwillige zieht es dennoch ins Heilige Land.
Der Weltkirchenrat hat sich tief besorgt über das drohende Ende der humanitären Hilfe für Millionen Menschen im Nordwesten von Syrien geäußert.

"Das Verhältnis zwischen Christen im Mittleren Osten und in Europa ist gespannt", sagt Jürgen Reichel, Generalsekretär der EMS, nach drei Tagen Konferenz. "Unsere Geschwister im Nahen Osten empfinden es als verletzend, dass der Westen die Vielfalt der Kulturen und Religionen in der Region erst dann wahrnimmt, wenn es in Flüchtlingslagern in Europa zu Gruppenbildungen kommt." Und sie seien nicht willens, den Westen aus seiner besonderen Verantwortung zu entlassen, die er mit politischen und militärischen Interventionen in den vergangenen Jahren auf sich geladen habe, die unter anderem auch den Exodus hunderttausender Christen aus Syrien und dem Irak nach sich gezogen hätten, sagt Reichel.

Doch welche Rolle können westliche Kirchen spielen? Um dies herauszufinden, müssen vermutlich erst einmal einige Missverständnisse auf beiden Seiten ausgeräumt werden. "Die Kirchen im Westen reagieren allergisch, wenn es darum geht, eine Gruppe zu privilegieren. Das verstehen die Christen im Orient nicht", sagt Erzbischof Gabriele Caccia, Apostolischer Nuntius im Libanon, der die Be- und Empfindlichkeiten auf beiden Seiten wie kaum ein anderer kennt. Der gebürtige Mailänder lebt seit Jahrzehnten im Nahen Osten. "Die Christen im Nahen Osten sehen, dass die leidende muslimische Bevölkerung von anderen Staaten unterstützt wird, deren Hilfe allein den Muslimen zur Verfügung steht. Sie fragen sich, wer denn nun auf ihrer Seite steht." Im Westen wiederum verstehe keiner die Frustration der Nahost-Christen. "Sie klopfen an die Tür des Westens und der versteht nicht einmal, warum sie an seine Tür klopfen", fasst Caccia zusammen.

"Der Brückenbau bringt erst dann Früchte, wenn jemand bereit ist, über die Brücke auf die andere Seite zu gehen"

Angesichts dieses Dilemmas darf es nicht wundern, dass Dialog-Tagungen wie die der FMEEC für westliche Kirchenvertreter schnell zum Forum werden, auf dem sie sich für die Zwänge, denen sie unterliegen, zu rechtfertigen suchen. Immer wieder erklären sie zum Beispiel, dass öffentliche Gelder, die den Kirchen im Westen für ihre Arbeit zugeteilt werden, nach humanitären Kriterien und nicht nach Religionszugehörigkeit verteilt werden dürfen. Manchmal braucht es einen langen Atem, um den Christen im Nahen Osten verständlich zu machen, dass es kein Affront gegen sie ist, wenn mit kirchlichen Geldern auch Muslime und andere Nicht-Christen unterstützt werden. Doch das Dilemma, dass Nahost-Christen im Gegensatz zu ihren schiitischen oder sunnitischen Nachbarn keine "Schutzmacht" haben, bleibt ungelöst.

Angesichts der vielen Missverständnisse und Frustrationen ist es wichtiger denn je, sich der Tradition des Brückenbauens zu erinnern. "Der Brückenbau bringt erst dann Früchte, wenn jemand bereit ist, über die Brücke auf die andere Seite zu gehen", sagt Paul Haidostian, der Präsident der Evangelisch-Armenischen Haigazian Universität in Beirut. Auch im übertragenen Sinne bräuchten Brücken ein solides Fundament und auf beiden Seiten starke Pfeiler, wenn sie tragfähig sein sollen. "Partnerschaft bedeutet, sich in die Schuhe des anderen zu begeben. Wenn wir dazu nicht bereit sind, funktioniert sie nicht."