Historiker: Martin Luther war ein "Raufbold"

Kunststoffwürfel zu dem Werk "Martin Luther" von Lucas Cranach

Foto: dpa/Sebastian Kahnert

Es dürfen nicht nur die genehmen Seiten von Martin Luther ins Licht gesetzt werden, mahnt Historiker Heinz Schilling.

Historiker: Martin Luther war ein "Raufbold"
Der Berliner Historiker Heinz Schilling hat davor gewarnt, beim Reformationsjubiläum 2017 die dunklen Seiten Martin Luthers auszublenden.

Der Reformator habe den "Charakter eines Raufboldes" gehabt, sagte Schilling am Samstag beim evangelischen Kirchentag in Stuttgart. Die Protestanten müssten akzeptieren, dass diese dunklen Seiten des Reformators die notwendigen Voraussetzungen für die Reformation gewesen seien.

Mit seinem Thesenanschlag an die Schlosskirche zu Wittenberg im Jahr 1517 setzte Luther den Ausgangspunkt der Reformation. Der 500. Jahrestag soll in Wittenberg und weltweit groß gefeiert werden. Zahlreiche Veranstaltungen bereiten im Rahmen der Lutherdekade derzeit auf das Jubiläum vor.

Schilling, der eine vielbeachtete Lutherbiographie vorgelegt hat, mahnte an: "Wenn wir Luther in seiner Zeit verstehen, wird deutlich, dass der Reformator kein moralleitendes Vorbild mehr sein kann". Daher ließen sich die Schattenseiten des Reformators nicht "mit einem Aschenbrödelverfahren aus der Welt schaffen", bei dem die genehmen Seiten ins Licht gesetzt, die negativen Seiten aber ausgeklammert würden. Luther steht heute unter anderem wegen seines Antisemitismus in der Kritik.



Die katholische Theologin Dorothea Sattler hob die Bedeutung Luthers für die Katholiken hervor. "Katholiken können Luther feiern, denn seine Theologie hat die katholische Kirche bereichert", sagte die Direktorin des Ökumenischen Instituts der Katholisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Martin Luther sei katholisch gewesen, "katholisch meint aber nicht römisch-katholisch", fügte sie hinzu.

Sattler betonte, an vielen Orten seien Katholiken bereit, sich vorbehaltlos dem Lebenswerk Luthers anzunähern. Es mache keinen Sinn, Martin Luther die Äußerungen vorzuhalten, "die auch der römisch-katholischen Tradition nicht fremd sind: der Antisemitismus, die mangelnde Sensibilität für soziale Konflikte, rigorose Standpunkte einfach aus Prinzip". Auch in den Versuchungen, denen Martin Luther erlegen sei, sei er katholisch gewesen, sagte sie.

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