"Unsere Waffen sind Gottes Liebe und Gottes Wort"

Annika Noack-Ebeling predigt bei der wöchentlichen Versammung der Heilsarmee in Berlin-Friedenau.

Foto: Cornelius Wüllenkemper

Annika Noack-Ebeling predigt bei der wöchentlichen Versammung der Heilsarmee in Berlin-Friedenau.

"Unsere Waffen sind Gottes Liebe und Gottes Wort"
Bei der sonntäglichen "Versammlung" verzichtet die Heilsarmee auf Liturgie und Sakramente. Dafür gibt sie dem persönlichen Glaubenserlebnis und dem intimen Zwiegespräch mit Gott viel Raum. Für die Serie "Was glaubt ihr? evangelisch.de besucht Freikirchen" war Cornelius Wüllenkemper bei der Heilsarmee in Berlin-Friedenau.

"Guten Morgen, schön dass Ihr da seid!" Gutgelaunt eröffnet Anni Lindner am Palmsonntag die wöchentliche Versammlung der Heilsarmee in Berlin-Friedenau. In den nüchtern gestalteten Räumen des Heilsarmee-Korps in einem Hinterhaus an einer ruhigen Seitenstraße haben sich etwa 30 Gemeindemitglieder versammelt. In den Stuhlreihen sitzen Menschen im mittleren Alter, einige von ihnen tragen die Heilsarmee-Uniform, Alltagskleidung überwiegt. Hinter einer Glasscheibe betreut im Nebenraum eine Heilsarmee- Soldatin einige Kinder.

Nur ein einfaches Holzkreuz, ein Rednerpult, bescheidener Blumenschmuck, ein Kerzenständer und die rot-blaue Fahne der Heilsarmee deuten darauf hin, dass hier eine "Versammlung", ein Gottesdienst stattfindet. Eine Blechbläser-Kapelle spielt getragene Musik, bevor Anni Lindner ein freies Gebet spricht und "den Herrn in unserer Mitte" begrüßt.

Gebäude des Heilsarmee-Korps in Berlin-Friedenau.

Auf Sakramente oder eine feste Liturgie wird verzichtet, stattdessen der intime, persönliche Kontakt zu Gott, das unmittelbare Glaubenserlebnis in den Mittelpunkt gestellt. Gott als persönlicher Freund im Alltag. "Heute geht es um die Entscheidung. Bin ich ein Fan oder ein Nachfolger von Jesus?", fragt Lindner ins Mikrophon und schaltet gleich darauf einen Video-Beamer an. "Wir schauen erst einmal, wie Fangemeinden ihre Idole begrüßen". Der Einzug der siegreichen Fußballnationalelf auf der Fanmeile, ein Rockkonzert, Christen in einem Stadion in Ägypten, die "Jesus, Jesus!" skandieren.

"Wir sind Radikalos im Alltag"

Matthias und Anni Lindner leiten gemeinsam die Gemeinde in Berlin-Friedenau.
"Jesus ist unter uns, wir wollen ihn begrüßen wie die WM-Mannschaft", sagt Lindner, bevor sie ein weiteres Gebet spricht, das sich in persönlichem Ton direkt an Jesus wendet. Die Brass-Band setzt ein, die Gemeinde klatscht mit. Ein wenig erinnert die Szenerie an freikirchliche Glaubensgemeinschaften in den USA. Der Gottesdienst ist lebendig und interaktiv, die Besucher wollen den direkten Draht zu Gott spüren.

Seit knapp sieben Jahren ist die die 36jährige Anni Lindner Offizierin der Heilsarmee und leitet seit einiger Zeit gemeinsam mit ihrem Mann Matthias die Gemeinde in Berlin-Friedenau. Erstmals kam die gelernte Krankenschwester während der Flutkatastrophe in Dresden 2002 in Kontakt mit der Heilsarmee, als sie selbst ihr Haus verlassen wurde. Bald fühlte sich die heute sechsfache Mutter von Gott für den Dienst als Offizierin berufen. Sie brach ihr Studium der Religionspädagogik ab und begann gemeinsam mit ihrem Mann die Ausbildung zu Heilsarmeeoffizieren. "Man bezeichnet uns auch größtes stehendes Herr der Welt", erklärt Lindner, "aber wir sind eine friedliche Armee. Unsere Waffen sind Gottes Liebe und Gottes Wort." Als "vornehmstes Ziel" der Heilsarmee gilt offiziell "die sittliche Beeinflussung und Förderung aller Menschen durch Verbreitung der christlichen Religion und Lehre auf alleiniger Grundlage der Bibel" und die "praktische Anwendung des christlichen Gebotes der Nächstenliebe."

