"Für mich da": Haben Sie am Dienstag schon was vor?

Serie Mein Pfarrer, Dieter Junker, Cochem

Foto: Dieter Junker

Rüdiger Lancelle in der evangelischen Kirche in Cochem

"Für mich da": Haben Sie am Dienstag schon was vor?
Wegbereiter, Lebensbegleiter, Impulsgeber oder wichtige Stütze in schwerer Zeit: Für viele Menschen sind Pfarrerinnen und Pfarrer mehr als einfach nur Prediger. In unserer Pfarrerserie "Für mich da" erzählen wir von besonderen, prägenden oder einfach guten Beziehungen zwischen "Hirten" und ihren "Schäfchen". Rüdiger Lancelle hat durch Pfarrer Gerd Graf aus Cochem eine Heimat in der Kirche gefunden.

In Cochem und an der Mosel ist er eine Institution, und für viele ist er das Gesicht der Protestanten: Rüdiger Lancelle. Wie mit kaum einem anderen verbinden die Menschen in der Region mit ihm die evangelische Kirche, aber auch diakonisches und ökumenisches Engagement. Mehr als 40 Jahre war er Mitglied des Presbyteriums der örtlichen Kirchengemeinde, lange Jahre auch dessen Vorsitzender. Er gehörte bis zum Erreichen der Altersgrenze dem Kreissynodalvorstand des Kirchenkreises Koblenz an, war Mitglied der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland, seit 1973 zudem ordinierter Prädikant.

"Dass dies alles so gekommen ist, habe ich dem damaligen Cochemer Pfarrer Gerd Graf zu verdanken. Für mich war er immer ein großes Vorbild. Und ohne ihn hätte ich wohl kaum den Weg in die Kirche gefunden", sagt Rüdiger Lancelle heute.

Denn als er 1967 als junger Realschullehrer an die Mosel kam, sah es wirklich nicht danach aus, als würde er einmal die evangelische Kirche in dieser Region so nachhaltig prägen. "Ich war damals unkirchlich, nach meiner Konfirmation hatte ich den Kontakt zur Kirche völlig verloren", erzählt Lancelle. In Wuppertal aufgewachsen, wurde er in Kriegszeiten getauft, "von einem Kriegspfarrer, wie es auch in meiner Taufurkunde noch verzeichnet ist", sagt er schmunzelnd. Später sang er in einem evangelischen Knabenchor und erhielt bei Auftritten immer wieder seinen Nachweis für den sonntäglichen Gottesdienstbesuch. "Ansonsten hab ich an den Konfirmandenunterricht keine besonderen Erinnerungen. Geprägt hat er mich jedenfalls nicht", sagt er rückblickend.

Gebratene Leber mit Rotkraut und Apfelringen

Rüdiger Lancelle begann ein Studium an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt. Hier engagierte er sich im "Sozialistischen Deutschen Studentenbund" (SDS), 1960 wechselte er an die Freie Universität Berlin, wo er der erste "Bürgermeister des Studentendorfes Schlachtensee" im Südwesten Berlins wurde. Mitte der 1960er Jahre ging er wieder zurück an die Uni in Frankfurt, um Realschullehrer für Mathematik und Biologie zu werden, 1967 bekam er eine Stelle an der neu gegründeten Realschule in Cochem.

Führerscheinfoto von Rüdiger Lancelle 1971
Nach dem Studentenleben im Großstadtumfeld nun an die beschauliche Mosel. "Das war schon ein ziemlicher Kulturwechsel", meint Rüdiger Lancelle. Plötzlich war Anzug Pflicht, vom Landrat wurde er gemaßregelt, weil er als Lehrer auf dem Marktplatz in Cochem ein Eis schleckte. "Hier war damals vieles doch sehr anders, daran musste ich mich erst gewöhnen."

