Das Trauma der Jesiden

Zwei Jahre nach dem Überfall des IS auf die Jesiden weinen und bangen die Menschen um ihre Familien
Mahia Haji (2. v.r.) und zwei ihrer Söhne im Flüchtlingscamp Ashti im Irak.

Foto: Sebastian Drescher

Mahia Haji (2. v.r.) lebt mit zwei ihrer Söhne im Flüchtlingscamp Ashti im Irak.

Im August 2014 fielen IS-Milizionäre in kurdische Städte im Irak ein und töteten systematisch Angehörige jesidischer Familien. Einige Jesiden konnten fliehen und leben heute in Flüchtlingscamps. Zwar gilt ihre Heimat als vom IS befreit, doch sie trauen sich nicht, zurückzugehen.

Im Frühsommer ist der kurdische Norden des Iraks wunderschön. Grüne Hänge, warme Luft, in der Ferne die Gipfel des Zāgrosgebirges. Nichts lässt an den Krieg und das Chaos denken, das nicht weit entfernt von hier tobt. Wären da nicht die vielen Checkpoints und die Flüchtlingscamps. In der Nähe der Landstraße in Richtung der kurdischen Stadt Sulaimaniyya liegt das Camp Ashti, was übersetzt Frieden bedeutet. Gleichmäßig reihen sich die sanitären Anlagen aus Backstein entlang der Schotterstraßen, große Tanks spenden Trinkwasser, die Stromkabel hangeln sich von Zelt zu Zelt. Staubig, trocken und ziemlich verlassen wirkt es. Hier wohnen rund 300 jesidische Familien, allesamt Überlebende eines Genozids.

Drinnen in einem der weißen Zelte schiebt Mahia Haji drei in Plastik verschweißte Fotos vor sich: "Das ist mein Mann, mein Sohn, und das hier meine kleine Tochter", sagt sie und stockt. "Ich weiß nicht, ob sie noch leben oder ob die Terroristen sie getötet haben." Sie weint und zieht ihr Kopftuch tiefer über ihr Gesicht. Zwei Söhne sind ihr geblieben, sie schmiegen sich schüchtern an sie, blicken zu Boden.

Jagd des IS auf religiöse Minderheiten

Das Zelt, wie alle, aus Holz und festen Planen, ist eine Art Versammlungsraum. Auf dem Boden liegen Teppiche, an der Wand hängen Tücher, in der Ecke läuft stumm ein kleiner Röhrenfernseher. Mimi Khaled, eine stämmige Frau mit dunklen Augen und warmem Händedruck, ist so etwas wie die Campsprecherin: "Ich will, dass die Leute da draußen erfahren, wie es uns geht", sagt sie zur Begrüßung.

Khaled ist die Ehefrau eines Priesters, die in der mündlich überlieferten Religion der Jesiden eine wichtige Rolle spielen, weil sie es sind, die den Glauben weitergeben. Im August 2014 fielen die Milizionäre des IS über Nacht in das Gebiet der religiösen Minderheit im Nordwesten des Iraks ein. Sie töteten oder verschleppten mehr als zehntausend Jesiden und schlugen noch mehr in die Flucht. Sowohl ihren Mann und als auch ihren Sohn hat Mimi Khaled seit dieser Nacht im Jahr 2014 nicht mehr gesehen. Jetzt versuche sie als Frau des Ältesten Verantwortung zu übernehmen.

Mimi Khaled zeigt Fotos ihres Sohnes und ihres Mannes.

Eine Kommission der Vereinten Nationen hat die Jagd der Islamisten auf die religiöse Minderheit der Jesiden inzwischen als Völkermord eingestuft. Der IS versuche die Jesiden als Bevölkerungsgruppe systematisch auszulöschen, weil er sie als Ungläubige ansehe, so das Urteil. Vor zwei Jahren war der Aufschrei über das Leid der Jesiden groß, die Solidarität auch. Deutschland und andere westliche Staaten schickten Notfallpakete und Soldaten, die seitdem die kurdischen Streitkräfte im Nordirak ausbilden. Heute ist die Region sicher, aber die Regionalregierung ist wegen einer handfesten Wirtschaftskrise mit der Unterbringung der Flüchtlinge finanziell überfordert. Auf rund 5,5 Millionen Einheimische kommen mindestens 2,5 Millionen Flüchtlinge. Die internationale Hilfe reicht gerade für das Nötigste.  

Anfangs sei die Versorgung noch okay gewesen, erzählt Khaled. Jetzt aber fehle es an Vielem: Kleidung, Hygieneartikel, Medikamente. Vor allem aber brauche es eine bessere ärztliche Versorgung. Es gebe zwar eine kleine Klinik auf der anderen Straßenseite, aber der Arzt dort komme nur drei Mal in der Woche und dann auch nur vormittags. Wer schwer krank werde, habe Pech gehabt. Eine der Frauen erzählt von ihrer Cousine, die am Herz operiert werden müsse, aber nicht wisse, wie sie die Behandlung in der Klinik in der nächsten größeren Stadt bezahlen soll. "Wir brauchen auch einen Zahnarzt oder einen Hautarzt. All das gibt es hier nicht", sagt Khaled.  

