Fünf Jahre danach: Missbrauchs-Betroffene dringen auf unabhängige Aufklärung

Fünf Jahre ist es her, dass das ganze Ausmaß sexueller Gewalt gegen Mädchen und Jungen durch Priester, Pfarrer oder Lehrer ans Licht kam. Jahrzehntelang war nur geschwiegen und vertuscht worden. Das ist heute besser - aber gut ist noch lange nichts.

Fünf Jahre nachdem das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in Kirchen, Internaten und anderen Institutionen in Deutschland bekanntgeworden ist, setzen die Betroffenen auf eine unabhängige Aufklärungs-Kommission. Gemeinsam mit dem Missbrauchsbeauftragten Johannes-Wilhelm Rörig erinnerten sie am Montag in Berlin an die jahrzehntelange Vertuschung der Verbrechen und forderten die unabhängige Aufarbeitung, mehr Hilfen und Entschädigungs-Zahlungen.

Rörig sagte, er rechne damit, dass eine Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs Anfang 2016 ihre Arbeit aufnehmen könne. Der Bundestag will darüber an diesem Freitag auf Antrag von Union und SPD beraten. Rörig forderte eine ausreichende Finanzierung und mehr Anstrengungen zur Vorbeugung. Solange nicht alles getan werde, um sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen zu verhindern, bleibe Missbrauch ein gesellschaftlicher Skandal.

Entschädigungsfrage sei zu klären

Eine unabhängige Aufarbeitungs-Kommission zählt zu den zentralen Forderungen der Betroffenen. Der frühere Leiter des vom Jesuitenorden geführten Canisius-Kollegs in Berlin, Pater Klaus Mertes, unterstützte die Forderung und sagte, auch über Entschädigungen müsse in der Kommission verhandelt werden. Mertes räumte ein, dass die Zahlungen der Jesuiten an die Opfer "ein ärmliches Zeichen", gleichwohl "aber ein Zeichen" seien. Der Jesuitenpater war Ende Januar 2010 mit den Missbrauchsfällen in seiner Schule an die Öffentlichkeit gegangen. Die Folgen stürzten die katholische Kirche in eine tiefe Krise. Mertes ist heute Schulleiter des Jesuiten-Internats St. Blasien im Südschwarzwald.

Als Vertreter von Betroffenen waren Matthias Katsch vom Eckigen Tisch der Missbrauchsopfer an Jesuitenschulen, der Vorsitzende des Vereins "Glasbrechen" von ehemaligen Schüler der Odenwaldschule, Adrian Koerfer, sowie Anselm Kohn nach Berlin gekommen, der mit dem Verein "Missbrauch in Ahrensburg" die Aufklärung in der evangelischen Nordkirche vorangetrieben hat. Sie kritisierten, bis heute seien ihre zentralen Forderungen nach Aufarbeitung, Hilfe und Genugtuung nicht erfüllt worden. Katsch sagte, er erwarte vom Bundestag "ein starkes Mandat" für die Aufarbeitungs-Kommission. Dazu gehöre auch, die Entschädigungsfrage zu klären.

Kritik am Aufarbeitungsprozess

Der Eckige Tisch fordert Entschädigungszahlungen vom Jesuitenorden, die sich beispielsweise an den Zahlungen der katholischen Kirche in Irland orientieren. Sie lagen bei 60.000 bis 65.000 Euro pro Fall. Katsch nannte als Untergrenze 20.000 bis 25.000 Euro: "Das fühlt sich zumindest so an wie eine symbolische Entschädigung." Ihm gehe es heute besser als vor fünf Jahren, da die Betroffenen das Heft des Handels selbst in die Hand genommen hätten, sagte Katsch. Andererseits behandele sie die Kirche nach wie vor wie Bittsteller, statt den Dialog auf Augenhöhe zu führen. Katschs eigene Akte über die sexuelle Gewalt, die ihm als Schüler des Canisius-Kollegs angetan wurde, liegt seit 24 Jahren beim Vatikan, ohne dass er je eine Auskunft oder eine Antwort bekommen hätte.

Anselm Kohn kritisierte die Verantwortlichen in der evangelischen Nordkirche. Er sagte, der Aufarbeitungsprozess gehe bisher "allein auf unsere Knochen". Eingeräumt werde nur, was bereits bewiesen sei. Kohn forderte Entschädigungszahlungen, "die nicht aus der Portokasse beglichen werden" könnten. Die Nordkirche hat Ende 2014 als erste der evangelischen Landeskirchen einen Aufarbeitungs-Bericht vorgelegt. Die Zahl der Missbrauchsfälle in Institutionen wie Schulen, Kindergärten, Sportvereinen oder Heimen sowie im familiären Umfeld ist nicht bekannt. An das Hilfetelefon des Missbrauchsbeauftragten haben sich seit Mai 2010 rund 46.000 Menschen gewendet. Mit 27.000 von ihnen wurden Beratungsgespräche geführt. Weitere 5.200 Menschen haben sich bisher schriftlich an den Beauftragten gewendet.

Bei der von 2010 bis 2012 geschalteten Hotline der katholischen Kirche meldeten sich rund 8.500 Anrufer, von denen nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz 60 Prozent angaben, selbst Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein. 1.500 stellten einen Antrag auf die Anerkennungszahlung von bis zu 5.000 Euro. Der Jesuitenorden zahlt 5.000 Euro an die Betroffenen. In Einzelfällen wird mehr gezahlt, die Verfahren seien aber nicht transparent, kritisieren Betroffenenvertretungen wie der Eckige Tisch.