Kurz nach seiner Ankunft in Cochem erhielt Lancelle Post. "Ich fand eine Einladung des evangelischen Pfarrers zum Mittagessen in meinem Briefkasten", erinnert er sich. "Pfarrer Graf meinte damals, ein evangelischer Lehrer hier in unserer Stadt, das ist ein wahrer Diamant", so Lancelle. Jedenfalls wollte der Pfarrer den jungen Lehrer kennenlernen, und auch ihm kam die Einladung durchaus passend. "Sowas lässt sich ein Junggeselle doch gerne gefallen", erzählt Lancelle schmunzelnd.  Und so saß er dann am nächsten Dienstag im Pfarrhaus in Cochem bei gebratener Leber mit Rotkraut, Apfelringen und Kartoffelbrei.

Auf dem Heimweg zermarterte sich Rüdiger Lancelle den Kopf, wie er sich für diese Einladung revanchieren könnte. "Den Pfarrer in meine kleine Bude einladen, das war nicht möglich. Ich entschied, dann gehst du am Sonntag in die Kirche", beschloss er. Gesagt, getan. Am Sonntag saß er in der Kirchenbank und hörte die Predigt von Pfarrer Graf über eine Bibelstelle aus den Paulus-Briefen. "Gerd Graf war ein begnadeter, faszinierender Prediger, ich war gefesselt", erinnert er sich noch heute an dieses Erlebnis. Nach dem Gottesdienst stand Pfarrer Graf am Kirchenportal, bedankte sich bei Rüdiger Lancelle für den Gottesdienstbesuch und fragte: "Haben Sie denn am Dienstagmittag schon was vor…?"

"Ich verspüre große Hochachtung vor diesem Mann"

Und so kam es, dass dienstags Rüdiger Lancelle im Pfarrhaus speiste, sonntags er dann in der Kirche saß. "Am Dienstag gab es die leibliche, am Sonntag die geistliche Kost", sagt er heute dazu schmunzelnd. Das sollte sein Leben verändern. "Ich war immer wieder begeistert, wie Pfarrer Graf Bibeltexte auslegte und mir so den Glauben näher brachte", so Lancelle.

Pfarrer Gerd Graf
Er begann, im Kirchenchor mitzusingen, 1972 wurde er gefragt, ob er nicht Presbyter werden wollte. Und als 1973 im Kreissynodalvorstand ein Platz frei wurde, schlug Pfarrer Gerd Graf den Lehrer aus Cochem vor. Da die Kirchengemeinde Cochem mit 2000 Evangelischen in 77 Dörfern von einer Diaspora-Situation geprägt war und Pfarrer Graf als Prediger Entlastung suchte, wurde Lancelle zudem im gleichen Jahr Predigthelfer. Ordiniert hat ihn Pfarrer Graf. "Er war damals Mentor und Vorbild für mich, und das kinderlose Pfarrersehepaar kümmerte sich rührend um den jungen Lehrer", erzählt er im Rückblick.

Pfarrer Graf, der aus dem Bergischen Land stammte, blieb bis 1983 in der Kirchengemeinde Cochem. Auch danach riss der Kontakt zwischen Rüdiger Lancelle und Gerd Graf nicht ab, sie trafen sich immer wieder, bis Gerd Graf im August 2006 im Alter von 88 Jahren in einer Senioreneinrichtung in Vallendar verstarb. "Ich verspüre noch heute eine große Hochachtung vor diesem Mann, der ein ungeheures Arbeitspensum als Gemeindepfarrer, als Seelsorger, aber auch im Kirchenkreis an den Tag legte", sagt Rüdiger Lancelle. "Ohne ihn wäre mein Leben vielleicht völlig anders verlaufen. Und dass die evangelische Kirche für mich zu einem großen Stück Heimat geworden ist und die Gemeinde vor Ort sogar so etwas wie meine Familie, wo ich mich wohlfühle, daran hat Pfarrer Gerd Graf einen ganz großen Anteil."

Infos zur Serie
Wegbereiter, Lebensbegleiter, Impulsgeber oder wichtige Stütze in schwerer Zeit: In unserer Pfarrerserie "Für mich da" erzählen wir von besonderen, prägenden oder einfach guten Beziehungen zwischen "Hirten" und ihren "Schäfchen".

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