Protestanten in Kambodscha: "Es sind Einheimische, die Kirchen gründen"

Christen in Kambodscha: Arun Sok Nhep

Arun Sok Nhep, Chef der Bibelgesellschaften von Kambodscha, Vietnam und Laos. Foto: Michael Lenz

Protestanten in Kambodscha: "Es sind Einheimische, die Kirchen gründen"
Christen in Kambodscha 40 Jahre nach den Roten Khmer
Vor genau 40 Jahren, am 17. April 1975, rissen in Kambodscha die Roten Khmer die Macht an sich, vertrieben und ermordeten Hunterttausende. Auch Christen waren davon betroffen. Bis heute ist die Zahl evangelischer Kambodschaner wieder auf rund 300.000 gestiegen. Die Älteren unter ihnen wünschen sich mehr Zusammenhalt unter den verschiedenen Gemeinden.

"Ich war Soldat in der Armee von General Lon Nol. Am 16. April 1975 wurde mir befohlen, mit einem Trupp von 20 Mann zu einem General außerhalb von Phnom Penh durchzustoßen. Die Stadt war schon von den Roten Khmer eingeschlossen. Es wurde gekämpft. Überall lagen Leichen. Rote Khmer, Regierungssoldaten, Zivilisten und Kinder. Es war die Apokalypse." So erlebte der evangelische Christ Arun Sok Nhep, damals 18 Jahre alt und neben dem Armeedienst Student, die letzten Stunden von Phnom Penh vor der Eroberung durch die Roten Khmer vor 40 Jahren am 17. April 1975.

Am 17. April, ihrem ersten Tag an der Macht, vertrieben die Roten Khmer die Bevölkerung von Phnom Penh. "Wir wussten nicht, wohin wir sollten. Jeder marschierte einfach los. Alle paar Meter lagen Tote", erinnert sich der trotz seiner 58 Jahre jugendlich wirkende Arun Sok Nhep bei Cappuccino und Mandelcroissant in einem Café in Phnom Penh.

Der heutige Chef der Bibelgesellschaften der mehrheitlich buddhistischen Länder Kambodscha, Vietnam und Laos und Berater der United Bible Society flüchtete damals nach Vietnam. "Gleich nach der Machtübernahme wurden die Beamten und Offiziere von Lon Nol verhaftet und umgebracht. Wir wussten, dass Studenten und die Intellektuellen als nächste dran waren." In Vietnam wurde er verhaftet und nach Laos deportiert, wo er 1977 ein Visum für Frankreich und von einer christlichen Hilfsorganisation das Flugticket erhielt. In Frankreich arbeitete Arun Sok Nhep in einer Autofabrik, studierte Theologie und kehrte 1993 als ordinierter Pastor nach Kambodscha zurück.

Christ war Arun Sok Nhep schon ein Jahr vor der Machtergreifung der Roten Khmer geworden. "Ich fand den Krieg furchtbar, fragte mich, wie Buddhisten sich gegenseitig töten könnten. Ich begann eher zufällig in der Bibel zu lesen und war nach einer Weile ergriffen von dieser machtvollen Erfahrung. Ich war auf der Suche nach einem Gott jenseits von Religion."

"Wir waren in Phnom Penh vielleicht 20 Christen"

Die Tuk-Tuk-Fahrt zum Büro der Evangelical Fellowship Cambodia (EFC) in der Nähe des Mao-Tse-Tung-Boulevard geht ruckzuck. Die Straßen sind leer. Es ist Khmer Neujahr und die Einwohner von Phnom Penh sind zu ihren Familien aufs Land gefahren. Trotz der Feiertage nimmt sich Reverend Heng Cheng die Zeit, über den Wiederaufstieg der evangelischen Kirchen in Kambodscha nach der Herrschaft der Roten Khmer zu sprechen.

Heng Cheng war vor den Roten Khmer nach Vietnam geflohen, wurde Soldat, kehrte nach dem Sturz von Rote-Khmer-Diktator Pol Pot nach Kambodscha zurück, wo er am Wiederaufbau seiner Heimat mitwirken wollte. "Vor die Frage gestellt, ob ich in die Politik gehen oder bei der Religion bleiben soll, habe ich mich für die Religion entschieden", sagt der heute 65 Jahre alte Spross einer christlichen Familie, Mutter Khmer und Vater sind Chinesen. Diese Entscheidung war ein Glücksfall für das kambodschanische Christentum im allgemeinen und die evangelischen Kirchen im besonderen.

Obgleich mit dem portugiesischen Dominikanerpater Gaspar da Cruz die römisch-katholische Kirche bereits 1555 nach Kambodscha kam, ist das Christentum bis heute eine Minderheitsreligion, der nur rund zwei Prozent der 15 Millionen Kambodschaner angehören. Katholisch sind fast ausschließlich die schlecht angesehene Minderheiten der Vietnamesen und die ebenso wenig gelittenen französischen Kolonialherren. Der Protestantismus war 1923 durch US-amerikanische Missionare ins Land gekommen, deren Missionsarbeit aber nicht sonderlich erfolgreich war. "Das Christentum wurde mit Amerika oder Frankreich assoziiert, also mit Mächten, die nicht besonders gelitten waren", erzählt Heng Cheng.

