Autorin Gehlhaar: "Mein Rollstuhl steht für Freiheit"

Autorin Gehlhaar: Mein Rollstuhl steht fuer Freiheit

Foto: Schall&Schnabel/epd-bild

Laura Gehlhaar

Autorin Gehlhaar: "Mein Rollstuhl steht für Freiheit"
An diesem Samstag ist der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung. Laura Gehlhaar hat ein Buch über ihr Leben als Rollstuhlfahrerin geschrieben. Die 33-Jährige hat Sozialpädagogik und Psychologie studiert und arbeitet als Autorin und Coach in Berlin. Sie sei Tag für Tag mit Vorurteilen konfrontiert, sagte Gehlhaar dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Menschen mit Behinderung gehören nicht zum Straßenbild."

Frau Gehlhaar, Sie schreiben in Ihrem Buch über den Alltag einer Rollstuhlfahrerin. Reagieren viele fremde Menschen auf Ihren Rollstuhl?

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Laura Gehlhaar (geboren 1983) hat Sozialpädagogik und Psychologie in Holland und Berlin studiert. 2008 kam sie für die Liebe und einen Job in der Gerontopsychiatrie nach Berlin. 2014 absolvierte sie eine Mediations- und Coachingausbildung und arbeitet heute als Autorin und Coach.

Laura Gehlhaar: Ja. Viele Leute reagieren auf mich so, wie man auf etwas reagiert, das man nicht kennt. Wenn einem etwas unbekannt ist, dann schaut man es an und stellt vielleicht auch komische Fragen. Unsicherheit und Berührungsangst spielen dabei eine große Rolle. Ich erlebe das jeden Tag: Mich starren Passanten lange an. Manche durchbrechen auch meine Privatsphäre, sie fassen mich zum Beispiel an der Schulter an und sagen, wie toll sie es finden, dass ich alleine unterwegs bin. Das ist Alltag für mich. Es zeigt: Menschen mit Behinderung gehören nicht zum Straßenbild.

Wie reagieren Sie auf solche Reaktionen?

Gehlhaar:
Mir hilft es, dass ich nicht auf den Mund gefallen bin. Ich sage manchmal auch etwas Freches. Aber ich möchte gar nicht ständig reagieren müssen. Sehr heftige Reaktionen, Beleidigungen oder Bedrohungen, erlebe ich auch - aber zum Glück nur selten.

Was bedeutet das für Ihr Umfeld?

Gehlhaar:
Wenn ich mit meinem Freund unterwegs bin, denken viele, er sei mein Pfleger. Wenn wir uns dann küssen, sind sie sehr überrascht (lacht). Oft belustigt mich das - aber eigentlich ist es sehr hart. Viele schreiben meinem Freund zu, dass er sehr hilfsbereit sei, weil er sich ja um einen Menschen mit Behinderung kümmert. Das ist sehr abwertend für ihn und für mich. Als wäre er gar nicht mit mir zusammen, weil er mich als Person liebt.



In den vergangenen Jahren wurde immer wieder über Inklusion berichtet und diskutiert. Wie ist Ihre Erfahrung: Haben sich die Reaktionen auf Sie verändert?

Gehlhaar:
Mein Eindruck ist, dass sich die Gesellschaft nach rechts bewegt. Ich erlebe mehr Ausgrenzung als noch vor ein paar Jahren. Und ich erlebe das, weil ich zu einer Minderheit gehöre. Es nimmt zu, dass Nazis ihre Ablehnung von Behinderten offen deutlich machen. Aber es gibt auch eine positive Entwicklung: Immer mehr Menschen mit Behinderung bleiben nicht still zu Hause sitzen, sondern werden laut. Sie drängen nach vorne und wollen selbst mitgestalten. Inklusion beginnt nicht im Kopf, sondern im Gesetz. Die Gesetze müssen Behinderten Gleichstellung ermöglichen.

Auch Sie erheben Ihre Stimme in der Öffentlichkeit. Welche Rolle spielen dabei das Internet und soziale Medien?

Laura Gehlhaar hat ein Buch über ihr Leben als Rollstuhlfahrerin geschrieben.

Gehlhaar: Für mich ist das Internet der wichtigste Faktor für meinen Weg. Ich habe gesehen, dass ich nicht alleine mit meiner Behinderung bin. Das hat mir sehr viel Mut gemacht. Auf Twitter wollte ich eigentlich nur sonntags den "Tatort" kommentieren. Aber dann habe ich begonnen, kleine Begebenheiten aus meinem Alltag zu erzählen. Ich habe sehr viel positive Resonanz bekommen, von Behinderten und Menschen ohne Behinderung. Manche haben geschrieben, dass sie angefangen haben, über das Thema Behinderung nachzudenken. Das finde ich sehr wichtig. Und es tut mir gut.

In der Öffentlichkeit ist immer wieder davon die Rede, jemand sei "an den Rollstuhl gefesselt". In Ihrem Buch schreiben Sie, dass der Stuhl für Sie eine ganze andere Bedeutung hat.

Gehlhaar:
Der Rollstuhl steht als gesellschaftliches Symbol des Schreckens, er steht für Schmerz und Einschränkung. Mein Rollstuhl steht für Freiheit und Mobilität. Er ermöglicht es mir, arbeiten und einkaufen zu gehen - und das selbstständig. Rollstühle sind ganz anders als vor zehn Jahren: Sie sind maßgeschneidert und schick. Ich mag meinen Rollstuhl. Er sieht gut aus und macht, was ich will (lacht).

Buchtipp: Laura Gehlhaar: Kann man da noch was machen? Geschichten aus dem Alltag einer Rollstuhlfahrerin, München (Heyne) 2016. 9,99 Euro.

Twitter: @LauraGehlhaar