TV-Tipp: "Tatort: Der Inder" (ARD)

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

TV-Tipp: "Tatort: Der Inder" (ARD)
TV-Tipp: "Tatort: Der Inder" (ARD) am 21. Juni um 20:15
Mit diesem Film beweist der SWR großen Mut; so unverblümt setzen sich sonst nur die ZDF-Reihe „Unter Verdacht“ und gelegentlich der „Tatort“ des Bayerischen Rundfunks mit unheiligen Allianzen aus Politik und Wirtschaft auseinander.

Niki Stein (Buch und Regie) nennt hier Ross und Reiter. Dieser "Tatort" ist zwar nicht der erste Krimi aus Stuttgart, in dem es um Korruption bei großen Bauprojekten geht, aber "Der Inder" behandelt konkret das Thema Stuttgart 21. Dennoch ist der Film in erster Linie ein Krimi: Nach der Ermordung eines früheren Staatssekretärs durch einen Profikiller gerät sogar der ehemalige Ministerpräsident ins Visier der Ermittler.

Mindestens so reizvoll wie der Stoff (und nicht minder mutig) ist Steins komplexe Erzählstruktur. Als wäre die Geschichte nicht ohnehin schon kompliziert genug, hüpft der Film fortwährend zwischen verschiedenen zeitlichen Ebenen hin und her, um auf diese Weise Stückchen für Stückchen das gesamte Bild entstehen zu lassen; auch wenn die Handlung dadurch zunächst eher noch unübersichtlicher wird.

Vordergründig geht es für die beiden Kommissare Lannert und Bootz (Richy Müller, Felix Klare) natürlich darum herauszufinden, wer den Tod des Politikers in Auftrag gegeben hat; aber von nicht minder großer Bedeutung ist die Arbeit eines Untersuchungsausschusses, der versucht, den Sumpf aus Filz und Korruption, den die abgewählte Landesregierung hinterlassen hat, trockenzulegen.

Stein (zuletzt "Dr. Gressmann zeigt Gefühle"), der für den SWR unter anderem "Rommel" sowie das Scientology-Drama "Bis nichts mehr bleibt" gedreht hat, gehört seit über zwanzig Jahren zur "Tatort"-Familie. Er war als Autor Schöpfer der Kommissare aus Köln und hat 2002 mit einer herausragenden Trilogie das Frankfurter Team Dellwo/Sänger eingeführt. Sogar in seiner illustren Filmografie aber nimmt "Der Inder" einen besonderen Stellenwert ein, zumal die Geschichte fast zu groß für die vergleichsweise bescheidenen Mittel eines Sonntagskrimis ist.

Der Reiz liegt in der Dramaturgier

Deshalb wartet der Film auch nicht mit wuchtigen Bildern auf, selbst wenn die narrative Struktur zur Folge hat, dass die Schauplätze ständig wechseln. Es gibt zwar durchaus Szenen, für die vermutlich ein gewisser logistischer Aufwand nötig war, darunter eine nächtliche Demo sowie das Finale am Bahnhof, aber neben dem Sujet liegt der Reiz dieses "Tatorts" vor allem in der Dramaturgie.

Davon abgesehen sind Steins Filme stets auch deshalb sehenswert, weil er die Schauspieler zu essenziellen Leistungen führt: Abgesehen von Ulrich Gebauer, der als volksnaher Politiker schwäbeln und poltern darf, sind die Darbietungen extrem reduziert. Interessanteste Figur ist der Mann, der bei dem Wirtschaftsskandal neben einem vermeintlichen Investor aus Indien die zentrale Rolle gespielt hat. Bei einem anderen Darsteller hätte dieser keineswegs unsympathischer Architekt, der als Freigänger in Stammheim einsitzt, womöglich wie das Bauernopfer der Geschichte gewirkt. Verkörpert wird er allerdings von Thomas Thieme, der schon allein mit seiner eindrucksvollen physischen Präsenz verhindert, dass man diesen Busso von Mayer bloß für einen Mitläufer hält. Deshalb ist der Architekt nicht nur für die großen, sondern auch für kleinen Wahrheiten zuständig, die vielen Stuttgartern nicht gefallen werden.

Ähnlich durchdacht wie die Figuren ist die Bildgestaltung. Stein, dessen Filme sonst fast immer von Arthur W. Ahrweiler fotografiert werden, arbeitet hier erstmals mit Stefan Sommer zusammen. Die Bildsprache ist abwechslungsreich und steht ebenfalls im Dienst der Geschichte: Mal sorgt eine agile Handkamera dafür, dass man mitten im Geschehen ist, mal vermitteln gerissene Schwenks die aggressive Stimmung im Untersuchungsausschuss. Die Musik von Steins Stammkomponist Jacki Engelken ist stilistisch ebenso vielfältig und trägt ihren Teil dazu bei, die Ebenen kunstvoll miteinander zu verknüpfen.

Mehr zu TV-Tipp
Thriller beginnen dieser Tage gern mit einem Ausrufezeichen: Held oder Heldin schweben in größter Gefahr, dann folgt eine Einblendung à la "Drei Wochen zuvor".
Die gern auf Fällen aus seiner Praxis als Strafverteidiger beruhenden Geschichten von Ferdinand von Schirach kreisen in der Regel um die beiden Schlüsselbegriffe Recht und Gerechtigkeit.

Wohltuend ist zudem zur Abwechslung der komplette Verzicht auf das Privatleben der Polizisten. Zuletzt durfte der geschiedene Bootz ein bisschen viel in Selbstmitleid baden; dafür ist diesmal angesichts der Ermittlungen rund um die Uhr ohnehin keine Zeit. Trotzdem gibt es Muße für Beiläufigkeiten wie die Ibsen- und Heine-Zitate des Gerichtsmediziners oder die Zigarillos, die der Architekt vom Aufseher schnorrt. Für die Handlung sind sie nicht wichtig, für die Atmosphäre sehr wohl. Außerdem gibt es auf diese Weise keinerlei Leerräume; im Grunde müsste man den Film gleich noch mal von vorn anschauen, um neben dem großen Ganzen auch die Liebe zum Detail würdigen zu können.