Tsunami-Gedenken: "Stillstand des globalen Atems"

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Michael Lenz

Ben Atréu Fleger hat vor zehn Jahren seine Großeltern in dem Tsunami verloren.

Deutschland spricht 2019
Tsunami-Gedenken: "Stillstand des globalen Atems"
"Wir sind den Winter über hier." Dass sich das Ehepaar Bölling-Ahrens in Khao Lak im Süden Thailands wohlfühlt, ist alles andere als selbstverständlich. Vor zehn Jahren urlaubten sie in Khao Lak, als an jenem verhängnisvollen 26. Dezember 2004 der Tsnami kam und die beiden die Monsterwelle fast nicht überlebt hätten.

Zurück in Deutschland haben sie sich beide in einer Therapie begeben. "Ohne das hätten wir es nicht geschafft, mit dem Erlebten klarzukommen", sagt Anne Bölling-Ahrens.

Im Oktober 2004 waren die Bölling-Ahrens schon wieder zurück in Khao Lak. Sie wohnten im einzigen Hotel, das der Tsunami nicht zerstört hatte und brachten Geld für die Opfer mit, das sie zu Hause unter Freunden gesammelt hatten. Zudem begannen sie mit der Unterstützung eines Waisenkinds, das in dem Tsunami seine Eltern verloren hatte. "Wir haben Bew die Ausbildung finanziert. Heute ist sie 19 und studiert in Bangkok", erzählt Frau Bölling-Ahrens stolz.

Die Bölling-Ahrens ist unter jenen gut einhundert Deutschen, Österreichern und Schweizern, die zu einem deutschsprachigen Gedenken an die Katastrophe von vor zehn Jahren nach Khao Lak gekommen sind. Zu der Feier am Strand unter wolkenverhangenem Himmel vor dem schicken Apsara Resort hatten die Botschafter der drei Länder, die deutschsprachige evangelische und katholische Gemeinde in Thailand sowie das Projekt "hoffen bis zuletzt" eingeladen. Das Projekt des Deutschen Roten Kreuzes und der Notfall Seelsorge Rheinland bietet psychosoziale und seelsorgerische Begleitung für Angehörige der Opfer des Seebebens.

Überlebende und Angehörige legen für die Toten Kränze und Blumen am Strand von Khao Lak nieder.

Die Szenerie an diesem Vormittag am Strand ist typisch für diesen Tag. Für die einen ist der 26. Dezember ein ganz normaler Ferientag. Manche liegen in Liegestühlen, lesen Bücher oder dösen. Andere baden im Meer. Zwei tätowierte Herren in Badehose kippen an der Bar zum zweiten Frühstück ein paar Bier.

Für andere ist dieser Zweite Weihnachtstag ein Tag schmerzlicher Erinnerungen. Tränen stehen vielen in den Augen, als die Namen ihrer toten oder vermissten Ehepartner, Kinder, Eltern, Großeltern oder Freunde verlesen werden. "Diese Namen wecken schöne Erinnerungen, aber sie sind auch mit Schmerzen verbunden", sagt Annegret Helmer, Pfarrerin der evangelischen Gemeinde und fügt hinzu: "Gut, dass es diese Namen gibt und dass sie sichtbar bleiben."

Bevor die Botschafter der drei Länder Kränze aus weißen Lotusblumen den blassgelben Sand des Strands von Khao Lak niederlegen verliest der deutsche Botschafter Rolf Schulze ein Grußwort von Bundespräsident Joachim Gauck. "Einheimische und Touristen fanden sich damals in einer Schicksalsgemeinschaft zusammen, die bis heute spürbar ist. Auch zehn Jahre nach der Katastrophe werden sich verwaiste Eltern, Töchter und Söhne, hinterbliebene Partner und Freunde aus vielen Regionen der Welt an den Stränden versammeln, wo 2004 der Tsunami wütete. Sie werden sich an die Verstorbenen erinnern und zugleich für die Solidarität danken, die ihnen zuteil wurde."