Einmal pro Woche fährt der rote Kastenwagen der Gemeinde in Berlin-Friedenau sozialen die Brennpunkte der Hauptstadt ab, die Bahnhöfe, das Kottbusser Tor in Kreuzberg oder den Alexanderplatz. Von Oktober bis Februar waren die Lindners täglich ab fünf Uhr morgens vor dem Berliner LaGeSo präsent, um die schlimmste Not der Flüchtlinge aus den Bürgerkriegsgebieten zu lindern. Gemeindeleitung ist ein Vollzeit-Job. "Wir sind Radikalos im Alltag", sagt Anni Lindner mit einem Lächeln. "Gott ist immer präsent, ich rede ständig mit ihm. Mein Glaube bestimmt meinen Alltag, auch in den kleinen Dingen. Es geht um Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Die Bibel ist meine Orientierung."

"Jesus zu folgen heißt, das Leben hinter sich zu lassen"

Heilsarmee-Mitglieder räumen der Bibel als direkte Inspiration Gottes, dem persönlichen Glaubenserlebnis und der Ergriffenheit vom direkten Kontakt zu Gott viel Platz ein. Auch die Musik spielt dabei eine wichtige Rolle. So auch an diesem Sonntag in Friedenau: In der Versammlung gehen Lieder und Gebete ineinander über, nach der Brass-Band spielt eine Gruppe aus Gitarre, Bass, Piano und Gesang eine ganze Reihe von Pop-Songs. Ein Dutzend Kinder wird nach vorne gebeten, wo sie die Songtexte gestisch nachspielen, bald setzt die ganze Gemeinde ein, lobt mit erhobenen Armen die Größe Gottes, bis die Kinder von einer Betreuerin zur "Sonntagsschule" ins Hinterhaus geführt werden.

In einer Versammlung der Heilsarmee muss man nicht nur sitzen und zuhören.

Die aktiven Gemeindemitglieder der Heilsarmee fühlen sich zur Hingabe individuell berufen, es geht um den direkten Kontakt zum Heiligen Geist, der sich in Träumen, Eingebungen oder Erweckungserlebnissen mitteilt. So auch bei der 22jährigen Annika, die heute, am so genannten "Kandidatensonntag", in ihrer ersten Predigt der Gemeinde berichtet, wann und wieso sie sich für eine Ausbildung zur Heilsarmee-Offizierin entschieden hat. "Ein Jahr lang wusste ich nicht, wohin mit mir und meinem Studium. Ständig habe ich Impulse von Gott gespürt. Ich wollte mein Leben nicht mehr nach den Maßstäben der Welt, sondern nach denen von Gott führen. Jesus zu folgen heißt, das Leben hinter sich zu lassen", sagt Annika und zitiert Bibelverse über die Abkehr von der Sünde.

Vor einem Jahr hat sie bei einem Gebet am Kandidatensonntag ein Kribbeln im Bauch gespürt. Danach wusste sie, dass sie jetzt die Entscheidung treffen musste, ihr Leben Gott zu widmen. Vor rund sechs Monaten hat die gebürtige Potsdamerin von Ernährungswissenschaften auf einen Masterstudiengang in Theologie umgesattelt, arbeitet nebenbei auf Minijob-Basis für die Gemeinde in Friedenau und wohnt mit ihrem Mann und ihrer Schwester im selben Haus. "Es ist auch eine familiäre Sache", denn schon Annikas Ur-Ur-Großmutter war Offizierin in der Heilsarmee.

"Nutzt die Zeit, um mit Gott über den Stand eurer Nachfolge ins Gespräch zu kommen", wendet sich nach Annikas Predigt Anni Lindner wieder an die Gemeinde. Besinnliche Musik aus dem E-Piano erklingt, die Gläubigen schließen die Augen, manche Knien auf dem Boden. Eine Frau um die Vierzig steht auf und geht zur "Bußbank" direkt vor dem Rednerpult, um zu beten. Lindner setzt sich an ihre Seite und legt ihren Arm um sie.

Die Geborgenheit in der Gemeinschaft, das Dasein füreinander, der unmittelbare Kontakt und das aktive Engagement für die Gemeinde und ihre Sozialarbeit gelten mehr als rituelle Glaubenssymbole. "Wir vertrauen auf den gesunden Menschenverstand und die Gaben des Heiligen Geistes", erklärt Anni Lindner. Nach der Besinnungszeit setzt noch einmal die Brass-Band ein, die Versammlungsbesucher wippen mit. Anni Lindner kündigt eine Gemeinde-Aktion mit Mittagessen für 1,50 Euro an, spricht ein Segensgebet und lädt zu Kaffee und Kuchen in den Nebenraum.

Infos zur Serie
Warum gibt es so viele evangelische Freikirchen in Deutschland? Wo kommen sie her, was glauben sie? evangelisch.de stellt in der Serie "Was glaubt ihr? evangelisch.de besucht Freikirchen" 16 Glaubensgemeinschaften vor.

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