Das Flüchtlingscamp Ashti im Irak.

Etwas Unterstützung erhalten die Frauen von der deutsch-irakischen Organisation Wadi. Die setzt sich im Nordirak für die Rechte von Frauen ein und kämpft gegen die Genitalverstümmlung. Zwei Mal die Woche kommen die Sozialarbeiterinnen von Wadi ins Camp und hören sich bei den Frauen um, was gerade gebraucht wird, zudem beraten sie bei rechtlichen und gesundheitlichen Fragen. "Mehr können wir leider nicht tun, dafür fehlt uns das Geld", erklärt Shokh Mohammad von Wadi. Sie hofft, dass sie zumindest bald einen kleinen Spielplatz für die Kinder finanzieren können.

Mimi Khaled kramt aus einer einfachen Holzkiste ein weißes Stück Stoff. Hebt es schützend vor sich. Das T-Shirt habe sie getragen, als sie vor den Terroristen in das Sindschar-Gebirge geflohen sei, erzählt sie. Zeit, etwas einzupacken, hatte sie nicht. Zwei Wochen lang hielten sie sich in der kargen Bergregion versteckt – ohne Essen und mit nur wenig Wasser. "Ich musste mit ansehen, wie eine Mutter ihr Neugeborenes über eine Klippe stieß, weil sie ihm keine Milch mehr geben konnte", sagt Khaled. Dass sie, die Frau des Ältesten, damals nichts tun konnte, hat sie tief getroffen.

Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch haben dokumentiert, wie der IS Jesidinnen vergewaltigt, zwangsverheiratet und als Sexsklavinnen verkauft hat. Einigen von ihnen gelang die Flucht, andere konnten von Unterhändlern freigekauft werden. Die meisten sind schwer traumatisiert und müssen erst wieder in die jesidische Gemeinschaft integriert werden. Noch heute halten die IS-Milizen etwa 3.200 Frauen und Mädchen in Gefangenschaft. Die Frauen im Ahsti-Camp entkamen nur knapp einem ähnlichen Schicksal. Wie sehr die Angst und die Hilflosigkeit noch heute an ihnen nagen, ist fast mit den Händen zu greifen.

Während Khaled spricht, massiert sie immer wieder ihre Schulter, stemmt sich die Hand in den Rücken. Wenn sie an die zwei Wochen in den Bergen zurück denke, spüre sie einen ziehenden Schmerz im Kopf. "Manchmal tut mir mein ganzer Körper weh", sagt sie. Dass sie statt eines Zahnarztes eher einen Psychologen braucht, sagt Khaled nicht. Eine Traumatherapie könnte ihr und den anderen Frauen helfen. Aber solche Angebote gibt es hier kaum. Mit ihren Erlebnissen müssen sie alleine fertig werden. Dazu kommt die Ungewissheit darüber, was mit den zurückgebliebenen Männern, Vätern, Töchtern oder Söhnen geschehen ist.

Die Chancen, dass die Verwandeten noch leben, stehen nicht besonders gut. Als kurdische Truppen im vergangenen Herbst in die Region Sindschar vorrückten, stießen sie dort auf mehr als ein Dutzend Massengräber. Die Region gilt seitdem zwar als vom IS befreit, bislang sind aber kaum Jesiden zurückgekehrt. Ihre Heimat ist für sie verbrannte Erde, verbunden mit bösen Erinnerungen. Mimi Khaled hat die Bilder im Fernsehen gesehen; von der Stadt Sindschar und den anderen Dörfern, die nur noch Ruinen sind. "Wir wollen irgendwann zurück, aber jetzt noch nicht", sagt Khaled. Die zerstörten Häuser schrecken sie nicht ab. Die baut man schon irgendwie wieder auf. Etwas anderes braucht viel länger und ist viel schwieriger wieder herzustellen: Das Vertrauen, dass so etwas nie wieder passiert. 

"Ich will nur meine Familie wieder"

Sie wisse nicht, wer für ihre Sicherheit garantiere, sagt Khaled. Die Araber in den umliegenden Dörfern hätten sie damals nicht beschützt, sondern an den IS verraten. "Wie können wir da, ohne Sorge um unser Leben, zurückgehen?"

Und nach Europa? Auch das sei keine Option. Dafür fehlt das Geld. Und die Kraft für die illegale Flucht. Baden-Württemberg hat im Vorjahr 1.000 jesidische Frauen, die aus den Händen der Terrormiliz entkommen konnten, nach Deutschland geholt. Seitdem gibt es keinen legalen Weg mehr. Der Zentralrat der Jesiden hat die deutsche Bundesregierung jüngst dazu aufgefordert, zumindest die rund 5.000 Jesiden aufzunehmen, die in Griechenland gestrandet sind.

Mimi Khaled und den anderen Frauen bleibt nur, weiter auszuharren. Und zu hoffen, dass es irgendwie weiter geht. Kurz bevor wir aufbrechen wollen, schluchzt Mahia Haji plötzlich laut auf, als hätte sie die ganze Zeit über still geweint: "Ich will keine Hilfe. Nur, dass mein Mann, mein Sohn und meine kleine Tochter wieder kommen."