Nur geladene Gäste zugelassen

Zur der offiziellen Trauerfeier der thailändischen Regierung waren nur geladene Gäste zugelassen. Jeder musste Tage zuvor sich offiziell registrieren. Selbst Autokennzeichen mussten angegeben werden. Die strengen Sicherheitsmaßnahmen galten General Prayuth Chan-ocha, Thailands Premierminister und Vorsitzendem der Militärjunta "Nationaler Rat für Frieden und Ordnung". Es sollte aber wohl auch vermieden werden, dass  – wie vor ein paar Wochen bei einem öffentlichen Auftritt des Generals geschehen – Gegner der Militärjunta das Tsunamigedenken für Proteste nutzen. Ort des amtlichen Gedenkens ist ein Polizeiboot, das vor zehn Jahren vor der Küste zum Schutz eines in Khao Lak urlaubenden Enkel des Königs von Thailand lag. Die gewaltige Wucht der gigantischen Flutwelle hatte die Fregatte weit landeinwärts geschleudert.

"Wir haben in der Ferne eine graue Mauer gesehen. Sie sah aus wie eine Nebelwand. Als wir dann sahen, wie die Militärschiffe draußen rumgeschleudert wurden, fingen wir an zu laufen", erzählt Holger Jurkschatt, der damals in Khao Lak mit seiner Frau und seiner Schwägerin Urlaub machte. "Die Welle war zehn Meter hoch, als auf die Küste aufschlug", erinnert sich der Duisburger. "Zum Zehnjährigen mussten wir einfach herkommen. Meine Schwägerin ist aber leider nicht dabei. Sie konnte sich keinen Urlaub nehmen." Gut erinnert sich Jurkschatt an seine Gefühle von damals. "Ich arbeitete beim Rettungsdienst der Berufsfeuerwehr, war also mit schwierigen Situationen vertraut. Aber wenn man selbst betroffen ist, fühlt man sich so hilflos."

Die Gedenkfeier berührt viele Menschen: Als sich bei der Zeremonie am Strand die Teilnehmer zur einer Schweigeminute erheben, stehen auch die Gäste des Apsara Hotels aus ihren Liegestühlen auf. Auch das Hotel war vom dem Tsunami nicht verschont geblieben, wie sich Ben Atréu Fleger erinnert, der damals dort mit seinen Großeltern Ferien machte. "Sie haben genau hier den Tod gefunden", erzählt der 25-jährige in seiner Rede, die er bei der Feier stellvertretend für die anderen Überlebenden gehalten hat.

Erfahrung globaler Traumatisierung

Fleger geht in seiner Rede über sein persönliches Schicksal hinaus. "Meines Erachtens gibt es eine Dimension, die über die persönlichen Schicksale hinaus von entscheidender Bedeutung ist, und sie beginnt mit der Tatsache, dass wir als globale menschliche Gemeinschaft die Erfahrung globaler Trauma machen, von denen wir mal direkt, mal weniger direkt betroffen sind. Sei es ein Tsunami, eine Epidemie, eine Flüchtlingsbewegung, ein Krieg oder ein Atomkraftwerk, das uns beinahe in die Luft geht – der globale Atem steht immer wieder still."

Neben den offiziellen Feiern gedenken viele Menschen still, für sich, ohne Musikbegleitung, geistlichen Beistand und mitfühlende Reden den Lieben, die sie vor zehn Jahren verloren haben. Ein Ort für diese Erinnerung ist das Tsunamidenkmal in Ban Nam Khem, eine von ThyssenKrupp und von der thailändischen Armee gebaute begehbare Betonwelle. An der Innenwand sind Gedenktafeln mit den Namen von Tsunamiopfern angebracht. Angehörige stecken Blumen neben die Tafeln. An einer Tafel mit Thaibeschriftung hängt ein aufblasbarer Supermann. Vermutlich erinnert die Tafel an ein Kind.

Unter den Trauernden ist Gai, ein Moken, wie sich die Seenomaden der Andamansee nennen. Der Fischer aus Ban Nam Khem trägt einen Sarong und einen bunten Turban. Das traditionelle Gewandt der Moken hat Gai zu Ehren der Toten angelegt. "Ich habe damals viele Freunde verloren", sagt Gai leise und steckt eine Blume neben eine Namenstafel.