Von den 2000 bis 3000 Christen, die vor der Machtübernahme der Roten Khmer in Kambodscha lebten, waren die meisten nach dem Ende des Terrorregimes im Januar 1979 entweder tot oder geflüchtet. "Wir waren in Phnom Penh anfangs vielleicht 20 Christen", erinnert sich Heng Cheng. "Aber wir wussten, es musste noch mehr geben. Also machten wir uns auf die Suche. Das war nicht einfach. Unter den Vietnamesen konnten die Christen nur im Untergrund leben. Wissen Sie, wie wir unsere Glaubensgenossen gefunden haben? Wir haben darauf geachtet, wer sich nicht an die buddhistischen Bräuche gehalten hat. Wenn es zum Beispiel in einem Geschäft keinen buddhistischen Hausaltar gab, lag die Vermutung nahe, dass es Christen sein mussten. Die Bibel konnten wir nur verbreiten, in dem wir Seiten rausrissen, und Andachten nur an wechselnden geheimen Orten abhalten."

Zwischen Zusammenarbeit und Abgrenzung

Heute liegt die Zahl evangelischer Kambodschaner bei rund 300.000. Jedenfalls nach Auskunft von Heng Cheng, Generalsekretär der von ihm gegründeten EFC, der 85 Prozent aller protestantischen Kirchen des Königreichs angehören. Für das fulminante Comeback führen Heng Cheng und Arun Sok Nhep viele Gründe an. Dass die Politpropaganda Kirchen nicht mehr verteufelt, ist einer. Ein anderer, dass im heutigen Kambodscha, das sich mit Demokratie und Menschenrechte sonst sehr schwer tut, weitgehend Religionsfreiheit herrscht. Auf eines aber sind die beiden 'Kirchenväter' besonders stolz: "Es sind Einheimische, die Kirchen gründen, nicht Missionare aus dem Ausland."

Ein weiterer Grund für die Hinwendung zu Christentum ist in eben dieser jüngeren Geschichte Kambodschas zu finden. "In der Erfahrung des Leids unter den Roten Khmer als auch in den Flüchtlingslagern in Thailand bot das Christentum Hoffnung und Erlösung. So waren es in gewisser Weise ausgerechnet die Roten Khmer, die die Saat für eine kambodschanische Kirche gelegt haben", sagt Heng Cheng mit einem Lächeln.

Sowohl Heng Cheng und Arun Sok Nhep sind darauf bedacht, westliche Kirche und kambodschanische Kultur miteinander zu versöhnen. "Die Bibel und die Liturgie müssen unsere Kultur reflektieren", sagt Arun Sok Nhep. Der Mann weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig das ist, ohne die Kernbotschaft des Christentums zu verlieren. "Viele Wörter in unserer Sprache stammen aus dem Buddhismus und Hinduismus. Wir müssen uns vor Synkretismus hüten", warnt Arun Sok Nhep. Deswegen ist die überkonfessionelle Zusammenarbeit unter den Christen wichtig: "Wir konnten nur gemeinsam das Christentum zu neuem Leben erwecken", sagt Heng Cheng.

Ein Beispiel für diese Zusammenarbeit ist die gemeinsame Übersetzung der Bibel durch Arun Sok Nhep und den katholischen Pater François Ponchaud. Pater Ponchaud lebt seit 1965 in Kambodscha, abzüglich der Jahre unter den Roten Khmer und den Vietnamesen. Er erlebte den Aufstieg und die Machtergreifung der Roten Khmer. Sein 1977 erschienenes Buch "Cambodge année zéro" war eine der allerersten Veröffentlichungen über die wahre Natur des mörderischen Regimes.

"Nur Gott allein weiß, wer wirklich Christ ist"

Heute im Jahr 2015 plagen die Protestanten in Kambodscha ein paar Sorgen. Bei der einen geht es um die Vielfalt und mangelnde Kooperation innerhalb des Protestantismus. "In so manchen Orten existieren heute evangelische Kirchen nebeneinander, ohne dass es einen Dialog gibt. Es scheint so, dass die jüngere Generation nicht mehr versteht, wie wichtig es ist, vereint zu sein", sagt Heng Cheng. Arun Sok Nhep ist verärgert über die südkoreanischen Missionare, die in Kambodscha aggressiv und mit viel Geld aktiv sind. "Das ist ein neo-kolonialistisches Verhalten. Wir wollen, dass sie die Kultur der Khmer respektieren."

Der vielleicht prominenteste Konvertit zum Christentum ist ausgerechnet ein ehemaliger Roter Khmer. Kang Kek Eav, der besser unter seinem Kampfnamen Duch, war Direktor des Foltergefängnisses Tuol Sleng. Mehr als 14.000 Menschen kamen in Tuol Sleng ums Leben. Das Rote Khmer Tribunal verurteilte 2012 den heute 67-jährigen Duch zu lebenslanger Haft. Auf Bitten des Tribunals besuchte Heng Cheng Duch im Gefängnis. "Ich sollte feststellen, ob er wirklich Christ geworden ist. Aber wie kann man das prüfen? Nur Gott allein weiß, wer wirklich Christ ist."