Homosexuelle und Evangelikale: Wir müssen reden!

Kommentar

Illustration: evangelisch.de/Simone Sass

Homosexuelle und Evangelikale: Wir müssen reden!
Mit Michael Diener ist ein Evangelikaler in den Rat der EKD gewählt worden, der "praktizierte Homosexualität" ablehnt. Eine gute Wahl, findet Anne Kampf: Denn die verschiedenen Lager in der evangelischen Kirche müssen miteinander reden.
Als Michael Diener Anfang November in den Rat der EKD gewählt wurde, gab es prompt scharfe Kritik, zum Beispiel auf queer.de und auf Facebook: Einen "Homo-Heiler" im Leitungsgremium der Evangelischen Kirche in Deutschland wollen viele nicht. Diener ist Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes und ehrenamtlicher Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz. Und es stimmt, er schrieb in seinem Präsesbericht 2014 klipp und klar: "Unser Verständnis der Schrift führt zu einem negativen Urteil über praktizierte Homosexualität." Diener empfiehlt Enthaltsamkeit und kann sich nicht vorstellen, dass Homosexuelle in den Gemeinschaften des Gnadauer Verbandes hauptamtlich mitarbeiten; auch Segnungen lehnt er ab.
 
 
Natürlich kann diese Haltung gleichgeschlechtlich liebenden Christinnen und Christen nicht passen, genauso wenig wie den Landeskirchen, die sich schon geöffnet haben, die Segnungen erlauben und gleichgeschlechtlicher Liebe denselben Wert zusprechen wie der Mann-Frau-Beziehung. Vieles ist auf einem guten Weg in der evangelischen Kirche. Ein Vertreter der Evangelikalen im Rat der EKD kann und wird diese Entwicklung allerdings nicht stören. Im Gegenteil.

Polemik nützt niemandem

Es ist gut, dass Michael Diener in den Rat gewählt wurde. Er vertritt dort die pietistischen und evangelikal geprägten Christinnen und Christen, die es nun einmal in unseren Landeskirchen gibt. Er wurde gewählt, um ihnen eine Stimme zu geben. Zum Glück, denn wer eine Stimme hat, kann sich artikulieren und diskutieren.
 
Was jetzt überhaupt niemandem hilft, ist Konfrontation: Immer wieder darauf hinzuweisen, wie homophob die Evangelikalen doch seien, eine Distanzierung der EKD zu fordern, einfach nur "Homo-Heiler" zu rufen – solche Polemik nützt niemandem, am wenigsten übrigens pietistisch-evangelikal geprägten Homosexuellen (ja wirklich, die gibt es auch!).
 
 
Der Weg der verbalen Abrüstung ist nötig – und er ist schon beschritten. Aufeinander zugehen, leise sprechen, dafür ist Michael Diener genau der Richtige: Er sieht sich selbst als Brückenbauer und wird auch von anderen so gesehen. Auf allen Ebenen – im Rat der EKD, in der Synode, in den Landeskirchen, in den Gemeinden und in persönlichen Beziehungen – sollte das der Anlass sein, dass Protestanten mehr miteinander und weniger übereinander reden. Sie sollten auch wahrnehmen, dass es bei den unterschiedlichen Bibelauslegungen zur Homosexualität nicht nur schwarz-weiß gibt, sondern ganz viele Zwischentöne – und auch Zweifel.

Es geht nicht um absolute Wahrheit

Es lohnt sich, den Präsesbericht des Theologen Michael Diener ganz zu lesen. Er schreibt darin sinngemäß auch, es könne durchaus passieren, dass die Evangelikalen am Ende merken, dass sie sich mit ihrer Bibelauslegung zur Homosexualität geirrt haben (S. 24): "Wir sollten unter uns das heilige Erschrecken darüber nicht verlieren, dass der jeweils Andersdenkende der sein könnte, welcher in einer Sachfrage die biblische Wahrheit letztlich auch für mich bewahrt."
 
In der aktuellen Situation geht es nicht (mehr) um die Suche nach der absoluten Wahrheit und darum, wer mit seiner Position Recht hat. Sondern es geht darum, was getan werden kann, damit sich gleichgeschlechtlich Liebende in den Gemeinden nicht ausgegrenzt fühlen. Was jetzt hilft, ist, sich an viele gemeinsame Tische zu setzen, einander als Christenmenschen wahrzunehmen und anzunehmen – Evangelikale und Liberale, Homo- und Heterosexuelle. Zuhören, was die anderen am Tisch zu sagen haben und verstehen, wie sie sich mit ihrer Frömmigkeit und ihrem So-Sein fühlen.
 
Hinter der medialen Kulisse gibt es bereits solche Gespräche: Die Initiative Zwischenraum hat vor einigen Jahren damit begonnen, leitende Personen aus evangelikalen Gemeinden einzuladen, die bereit sind, sich gegenüber Homosexuellen zu öffnen. Diese so genannten Querdenker brauchen Rückhalt und Unterstützung. Offene Begegnungen sind dafür der richtige Weg. Und diesen Weg kann der Rat der EKD jetzt umso besser mitgehen, da ein wichtiger Vertreter der Evangelikalen dazugehört.
 
Michael Diener, Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbands, über seine Rolle in der EKD-Synode und darüber, was Homosexuelle von ihm erwarten können (Video vom 2. Mai 2015).

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