Käßmann macht Mut, den Tod ins Leben zu holen

Abschied und Trauer

Foto: Getty Images/iStockphoto/ArminStautBerlin

Begrenzte Lebenszeit macht weise: eine junge Frau lehnt auf einem Friedhof an einem Grabstein und blickt zum Himmel.

Käßmann macht Mut, den Tod ins Leben zu holen
In Deutschland sterben jährlich 860.000 Menschen. Ein jeder Verlust gehört zu den einschneidendsten Erfahrungen im Leben. Doch die wenigsten wissen, wie man tröstet und trauert. Margot Käßmann ermutigt, sich den großen Fragen des Sterbens beizeiten zu stellen, damit das Leben gelingt.

Jede Lebenszeit ist begrenzt. Das macht sie so kostbar. Doch noch immer gehöre das Thema Tod zu den großen gesellschaftlichen Tabus, sagt Margot Käßmann, Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017. Dabei wird irgendwann jeder mit den grundlegenden Fragen konfrontiert: "Wie und wo wollen wir sterben? Und wie wollen wir leben, damit wir am Ende nichts bereuen?". "Wie will ich schon jetzt leben, damit ich am Ende in Frieden sterben kann?", fragt Käßmann und sieht darin zugleich eine Antwort, wie das eigene Leben gelingen kann. "Wer sich bewusst ist, das Zeit begrenzt ist, stellt existentielle Fragen in den Vorgergrund." Dabei sei das Sterben so individuell wie die Geburt eines Menschen. Die Theologin ermutigt, Sterbende nicht allein zu lassen, Trauernde dazu, zu trauern und Menschen, die einen Trauernden kennen, dazu, diesen zu trösten.

Trauer und Trost seien wichtig. Manchen tue es gut, noch in Ruhe Abschied vom Verstorbenen nehmen zu können. Trauer sei nicht nur ein Zustand, der möglichst schnell überwunden werden müsse, sondern eine wichtige Lebenserfahrung, die uns Tiefe gebe. Hinterbliebene sollten schon früh begleitet werden, am besten schon am Sterbe- oder Totenbett. Doch die wenigsten wüssten damit umzugehen: "Was sollen wir Trauernden sagen? Oder Todkranken? Oder den Hinterbliebenen?" Margot Käßmann kritisiert: "In einer ökonomisierten Gesellschaft gibt es für Traurer keinen Raum und keine Zeit." Diese Sprachlosigkeit müsse überwunden werden.

Voller Hoffnung leben - in Frieden sterben

Viele Menschen wünschten sich einen plötzlichen Tod. Dieser sei aber für die unvorbereiteten Hinterbliebenen oft schwerer zu ertragen. Möchte ich ambulant in meiner Wohnung oder im Pflegeheim betreut werden, brauche ich eine Patientenverfügung, hinterlasse ich eine Vollmacht, wie will ich bestattet werden, welche Lieder sollen auf der Beerdigung gesungen werden, hinterlasse ich ein Testament? Solche praktischen persönlichen Vorbereitungen würden allen helfen und könnten auch Schuldgefühlen vorbeugen.

Am Ende eines Leben seien nicht Geld und Erfolg entscheidend, sondern das gelebte Leben, die Lebenslust, die Lebensfreude und das Gefühl von Dankbarkeit. Margot Käßmann versteht das Leben als geschenkte Zeit, die man nutzen, verantworten und auskosten müsse. Vom Ende her werde das Zeitliche in ein besonderes Licht gestellt: "So war mein Leben, mit Höhen und Tiefen, ich kann es zurück in Gottes Hand geben". Sie ist überzeugt: "Wer eine solche Haltung einnimmt, kann voller Hoffnung leben und in Frieden sterben."

 

Das Zeitliche segnenMargot Käßmann: Das Zeitliche segnen. Voller Hoffnung leben. In Frieden sterben. adeo, 2014.